AHA+K Abstand, Hygiene, Alltagsmaske und kontaktlos zahlen

 Kontaktlos und bargeldlos bezahlen? Ein Szenario: Es ist Samstag und ich fahre mit meinem Auto in die Stadt. Parke auf dem kleinen Markt an der Kirche. Steige aus, schiebe meine Kreditkarte in den Schlitz des Parkautomaten und wähle in 50 Cent Schritten die gewünschte Parkzeit. Meine nächste Station ist der Obststand auf dem Wochenmarkt. Ich nehme die kleine Tüte mit den Bananen und Kiwis entgegen, tippe die 10-Stellige Nummer, die der Händler auf einem Papierschild ausgedruckt in der Auslage stehen hat, in eine Bezahl-App auf meinem Handy und überweise ihm den Betrag mit einem kurzen Swipe. Kurz bevor ich wieder ins Auto steige, möchte ich noch kurz im Supermarkt vorbeischauen. Als ich an der Kasse stehe und angesichts des kleinen Betrages ein paar Münzen hervorkrame, deutet der Kassierer mürrisch auf das Schild an der Tür: “Wir akzeptieren kein Bargeld”. Also zücke ich wieder mein Handy, entsperre es mit einem Blick auf das Display und halte das Gerät dann an das Terminal. Ich frage mich, ob ich das Kleingeld in meiner Tasche eigentlich noch jemals wieder los werde.

 Vom „Krieg“ gegen das Bargeld

Diese Geschichte kommt Ihnen komisch vor? Das liegt vielleicht daran, dass das Besagte nicht in Deutschland stattgefunden hat, sondern in Schweden. Hier lebt man bereits überwiegend bargeldlos. Und das nicht erst seit gestern. Hier ist der “war on cash”, wie es der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BDGW) Harald Olschock völlig uneigennützig formuliert, bereits in vollem Gange.

Um nicht zu sagen, inzwischen soweit fortgeschritten, dass nur noch ein paar wenige Aufständische beharrlich ihr Recht auf die Nutzung von Bargeld verteidigen.

Bargeldloser Zahlungsverkehr: Zahlen zur Nutzung in Deutschland

In Deutschland hingegen glich das Vordringen der Kämpfer für einen bargeldlosen Zahlungsverkehr in den letzten Jahren eher einem zermürbenden Stellungskampf, um im Bild zu bleiben. Insbesondere bei der Nutzung von kontaktlosen Zahlungsarten, die weithin als Brückentechnologien zur vollständigen digitalen Zahlungsinfrastruktur gesehen werden. Noch 2016 gaben 54% der Deutschen an, noch nie kontaktlos bezahlt zu haben und dies auch in Zukunft nicht in Erwägung zu ziehen. Nur 10% der Bevölkerung hatten zu diesem Zeitpunkt bereits kontaktlos gezahlt und davon nur der kleinste Teil regelmäßig. 2019, also 3 Jahre später, sah die Situation bereits anders aus. 55% hatten letztes Jahr bereits kontaktlos gezahlt. Die Hälfte davon nutzte die Kontaktlosfunktion ihrer girocard, der Kreditkarte oder ihres Smartphones, dabei mindestens einmal wöchentlich.

Ein weiteres Opfer von Corona – das Bargeld?

Nun ist dieses Jahr ein anderes als alle vorangegangenen Jahre und das in vielerlei Hinsicht. Nicht nur fühlt es sich inzwischen merkwürdig an, ohne Maske das Haus zu verlassen, obwohl wir noch vor einigen Monaten halb amüsiert, halb verständnislos den Kopf schüttelten, wenn uns mal wieder eine asiatische Reisegruppe in allerlei farbenfrohen Mundschutz gekleidet über den Weg lief, sondern Corona (bzw. COVID-19) hat auch das Verhalten an der Kasse grundlegend geändert. Noch 2018 gehörte man einer seltenen Spezies an, wenn man seine Karte nur kurz an das Terminal im Supermarkt hielt. Der erstaunten Blicke seiner Mitschlangesteher war man sich endgültig sicher, wenn man nach der Frage “Bar oder mit Karte” nur kurz das Handy herauszog und mit dem, inzwischen durch die Deutsche Bank sogar medial zu einiger Aufmerksamkeit gekommenen „Ba-bing“ seine Einkaufstaschen schnappte und einfach verschwand, ohne auch nur einmal die Geldbörse geöffnet zu haben.

Corona als Treiber für kontaktloses Bezahlen

Die Pandemie sei nun dafür verantwortlich, dass die Zahlen für das bargeldlose und insbesondere kontaktlose Bezahlen seit 2019 noch einmal beträchtlich gestiegen seien. Das sagen beide Parteien. Die Verfechter des Bargeldes und diejenigen, die es am liebsten endlich loshaben wollen würden. Dabei beklagen erstere allerdings, dass die Warnung vor der Ansteckungsgefahr mit Bargeld nur Panikmache sei und Ängste bei Kunden und Verkaufspersonal schüren würde. Letztere dagegen freuen sich, dass es nun scheinbar den letzten notwendigen Impuls gegeben hat, den Weg in eine längst verschlafene Zukunft des digitalen Zahlungsverkehrs in Deutschland endlich frei zu machen.

Beim kontaktlosen Zahlen stehen Zweckmäßigkeit und Geschwindigkeit im Vordergrund

Nun scheint es so zu sein, dass das größte Ansteckungsrisiko wohl tatsächlich nicht auf den Austausch von Bargeld zurückzuführen ist, sondern auf begutachtetes und wieder zurückgelegtes Obst. Aber dies muss von den entsprechenden Experten an anderer Stelle abschließend geklärt werden. Es ist aber auch so, dass mitnichten die Angst vor einer Ansteckungsgefahr die Menschen vermehrt zu den Karten bzw. Smartphones greifen lässt.

Aktuelle TOP 3 Gründe für die Nutzung von bargeldlosem Bezahlen

Dies hat zumindest eine Umfrage von Statista in Zusammenarbeit mit gdata ergeben. Auf die Frage danach, warum sie lieber bargeldlos bezahlen, nannten nur 20,3% der Teilnehmer die Angst vor einer Ansteckung als Grund dafür. Und damit landet diese Aussage nur auf dem dritten Platz. Auf den ersten beiden Plätzen liegen hingegen die Gründe, dass man bspw. das Smartphone immer zur Hand hat, Bargeld nicht immer (32,5%), bzw. dass die Zeitersparnis an der Kasse im Vergleich zum Bargeld eine Rolle spielt (31,7%).

Bargeld – nicht mehr des Deutschen liebstes Kind?

Fakt ist, die Liebe zu ihrem Bargeld hat bei den Deutschen seit Ausbruch der Corona-Krise besonders stark gelitten und die Menschen werden sogar mutiger was die “neuen” Technologien betrifft. Inzwischen haben 75% bereits kontaktlos (also auch bargeldlos) gezahlt und ca. 64% machen dies sogar regelmäßig, haben die Forscher von Forsa im Auftrag von Visa herausgefunden. Dabei zahlen die meisten, nämlich 56% der Befragten, am liebsten mit Karte, was einem Anstieg um 3% zum Vorjahr entspricht. Nur noch 32% sagen, dass Bargeld ihr bevorzugtes Zahlungsmittel ist. Signifikant ist aber der Anstieg bei Smartphones. Hier gaben 12% der Teilnehmer an, dass dies inzwischen ihre liebste Form des Bezahlens ist. Das entspricht einer Verdoppelung zum Vorjahr.

Noch wesentlich interessanter ist allerdings, dass sich offensichtlich auch die grundlegende Einstellung zum Bargeld zu verändern scheint und zwar fast gleichmäßig über alle Altersgruppen hinweg. So hat der Digitalverband Bitkom herausgefunden, dass sich der überwiegende Großteil der Menschen in Deutschland mehr Möglichkeiten zum kontaktlosen Bezahlen wünscht. Bei der Gruppe der 16- bis 29-Jährigen sind das weniger überraschend ganze 76%. Aber selbst bei den 65-Jährigen und älter sind es noch 62%. Und hört man den Teilnehmern weiter zu, versucht der Großteil der Befragten die Zahlung mit Bargeld sogar so oft es geht zu vermeiden. Hier sind es in der jüngeren Gruppe, unter den 16- bis 29-Jährigen, bereits 84%. Aber sensationell ist, dass sogar 68% der ältesten Mitbürger, 65 Jahre und darüber, die gleiche Meinung vertreten.

Denkt denn keiner dabei an den Datenschutz? Um Gottes Willen, der Datenschutz!

Damit scheint eines der am häufigsten genannten Argumente für die Bargeldnutzung an Bedeutung zu verlieren. Nämlich, dass ältere Menschen vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden könnten, wenn Bargeld abgeschafft werden würde. Weitere Argumente bemühen regelmäßig die angeblich fehlende Ausgabenkontrolle und die generelle Sicherheit des Zahlvorganges. Außerdem darf in Deutschland natürlich die Angst vor dem mangelnden Datenschutz nicht fehlen. Martialisch klingende Aussagen, wie die vom “war on cash” des oben bereits angesprochenen BDGW und die diffuse Angst vom gläsernen Menschen, verbinden darüber hinaus raffiniert des Deutschen ureigenen Schuldkomplex mit der grundlegenden Skepsis gegenüber der technologischen Zukunft.

Kinderfotos auf Facebook? Kein Problem. Digital bezahlen? Niemals!

Dass ein Großteil der Menschen inzwischen, ohne weiter darüber nachzudenken, jedes noch so private Detail in sozialen Netzwerken veröffentlich, scheint dabei geflissentlich übersehen zu werden. So, wie es einem eben gerade passt. Auch diskutieren nicht wenige Parteien gerade über die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre. Unter dem Deckmantel der Mündigkeit kommt die für einige sehr praktische Neigung, sich Ideologien ungeprüft zu verschreiben gerade Recht, um neue Wählergruppen zu erschließen. Aber wenn es um den Kauf der nächsten Air Max geht, trauen wir unseren Jugendlichen nicht zu, den Einfluss dieser Transaktion auf ihren Kontostand nachvollziehen und nachhaltig einordnen zu können, solange sie kein Bargeld benutzen.

Dabei bietet inzwischen jede halbwegs vernünftige Banking-App eine entsprechende Übersicht. Sogar bis hin zu Analysetools, die uns unser Ausgabeverhalten bis ins Detail überwachen und planen lassen und sogar helfen, übermäßige Ausgaben zu vermeiden, bspw. mit bestimmten zweckgebundenen Unterkonten oder Ausgabengrenzen. Und natürlich sind technologische Lösungen immer einem gewissen Risiko unterworfen, missbraucht zu werden. Aber wir wagen zu bezweifeln, dass sich der geneigte Bürger die vielfältigen Möglichkeiten, einen Geldautomaten zu manipulieren, bei jeder Bargeldabhebung mit PIN bewusst ins Gedächtnis ruft und daraufhin den, insbesondere in Zeiten des umfangreichen Filialsterbens, gegebenenfalls recht langen Weg zur nächsten Bankniederlassung antritt.

Die Gründe gegen kontaktlose Kartenzahlungen sind die Gründe für das Zahlen mit dem Smartphone

Ganz im Gegenteil. Eigentlich müsste man den Übergang zur digitalen Zahlungsinfrastruktur noch beschleunigen, wenn man an Sicherheit und Datenschutz interessiert ist. Tatsächlich können Karten nämlich ausgelesen werden. Auch wenn mit der Near Field Technology (NFC), die die Basis des kontaktlosen Zahlvorganges darstellt, maximal 4 cm überbrückt werden können. Man müsste also schon sehr nah an die Karte herankommen, um sie auslesen zu können. Aber selbst wenn das gelingen sollte, kann man mit den gestohlenen Daten für maximal 50€ (vor der Corona-Krise 25€) einmalig oder bis zu insgesamt 150€ bei nicht mehr als 5 aufeinanderfolgenden Transaktionen einkaufen gehen, bevor wieder eine PIN verlangt wird. Wollte man aber wirklich konsequent sein, würde man die Bürger weniger vor den Risiken der kontaktlosen Kartenzahlung warnen, als sie möglichst schnell versuchen, für die Zahlung mit dem Smartphone zu begeistern.

Durch die Tokenisierung, wie bei Apple Pay oder Google Pay üblich, werden hier nämlich gar keine persönlichen Informationen oder Zahlungsdaten mehr übertragen. Außerdem ist die Hürde, das Smartphone missbräuchlich zu verwenden sehr viel höher als bei girocards oder internationalen Debit-/ Kreditkarten. Nicht nur müsste man den Schutz des Smartphones überwinden, auch die Bezahl-App selber müsste ausgetrickst werden. Und mit den neuesten Geräten würde das bedeuten, man bräuchte schon das Gesicht oder zumindest einen Daumen des Opfers. Wir hoffen in unserem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen, dass das zumindest für die Meisten unter uns einen ausreichenden Hinderungsgrund im Hinblick auf den potentiell geringen Profit darstellt.

Kein Bankkonto ist auch keine Lösung

Ein Punkt, der jedoch durchaus nicht von der Hand zu weisen ist, ist der Verlust der Anonymität durch kontaktloses Geldausgeben. Banken und Dienstleister erhalten bei rein digitalen Transaktionen ständig Informationen, wer, wann, wo für wieviel eingekauft hat. Nach meinen Erfahrungen hat das allerdings im günstigsten Fall die Auswirkungen, dass mehr für mich persönlich optimierte Dienstleistungen angeboten werden und im schlimmsten Fall, dass ich mit zusätzlicher Werbung zugespammt werde, die mich, angesichts der annahmegemäß sehr effizienten Auswertung meiner Daten und der damit zusammenhängenden potentiellen Überzeugungskraft, womöglich zum zusätzlichen Geldausgeben verleitet.

Wer nun darauf hinweisen will, dass es bei dieser Form des Datenschutzes ja gar nicht so sehr um den ökonomischen Aspekt der beteiligten Dienstleister und Banken geht, sondern eher um das strafrechtliche Interesse der Behörden, der hat sicherlich noch nicht erlebt, welche Auswirkungen die verspätete Zahlung der Kfz-Steuer oder die ausreichend lange Verzögerung der Überweisung des sog. Rundfunkbeitrages bereits ohne digitale Zahlungsmethoden haben kann. Würde man sich dem entziehen wollen, dann dürfte man noch nicht einmal ein Konto eröffnen. Und wir lehnen uns sicherlich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn wir behaupten, dass der Teil der Bevölkerung, der das konsequent durchzieht, eher nicht zum Kreis unserer Leser gehört.

Entwicklungsland Deutschland – auch bei der digitalen Zahlungsinfrastruktur

Trotzdem werden die Mahner ohne Frage nicht müde werden, die Risiken des bargeldlosen Zahlungsverkehrs zu betonen und weiterhin der Auffassung sein, dass Bargeld noch das wichtigste Zahlungsmittel in Deutschland ist, und auch bleiben wird (O-Ton – wer hätt‘s geahnt – BDGW). Währenddessen hat Schweden das Ziel ausgegeben bis 2030 vollständig auf bargeldloses Zahlen umgestellt zu haben. Und selbst für Deutschland prognostizieren unsere Kollegen der Unternehmensberatung Oliver Wyman, dass spätestens 2025 die umsatzbasierte Bargeldnutzung gerade noch bei 32% liegen wird. Und im selben Zeitraum sollen sich diejenigen Nutzer, die mit dem Smartphone am POS zahlen werden – und damit kontaktlos – laut Statista mehr als verdreifachen (von heute ca. 6 Mio. Nutzer auf ca. 19,7 Mio. Nutzer).

Dazu wird in Zukunft sicherlich die krisenbedingte Erhöhung des Betrages, der ohne PIN kontaktlos mit der girocard gezahlt werden kann (von 25€ auf 50€), beitragen. Wir schätzen aber, dass insbesondere die weitere Verbreitung von Zahlungsterminals mit Kontaktlosfunktion und das sich ändernde Bewusstsein der Kunden zur Zahlung von Klein- und Kleinstbeträgen im Lebensmitteleinzelhandel, zusammen mit der Deckelung der Händlerentgelte durch die MIF-Verordnung, zunehmend positiv auf die Nutzung unbarer Zahlungsmethoden auswirken wird.

Das Bäckerhandwerk als Wegweiser in die digitale Zukunft

Noch heute wird, je kleiner der zu zahlende Betrag ist, eher auf Bargeld zurückgegriffen. So finden laut Finanztest 70% der Bargeldtransaktionen im Lebensmitteleinzelhandel statt. Zum Vergleich, bei Möbelhäusern sind es 3,1%, bei Garten- und Baumärkten 3,2% und bei Bekleidungs- oder Schuhgeschäften nur 4,6%. Die Deutschen sind also noch nicht bereit, ihre Brötchen Sonntagmorgen beim Bäcker mit der Karte oder dem Smartphone zu zahlen. Und dementsprechend ist auch die Bereitschaft der Händler, die entsprechenden Möglichkeiten für kontaktloses Bezahlen überhaupt erst anzubieten.

Insofern ist es, wenigstens für die Verfechter des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, eine gute Nachricht, dass zumindest der Zentralverband des Bäckerhandwerks inzwischen eine Broschüre aufgelegt hat, deren Ziel es ist, seinen Mitgliedern und deren Kunden die Vorteile “dieser neuen” Technologie nahezubringen.

European Payment Initiative

Einheitliches Zahlungssystem für Europa, aller guten Dinge sind 3…oder 4?!

In den letzten zwei Dekaden haben sich bereits mehrfach namhafte europäische Unternehmen und Institutionen zusammengefunden, um die Entwicklung eines einheitlichen Zahlungssystems für die Eurozone voranzutreiben. Unter Namen wie Monnet, EAPS oder PayFair wollten insbesondere Banken und Zahlungsdienstleister ihre Kräfte bündeln, um die lokal sehr heterogene Zahlarteninfrastruktur mit innovativen Konzepten universell verfügbar und zukunftsfähig zu machen. Nachdem alle Initiativen gleichermaßen scheiterten, wird nun offenbar unter der Führung der EZB und der Europäischen Kommission, mit der European Payment Initiative (EPI), ein neuer Anlauf unternommen. Angesichts diverser Kommentare und Mitteilungen aus dem Kreis der Initiatoren, scheint dabei eines fest zu stehen – nicht innovative Zahlungssysteme sollen jetzt die Wettbewerbsfähigkeit in der Zukunft sichern, sondern ein aufgebohrtes SEPA-System Europa vor solchen schützen. Obwohl Ende 2019 bereits eine Entscheidung erwartet worden war, wie es mit der Initiative weitergehen soll, war es zwischenzeitlich erstaunlich ruhig geworden um das Thema europäisches Zahlungssystem. Anfang April ist nun aber ein Fragenkatalog der Europäischen Kommission aufgetaucht. Sie bittet darin interessierte Parteien, Fragen zur zukünftigen „retail payments strategy“ der EU zu beantworten. Da das Thema also kurzfristig wieder aktuell werden könnte, lohnt sich eine Analyse, ob eine solche Initiative, nach unserem bisherigen Verständnis, erfolgsversprechend sein dürfte.

Ein Pan-European Payment System? War da nicht schon einmal was?

Man könnte meinen, und täglich grüßt das Murmeltier, wenn man die nicht mehr ganz so jüngsten Mitteilungen liest, die eine neue Initiative zu einem einheitlichen europäischen Zahlungssystem melden. Wie hieß es bereits anno 2010? Vertreter von 24 Banken und europäischen Institutionen treffen sich in Madrid, um das sog. „Monnet Projekt“ ins Leben zu rufen. Es sollte dazu ausgelegt sein, ein neues „pan-European card scheme“ zu schaffen. Das Projekt wurde damals bereits 2 Jahre zuvor durch deutsche und französische Großbanken mit einer Machbarkeitsstudie ins Leben gerufen. Diese kam zu dem – durchaus begrüßenswerten – Schluss, dass eine länderübergreifende Payment Initiative zur Vereinheitlichung des fragmentierten europäischen Zahlungsmarktes und daher zur Entwicklung innovativer und nachhaltiger Konzepte beitragen würde. Im Grunde ging es hierbei aber schlicht darum, den etablierten Platzhirschen MasterCard, Visa und den einschlägigen FinTechs aus USA keine weiteren Marktanteile bei Zahlungen abgeben zu müssen und die europäische Datenhoheit zurückzuerobern. Bereits 2012 war allerdings die Luft raus und das Projekt wurde abgeblasen. Angeblich auf Grund unklarer Verhältnisse in Bezug auf die Regulierung kartenbezogener Interbankenentgelte.

2020: Zahlungssysteme zwischen Dominanz der Kreditkarten und neuen digitalen Währungen

Nun sind 10 Jahre vergangen. Die internationalen Kreditkartenfirmen haben in Europa weiter an Dominanz gewonnen – bereits 2016 erfolgten laut der EZB 67,5% der Zahlungen mittels in der EU ausgegebener Karten über die Systeme von MasterCard und Visa. Mehr oder weniger innovative Zahlverfahren sind über den großen Teich zu uns herübergeschwappt und neben privaten Konsortien wie Facebook, arbeiten bereits mehrere Länder an zukunftsweisenden Konzepten zu digitalen Währungen.

Und was kann man dieser Tage in den Nachrichten lesen? 20 europäische, insbesondere deutsche und französische, Banken haben sich zu einer Initiative zusammengeschlossen, deren Ziel es sein soll, ein „pan-European payment system“, auf Basis des SEPA Instant Settlement-Mechanismus, zu entwickeln. Was auffällt, es sind fast die gleichen Institutionen vertreten wie 2010, aber anstatt eines „card schemes“ bei Zahlungen soll jetzt ein einheitliches „payment system“ erschaffen werden. Allerdings, und das sei vorweggenommen, ist die Namensänderung kein Ausdruck einer wünschenswerten Erweiterung des Ergebnisraumes. Es ist eher die bedauernswerte Erkenntnis, dass man den Zeitpunkt verpasst hat, an dem man Feuer hätte noch mit Feuer bekämpfen können (sprich, die Dominanz der Kartenriesen noch mit einem eigenen innovativen Kartenangebot hätte brechen können).

Die EU und die große Furcht vor Innovationen

Mit der pan-European Payment System Initiative (kurz EPI, bzw. vormals unter dem Arbeitstitel PEPSI bekannt, bis sich anscheinend ein US-amerikanischer Brausehersteller ein wenig über diese Abkürzung mokierte) wollen, so scheint es, die hiesigen Banken einen erneuten, von der Industrie initiierten und geführten Anlauf in Richtung einer eigenständigen europäischen Zahlungslösung unternehmen. Tatsächlich aber legen diverse Quellen nahe, dass nicht die Banken hier die treibende Kraft sind, sondern die EZB für den neuerlichen Vorstoß verantwortlich zeichnet und auch diesmal die Furcht vor übermächtigen Kreditkartenanbietern und FinTechs von Übersee die entscheidende Rolle spielt. So warnte bspw. das ehemalige Vorstandsmitglied der EZB Benoît Coeuré in einem Kommentar zu EPI, dass „die europäischen Behörden insbesondere die amerikanischen Zahlungsanbieter als signifikante Bedrohung für die finanzielle Stabilität in der Eurozone“ sehen. Und der Vizepräsident der Europäischen Kommission Valdis Dombrovskis bekräftigte, dass „die Fähigkeit der Europäischen Union zur Entwicklung wegbereitender Innovationen in bestimmten strategischen Technologien über den Grad der Souveränität unseres Kontinents entscheiden wird“. Und der Zahlungsverkehr zähle als solch eine Technologie. Da von den beteiligten Banken bis heute keine Stellungnahme zu erhalten war, verstärkt sich der Verdacht, dass, ähnlich wie 2010, die aktuelle Initiative rund um die Zahlungssysteme kein technologisches, sondern ein politisch getriebenes Unterfangen zu sein scheint.

Im Gegensatz dazu scheint bspw. die von der Deutschen Kreditwirtschaft gestartete Initiative mit dem Arbeitstitel #DK das richtige Ziel zu verfolgen. Hier sollen die Payment-Assets am POS (girocard, bluecode) sowie im M- und E-Commerce (Paydirekt, giropay, bluecode, Kwitt) in ein konsolidiertes System integriert und unter eine einheitliche Corporate Governance gestellt werden. Inwiefern man sich dem Thema sachlich und im besten Interesse des Marktes bzw. der Kunden nähern wird, bleibt abzuwarten. Da aber davon auszugehen ist, dass die Akteure bei EPI und #DK dieselben sind, wird es spannend sein, zu sehen, welche Abhängigkeiten und Implikationen sich zwischen diesen beiden Projekten ergeben werden und man diese sinnvoll nutzt oder sich wieder einmal verzettelt.

Internationale Zahlungssysteme – und die Abhängigkeit Europas

Eine der ersten Fragen, die sich hier natürlich stellt, ist die, ob die Furcht vor dem Verlust der Souveränität gerechtfertigt ist. Und da gibt es durchaus Punkte, die nicht von der Hand zu weisen sind. So kann man im Moment beobachten, dass die USA vermehrt Sanktionsmaßnahmen als legitimes politisches Mittel betrachten. Und dieser Trend beeinflusst zunehmend auch europäische Marktteilnehmer. Im Iran-Konflikt führten technologische Abhängigkeiten dazu, dass Firmen von Airbus bis Siemens ihren Handel mit der islamischen Republik schlicht einstellen mussten, da die Abwicklung der Zahlungsströme über das in Belgien ansässige Nachrichtennetzwerk SWIFT läuft und der Aufsichtsrat u.a. aus Vertretern amerikanischer Großbanken besteht. In Russland führten ähnliche Konflikte bereits zur Entwicklung des nationalen Zahlungssystems MIR, nachdem MasterCard und Visa bei der Annexion der Krim kurzzeitig ihre Dienstleistungen für russische Banken einstellten. Aber auch ganz generell gibt es natürlich Bedenken, wenn Zahlungsströme über Netzwerke außerhalb der Eurozone abgewickelt werden. So haben europäische Institutionen keinerlei Autorität über internationale Anbieter und nur eine beschränkte Aufsicht. Viel schwerwiegender könnte allerdings das Thema Sicherheit ins Gewicht fallen, da ein gemeinsamer Währungsraum natürlich sehr viel verwundbarer für Angriffe und Störungen von außen ist.

Wie abhängig ist Europa beim Thema Zahlungssystem aber eigentlich von den internationalen Akteuren? Immerhin operieren ja auch hierzulande einheimische Kreditkarten- und Zahlartenanbieter, die nicht auf die Infrastruktur transatlantischer Unternehmen angewiesen sind. Schaut man sich bspw. den Kartenumsatz in den sieben größten Volkswirtschaften Europas an, dann wird deutlich, dass lokale Kartensysteme, wie die girocard in Deutschland oder Carte Bancaire in Frankreich, dominieren. Diese verfügen trotz der koexistierenden MasterCard- und Visa-Systeme in diesen Ländern über einen erheblichen größeren Marktanteil. Darüber hinaus gibt es im Bereich der SEPA Überweisung oder der Lastschrift faktisch keinerlei Wettbewerb und auch regionale, alternative Zahlarten, wie bspw. Klarna, Sofort oder Trustly gewinnen als Alternative zur Kreditkarte immer mehr an Bedeutung bei Kunden und Händlern. Gibt es also gar keinen Grund zur Panik?

Nun, wie oben bereits angesprochen, ist auch bei nicht kartenbasierten Zahlarten nicht auszuschließen, dass ein gewisser transatlantischer Einfluss vorhanden ist. So wird die Interbankenkommunikation bei SEPA Transaktionen unter anderem über SWIFT abgewickelt. Darüber hinaus ist dieser Dienstleister unter amerikanischer Aufsicht auch eine der offiziellen Zertifizierungsbehörden für den globalen Nachrichtenstandard ISO 20022. Dieser gilt als neuer Standard für alle Überweisungen über das TARGET System. Darauf sind auch die Real Time-Settlement Systeme der EZB (TIPS) und der EBA (RT1) ausgerichtet. Somit sind weder herkömmliche noch zukünftige Transaktionen im SEPA-Netzwerk vollständig unter europäischer Kontrolle.

Und auch wenn die lokalen Kartensysteme in den jeweiligen Ländern dominieren, so führt die mangelnde Interoperabilität der regionalen Infrastrukturen dazu, dass bereits der überwiegende Großteil an grenzübergreifenden Kartenzahlungen Co-Branded, also über das MasterCard- oder Visa-System, abgewickelt wird. Ganz zu schweigen davon, dass in den übrigen europäischen Ländern, ohne eigenes Kartennetzwerk, schon heute die internationalen Schemes bei Zahlungen führend sind.

Digitale Zahlartenlösungen werden Europa nicht retten

Jetzt könnte man dagegenhalten, dass die Entwicklung im Zahlungsverkehr ja vermehrt in Richtung digitaler Lösungen und zulasten von Kartenzahlungen geht. Aber davon abgesehen, dass auch hier die führenden Anbieter sogenannte Fin- oder Bigtechs aus den USA sind, basieren auch diese Methoden überwiegend auf der dahinterliegenden Karteninfrastruktur. So ist bei der Wallet Lösung von PayPal neben dem Konto meist eine Master- oder Visacard hinterlegt und auch bei ApplePay ist noch solange eine Kreditkarte notwendig, bis die Sparkassen es endlich geschafft haben, ihre girocard digital verfügbar zu machen.

Wesentlich entscheidender ist aber, dass bei digitalen Zahlarten das Frontend vom Backend entkoppelt wird. Heißt, der für jeden Zahlungsanbieter wichtige Zugang zum Kunden wird von der eigentlichen Leistung des Prozessierens getrennt. Der Kartenherausgeber wird zu einem reinen technischen Dienstleister degradiert, ohne Zugriff auf die so wichtigen Kundendaten. Nur der originäre Anbieter der Zahlungslösung verfügt dann noch über Informationen bezüglich Art der Transaktion, Wert und individuellen Vorlieben der Kunden. Und der sitzt bekanntermaßen eher in Amerika als in Deutschland, Dänemark oder Frankreich. Beziehungsweise inzwischen sogar vermehrt in Asien, wo mit der Tencent all-in-one Chat-Lösung WeChat, mit eingebauter Zahlfunktion, und AliPay bereits die nächsten großen Wettbewerber für die Marktführerschaft im internationalen Zahlungsverkehr in den Startlöchern stehen.

Bezahlen: eine Frage der Einfachheit und Kosteneffizienz, nicht der Nationalität

Angst ist und war allerdings nie ein guter Ratgeber, obwohl es in der aktuellen Corona-Krise scheint, als ob die Entscheidungsträger ausschließlich davon getrieben werden. Das gilt insbesondere, wenn es um technische Innovationen geht. In einer Welt des globalen Handels ist es doch wirklich fraglich, welchen Wert die Marktteilnehmer einer Initiative beimessen werden, deren erklärtes Ziel die Stärkung nationaler Identität ist. Verstehen Sie uns nicht falsch. Eine Harmonisierung des fragmentierten Zahlungsmarktes wäre durchaus zu begrüßen. Die Menge an nationalen Zahlungssystemen und Zahlarten ist unübersichtlich und ineffizient. Aber wie alle gesellschaftlichen und ökonomischen Maßnahmen, müssen sich auch Initiativen im Zahlungsmarkt an ihrer Zielerreichung messen lassen. Dabei bemisst sich die Akzeptanz neuer Formen des Bezahlens grundsätzlich aber eher an Einfachheit und Kosteneffizienz, nicht an dem Grad der größtmöglichen Abschottung.

Moderne Probleme erfordern moderne Lösungen, nur nicht in der EU?

Während auf globaler Ebene das Verlassen eingetretener Pfade als notwendige Voraussetzung für Innovation gesehen wird, suchen die europäischen Institutionen mit EPI ihr Heil im altbewährten SEPA Retail System. In der Ausprägung des SCT Inst.-Verfahrens immerhin mit der Möglichkeit, Überweisungen und Lastschriften „instant“, also unmittelbar, verbuchen und mit Inkrafttreten der PSD2 das Konzept auch auf Nicht-Banken übertragen zu können (Stichwort: Open Banking). Aber wo liegt der Mehrwert für Endkunden und die Händler? Wenn ich als Kunde einmal meine Kreditkarte bei PayPal hinterlegt habe, wieso sollte ich zu einem SEPA-basierten Angebot wechseln? Dort kann ich heute schon „instant“ Geld überweisen und brauche bis auf eine E-Mail-Adresse keine zusätzlichen Informationen beim Bezahlen anzugeben. Die PayPal Transaktion kostet mich keinen Cent und bei Bedarf ist mein Einkauf sogar über den Käuferschutz abgesichert. Bei der Überweisung über das SEPA instant Settlement-System gibt es hingegen keine Möglichkeit, mich gegen Betrug abzusichern. Ist das Geld einmal verbucht, kann ich es nicht mehr zurückholen.

Für Händler hingegen würden sich durchaus Vorteile ergeben. Eine unmittelbare Gutschrift auf dem Firmenkonto ist für sie sehr vorteilhaft. Insbesondere in Verbindung mit der Tatsache, dass der Kunde nach dem Bezahlen das Geld nicht wieder zurückbuchen kann. Auch ist bereits zu beobachten, dass Händler erfolgreich die komplizierten und teuren Kostenstrukturen der Kreditkartenanbieter zugunsten von Anbietern mit account-to-account (A2A) Lösungen umgehen (bspw. in der Luftfahrtbranche mit IATA als PISP). Aber ultimativ ist der Endkunde noch immer der entscheidende Faktor dabei, welche Zahlarten sich am Markt durchsetzen und bis jetzt haben wir noch keine Lösung am Markt oder Horizont identifizieren können, die z.B. in Bezug auf Einfachheit und Geschwindigkeit mit einer Kontaktloszahlung am POS mithalten kann, um die „Party an der Kasse“ zu vermeiden. Daher ist es zumindest mutig, anzunehmen, dass Händler alternativen, lokal begrenzten Zahlarten den Vorzug aufgrund protektionistischer Erwägungen der Europäischen Kommission geben werden.

Instant Zahlungssysteme als besondere Herausforderung für Banken

Und selbst für die Banken sind die Auswirkungen alles andere als eindeutig. Mit SCT Inst. rücken sie wieder mehr in den Mittelpunkt der Transaktion. Sie können ihren Kunden ein Zahlverfahren anbieten, das nicht nur im stationären Handel, sondern auch im E-Commerce attraktiv ist. Aber das SCT Inst.-Verfahren stellt sie auch vor wesentlich größere Herausforderungen. So sind im Regelwerk zwar die Geschwindigkeit der Nachrichtenübertragung, der maximale Betrag einer Transaktion und die Erreichbarkeit geregelt, aber nicht die Clearing- und Settlement-Mechanismen (CSM). So fällt die Bereitstellung des Überweisungsbetrages auf dem Empfängerkonto mit dem tatsächlichen Eingang des Geldes regelmäßig auseinander. Je nach Transaktionsvolumen stellt ein zeitversetztes und garantiebasiertes Settlement aber erhebliche Anforderungen an das Liquiditätsmanagement der Bank. Das bedeutet, dass Banken erst eigene Ansätze entwickeln müssen, um den Kunden attraktive Instant Payment Lösungen anbieten zu können, ohne zu große eigene Risiken einzugehen.

EPI: Die Initiative, nach der niemand gefragt hat?

Bei den unterschiedlichen Bedürfnissen und Herausforderungen stellt sich nun letztlich die Frage, sind die individuellen Interessen in der Gruppe der Initiatoren wenigstens angemessen repräsentiert. Unter dem Aspekt, dass EPI keine technologische, sondern eine politische Initiative zu sein scheint, ist es wahrscheinlich nachvollziehbar, dass in keinem der Berichte, die bis jetzt zum Thema zu lesen waren, die Namen MasterCard oder Visa als Partnerunternehmen auftauchen. Nachvollziehbar sicherlich insoweit, dass man sich ja gerade gegen die Marktmacht der genannten Firmen zur Wehr setzen möchte. Aber im Sinne der Schaffung eines neuen europäischen Zahlungssystems eher wenig verständlich. Man sollte doch meinen, dass insbesondere die deutschen Banken aus ihren Fehlern bei Paydirekt gelernt haben. Hier ist die Umsetzung einer durchaus guten Idee, an dem Versäumnis der Initiatoren gescheitert, wirklich alle relevanten Marktteilnehmer von Anfang an in die Produktentwicklung mit einzubeziehen. Doch weder werden die Schlüsselunternehmen des erfolgreichen „Vier-Parteien-Systems“ aus Banken, Acquirern, Karteninhabern und Händlern einbezogen, noch scheint eine Beteiligung von namhaften europäischen Payment-Dienstleistern geplant zu sein. Dabei sind es doch gerade Unternehmen wie Adyen, Worldline oder Nets, die ultimativ den Zugang zu den Händlern gewährleisten.

Aber wie eingangs schon beschrieben, kann man den Banken diesmal wohl keinen Vorwurf machen. Offensichtlich sind es ja die Europäische Kommission und die EZB, die, in gemeinschaftlicher kognitiver Dissonanz vereint, schreien: „jetzt erst recht“, während der Rest der Welt bereits tatsächlich an innovativen Konzepten feilt. Vielleicht sollte man einfach mal auf die Institutionen hören, die man ja eigentlich vertreten soll. Als Beispiel sei hier der Zusammenschluss von über 200 Banken und FinTechs in Deutschland unter dem Dach des Bankenverbands genannt. Bereits 2019 äußerten sich die Mitglieder explizit, dass sie „programmable digital money“ als Innovation mit dem größten Potential sehen, zur entscheidenden Schlüsselkomponente bei dem nächsten Schritt der digitalen Evolution zu werden. Und zwar insbesondere in Bezug auf Kosteneffizienz, Einfachheit und (Achtung: Europäische Kommission) Wettbewerbsfähigkeit. Denn im Zeitalter des „Internet of Things“ und mit 5G in den Startlöchern, wird die, auf Europa beschränkte, schnelle Übermittlung von XML-Nachrichten wohl langfristig eher keinen Wettbewerbsvorteil mehr darstellen. Dann reden wir über Zahlvorgänge, die heute noch gar keine Rolle spielen, bspw. wenn in Zukunft ein autonomes E-Auto an eine Ladesäule fährt und die getankte Menge mittels Krypto- oder Digitalwährung direkt bezahlt. Eine Bank wird dann nicht mehr zwangsläufig notwendig sein. Das Geld wird vom Wallet des Zahlers, auf Basis einer entsprechend digitalen Übertragungstechnologie, direkt in das Wallet des Empfängers gebucht.

Regulatorische Rahmenbedingungen: Das A und O für ein innovatives Wettbewerbsumfeld der Zahlungssysteme

„Dafür ist es aber notwendig, dass die entsprechenden regulatorischen Rahmenbedingungen geschaffen werden“, sagt Gilbert Fridgen, Gründer und Leiter des Fraunhofer Blockchain-Labors. Und genauso äußern sich die Unternehmen des Bankenverbands. Geht es nach ihnen, dann sollten die Gesetzgeber und Regulatoren die notwendige Basis für digitale Innovationen schaffen und die privaten Institutionen würden ihren Teil zur Entwicklung eines nachhaltigen und innovativen Währungssystems schon beitragen. Inwieweit die Banken tatsächlich bereit sind, weiter an ihrem eigenen Ast zu sägen, bleibt dabei abzuwarten. Aber insbesondere in Bezug auf technische Innovationen ist die Schaffung eines regulatorisch begünstigten Wettbewerbsumfeldes für Zahlungssysteme wohl eher zielführend, als das Zementieren wenig zukunftsorientierter Marktstrukturen, wegen des angeblichen Verlustes nationaler Souveränität.

„Status Quo im B2B-Zahlungsverkehr: vom Wunsch zur Wirklichkeit“

Während die Bürger in Deutschland neue und innovative Bezahlformen jenseits von Bargeld, mobile-only Banken und weitere, u.a. durch Fintechs getriebene Entwicklungen rund um Prozesse der Zahlung im Privatgebrauch bewusst oder unbewusst verwenden, stockt die Nutzung innovativer Verfahren in anderen Bereichen der Banken. Die Rede ist von dem komplexen Themengebiet des Corporate Bankings, hier im Speziellen mit Blick auf den Zahlungsverkehr.

Doch warum ist das so?

Wir fangen mit einem Beispiel an: „Helfen Sie bitte dem Prokuristen der Firma XY beim Ausfüllen des Überweisungsträgers und reichen danach noch die Diskette für den Gehaltslauf ins Back-Office ein?“ Kommt Ihnen das auch bekannt vor? So oder so ähnlich könnte sich nämlich die Anfrage des Kassierers in der Ausbildung einer Bankkauffrau oder eines Bankkaufmanns angehört haben.

Die Ausbildung wurde vor Jahren beendet und (zum Glück) hat sich im Zahlungsverkehr abseits von Bargeldzahlung und Konto einiges getan. Oder ist der Unterschied zu damals gar nicht so groß? Zum Vergleich: Vor gut 10 Jahren präsentierte Steve Jobs das erste iPhone. Wenn man bedenkt, welche Entwicklungsstufen das iPhone als Smartphone seitdem durchlaufen hat, dann ist die Weiterentwicklung des Zahlungsverkehrs bei Corporate Banking Kunden in der letzten Dekade sehr zurückhaltend verlaufen.

Anforderungen an den Zahlungsverkehr unterscheiden sich wesentlich bei den Nutzern (Privatkunde oder Firmenkunde). Die Vordenker, Digital Natives und Technik-Nerds legen in ihrem privaten Umfeld Wert auf eine ansprechende User Experience und innovative Features. Sie wollen weit über das Onlinekonto allein inzwischen sämtliche Facetten des Bankgeschäfts digital genießen. Unternehmen achten jedoch viel stärker auf Fragestellungen wie Sicherheit, Datenschutz, Stabilität der Systeme und dem (leider) allseits bekannten „never change a running system (in gut schwäbisch „des isch halt so…“). Trotz verstärkter privater Neugierde nach innovativen, digitalen Produkten rund um Finanzen und Geld bleibt der Fortschritt bei Firmenkunden nahezu aus.

Doch was oder wer kann Innovationstreiber sein und wohin entwickelt sich der Zahlungsverkehr eines Firmenkunden?

Ein Unternehmen hat zwei wesentliche Anforderungen an seinen Zahlungsverkehr

1.) Erhalt von Informationen in Form eines (elektronischen) Kontoauszuges und

2.) das Ausführen des Zahlungsverkehrs (z.B. Überweisung)

Gesteuert wird dies meist über ein Electronic Banking-System. Kommunikation ist in weiten Teilen über den EBICS Standard definiert. Vor allem die SEPA Einführung war und ist für viele Firmenkunden ein (erster) großer Schritt in Richtung Professionalisierung des Zahlungsverkehrs (ZV) gewesen. Das bewusste Auseinandersetzen mit dem bestehenden Weg des ZV-Managements zeigte den Status Quo auf und verdeutlichte die Stärken aber vor allem auch die Schwachstellen. SEPA gab dem Cash Manager/Treasurer ein Werkzeug an die Hand, welches bei richtigem Einsatz die Effizienz steigerte und weiterhin steigern kann. Durch die Einführung von SEPA wurden z.B. Formate definiert, die im SEPA Raum identisch sind und somit über die Landesgrenzen hinweg Zahlungsverkehr einfach gestaltet.

Nun kommen jedoch einige Einschränkungen hinzu. Sehr häufig nutzen v.a. mittelständische Unternehmen Systeme für den Zahlungsverkehr und die Kontoverwaltung, die zwar die Mindestanforderungen an ein Electronic Banking-System erfüllen, eine Modernisierung, Automatisierung und Professionalisierung des Zahlungsverkehrs innerhalb der Unternehmen jedoch ausbremsen. Woran liegt das? Gewohnheit, Angst vor Veränderungen, persönliche Vorlieben, kein Vertrauen in nachkommende Generationen und Technologien?

Schnell sind wir beim Henne-Ei Problem. Sollten Banken den Weg vorgeben und ihre eigene Digitale Agenda den Unternehmen aufdrücken und z.B. moderne Electronic Banking-Systeme mit tollen Features am besten über die Block Chain (etwas überspitzt) und schnittstellenoptimiert anbieten? Oder muss dieser Impuls auch von den Unternehmen ausgehen? Müssen die Banken ihre Kunden hier noch viel stärker in die Pflicht nehmen oder muss hierfür erst ein gegenseitiges Verständnis hergestellt werden? Ist ein solches, ja fast schon kooperatives, Verhalten überhaupt möglich oder ist das Kunde-Dienstleister Verhältnis hierfür zu stark ausgeprägt?

Was wollen die Unternehmen in Sachen Zahlungsverkehr?

Laut einer Studie der Commerzbank gemeinsam mit der FH Mittelstand möchten Unternehmen heute jederzeit ihre Liquidität und Zahlungsströme ganzheitlich steuern. Früher wurde verwaltet, heute effizient, aktiv und professionell gesteuert – auch durch den Einsatz von Software. Gründe hierfür sind Transparenz, verringerte Transaktionskosten, konzerninternes Liquiditätsmanagement und Automatisierung. Ein Cash Management System/Electronic Banking-System nutzen mittlerweile ca. 50 Prozent aller Unternehmen (sowohl im Large Corporates Bereich als auch bei KMUs).

Trotz des Einsatzes eines Electronic Banking-Systems nutzen lediglich 10 Prozent der Unternehmen auch den Zugriff über eine App auf Mobilfunkgerät oder Tablet. Anders als im Privatgebrauch, wo mittlerweile eine Vielzahl an Drittanbietern auf unsere Finanzdaten zugreift, wollen Unternehmen nicht, dass ihre Daten von Drittanbietern genutzt werden (ausgeschlossen hiervon sind Steuerberater/Wirtschaftsprüfer). Dies gaben 75 Prozent der Befragten an. Eine ähnlich hohe Zahl an Nutzern von Cash Management Systemen erwartet u.a. aus den genannten Gründen von Datenschutz und Sicherheit keine Vernetzung des Cash Management mit anderen innerbetrieblichen Systemen. Verwunderlich, wenn man sich die bereits beschriebene Innovationsneugierde im privaten Umfeld und Digitalisierungsaktivitäten in anderen Bereichen eines Unternehmens anschaut.

Dennoch bemühen sich viele Mitarbeiter in Finanzabteilungen und haben den Anspruch, die lange gewachsenen Strukturen Stück-für-Stück in die moderne und digitale Welt zu transformieren. Keine Quantensprünge, sondern den Gegebenheiten angepasst. An dieser Stelle kommen dann die Banken ins Spiel.

Was wollen die Banken rund um die Zahlungsverkehr der Zukunft?

Aus der Attraktivität und dem Ertragspotenzial der Firmenkunden sollten sich die hiesigen Banken Ableitungen überlegen. Das Vertrauen ist weiterhin groß, die Wechselhürden nach dem Einrichten eines funktionierenden Electronic Banking-Systems samt Zahlungsverkehr hoch. Genügend Gründe auch in Zukunft als Dreh- und Angelpunkt der Finanzen eines Firmenkunden zu fungieren. Zeit zum Ausruhen bietet sich jedoch nur bedingt. Die Banken befinden sich in einem kompetitiven Verdrängungsmarkt und werden durch große ausländische Bankinstitute und vor allem Technologiekonzernen attackiert.

Banken bieten ihren Kunden häufig Kooperationen mit Partnern oder errichten Plattformen, die den Kunden vermeintliche Mehrwerte liefen, ohne auf die konkreten Wünsche der Kunden einzugehen. Die vielen guten Ideen von Fintechs und Ansätze aus dem eigenen Haus werden als unfertiges Stückwerk ohne (gefühlt) klare Strategie dem Kunden zur Verfügung gestellt. Ob der konkrete Bedarf vorhanden ist, wird häufig erst im nächsten Schritt hinterfragt. Die Entwicklungen innerhalb der Banken werden somit unabhängig vom Kunden und in vielen Fällen am Kunden vorbei entwickelt.

Banken wollen durch Beratungsstärke und Fachwissen dem Kunden ihre Dienstleistungen schmackhaft machen. Die Transaction Banking Abteilungen beraten ihre Kunden mit Experten zu allen Themen und Informationen rund um das Transaktionsgeschäft. Gerade komplexere Themen, wie der Verkauf und die Zahlung einer Maschine oder die Erbringung einer Dienstleistung im Ausland sind komplex, grenz– und währungsübergreifend und benötigen die Expertise oder das Korrespondenzbankennetz der Bank. Hier haben die Banken aktuell noch ein sehr großes Asset, dass es zu verteidigen gilt. Viele neue Player am Markt, man denke zum Beispiel an Transferwise beim Auslandszahlungsverkehr, bilden Dinge ab, die ursprünglich eine traditionelle Bankendomäne sind (siehe hierzu auch den Blogartikel von Michel Hilker „Quo vadis AZV“).

Banken wollen darüber hinaus nicht nur ihre Firmenkunden glücklich machen, sondern auch ihre eigenen Prozesse weiter vorantreiben. Denn um einen Kunden ein innovatives Produkt anzubieten muss man selbst auch eine innovative Bank sein, die diese Produkte auch bereitstellen und ausführen kann. Häufig ein Bruch im Gedankenspiel zwischen dem Wunschgedanken „moderne Bank“ und Realität.

Gemeinsamer Nenner!?

Wir sehen, dass eine Professionalisierung und ein gewisses Umdenken in den Finanzabteilungen von Unternehmen begonnen hat. Der Wunsch nach Veränderungen ist da, gleicht aber aus Sicht der jeweiligen Abteilungen häufig einer Operation am offenen (ZV-) Herzen. Eine Anpassung ist nur Schritt für Schritt möglich. Die Bank muss systemseitige Voraussetzungen schaffen, um neue Systeme, Prozesse und Anforderungen umsetzen zu können und nicht auf ihrer „Legacy“ sitzen bleiben. Das oft genannte „vom Kunden her denken“ muss auch im Corporate Banking weiter stark im Fokus stehen. Ein Alleingang der Banken sollte vermieden werden.

Die Unternehmen müssen den Wandel ihrer Systeme einleiten und eng begleiten, eine starke Selbstverpflichtung der ausführenden Mitarbeiter und des Managements muss vorliegen. Das aktive Auseinandersetzen mit dem Thema Zahlungsverkehr muss ein wesentlicher Bestandteil des Stellenprofils sein.

Ein Großteil der mittelständischen Unternehmen sollte der nachkommenden technischen wie personellen Generationen in den Finanzabteilungen die Chance geben, neue Ansätze zu implementieren und diesen Ansätzen sowie den Ausführenden zu vertrauen. Sonst bleibt der Wunsch nach Fortschritt nur ein Wunschgedanke – und dies nicht nur den Zahlungsverkehr betreffend.

„Fluch oder Segen – vom (Miss-)Verständnis zwischen Banken und FinTechs?“

Sind Banken und FinTechs in der Realität angekommen?

Banken und FinTechs, vor nicht allzu langer Zeit noch wie Feuer und Wasser, sind inzwischen in der Realität angekommen. Die FinTechs suchen immer häufiger Unterstützer für die eigenen Ideen und finden diese mehr und mehr im Bankenumfeld, denn auch hier hat ein Umdenken stattgefunden. Und jedes der beiden ehemals „verfeindeten“ Lager scheint seine Position im Spiel um die Kundengunst gefunden zu haben und besinnt sich auf seine Stärken.

Wie kam diese Entwicklung zustande?

Einen nicht unwesentlichen Anteil an der Entwicklung hatten die Medien mit ihrer teils scharfen Berichterstattung. Es wurde das Lied auf das Bankensterben angestimmt, weil die jungen Wilden nun sämtliche Aufgaben der Banken übernähmen und das besser, als diese es je könnten. Dass einige FinTechs zu diesem Zeitpunkt bereits verstanden hatten, wie eine Zusammenarbeit mit den Banken funktionieren kann, blieb dabei unerwähnt.

Doch wie sieht es nun wirklich aus?

Aktuell jagt eine Nachricht über große Finanzierungsrunden für FinTechs die nächste und die Ideen für Dienstleistungen im Finanzsektor werden nicht weniger. Alleine in 2018 wurden im Schnitt pro Woche etwa zwei FinTechs gegründet.

Betrachten wir nun den für uns besonders interessanten Bereich Payments/Zahlungsverkehr, so bewegen wir uns bei den Neugründungen im Bereich und nur etwa zwei Prozent konnten Kapital für ihre Ideen einsammeln.

Warum ist das so?

Was haben die noch am Markt befindlichen FinTechs anders gemacht als diejenigen, die nach dem Verbrauch des Kapitals die Segel streichen mussten, weil sie an der Realität scheiterten? Denn auch diese Nachrichten treten in gleicher Frequenz auf wie die zu Finanzierungsrunden.

Erfolgreiche FinTechs haben allesamt erkannt, dass eine Kooperation mit Banken der richtige Weg zu sein scheint. Hier seien exemplarisch N26, Kontist, Deposit Solutions und  Raisin (u.a. Weltsparen) genannt.

Außer bei N26, die bereits über eine Banklizenz verfügen, nutzen die anderen Unternehmen ein Bankinstitut als Lizenzschirm und auch zur Abwicklung als Basis für den erfolgreichen Betrieb ihrer jeweiligen Geschäftsmodelle.

Besonders wenn das Geschäftsmodell des FinTechs vorsieht, einzelne Teile des Bankgeschäftes zu übernehmen/verbessern/vereinfachen, ist eine Kooperation der Königsweg. Der Versuch, Banken von ihrem ureigenen Terrain vertreiben zu wollen, meist getrieben von übertriebenem Selbstbewusstsein, endete selten gut. Die meisten heutige FinTech Startups haben diese Strategie auch längst verworfen.

Gründe hierfür sind schnell gefunden, denn die Assets der beiden Parteien könnten nicht unterschiedlicher verteilt sein.

Auf der einen Seite stehen die etablierten Banken, die sich in einem stark (viele sagen über-) regulierten Markt bewegen. Auf der anderen Seite befinden sich die FinTechs, die ihren Ideen freien Lauf lassen können und quasi auf der grünen Wiese  Lösungen entwickeln, die den Kunden in den Fokus stellen.

Beide Parteien entwickeln sich in sehr unterschiedliche Richtungen und machen ihre jeweiligen Jobs in hoher Qualität. Banken macht niemand etwas vor, wenn es darum geht, ein neues regulatorisches Thema anforderungswirksam umzusetzen. Die Fähigkeiten zur Entwicklung neuer Ansätze, Modelle und Ideen sind jedoch deutlich weniger ausgeprägt. Ein weiterer Vorteil und großer Mehrwert der klassischen und etablierten Banken stellt das vorhandene Kundenportfolio dar. Die FinTechs hingegen haben das umgekehrte Problem, dass sie noch keine oder eine sehr kleine Kundenbasis haben. Ebenso sprudeln sie vor neuen Ideen und entwickeln Lösungen konsequent und schnell vom Kundenbedürfnis her. Geht es um die Integration in bestehende Legacy-Systeme und Umsetzung regulatorischer Anforderungen, tun sie sich extrem schwer und tendieren dazu, diesen Aufwand massiv zu unterschätzen, auch in ihren Kalkulationen. So sind schon einige gute Ideen an den Regulierungsanforderungen des Bankensektors gescheitert.

Wie bringt man nun beide Seiten zusammen?

Die Herausforderung liegt nun darin, die beiden Seiten zusammen zu bringen und jede Partei ihr Steckenpferd reiten zu lassen. Hierzu gibt es einige erfolgreiche Modelle wie oben bereits erwähnt.

Der Ansatz, aus beiden Welten das Beste zu nehmen und nicht alles selber machen zu wollen, kann sich dann für beide Seiten als Erfolgsmodell herausstellen. Dies konnten wir auch auf der diesjährigen FinTech Week in Hamburg Mitte Oktober sehr deutlich feststellen. Es war auffällig, dass ein Kuschelkurs zwischen Banken und FinTechs herrschte; das wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen, ließ man doch keine Möglichkeit aus, dem anderen seine Unzulänglichkeiten vorzuhalten.

Auch die BaFin machte deutlich, dass an ihr kein Weg vorbeiführt. Mich persönlich hat ein Auftritt des BaFin-Präsidenten auf einer Veranstaltung in Berlin besonders beeindruckt. Dieser Auftritt war von unnachahmlicher Klarheit und machte deutlich, dass die limitierenden Elemente und Compliance-Anforderungen der Bankenaufsicht von FinTechs nicht umgangen werden können. Auch er wies deutlich darauf hin, dass nur Unternehmen am Markt erfolgreich sind, die sich hiermit auseinandersetzen, entweder selber oder in Kooperationen mit bestehenden Instituten.

Zudem ist man auch auf Seiten der Gesetzgebung deutlich liberaler und marktoffener geworden. Es wurden eigens FinTech-Gremien installiert, die den Markteintritt begleiten und erleichtern sollen, zudem wurden auch die Registrierungshürden deutlich gesenkt. Dialog war auch hier der Treiber.

Es ist also von allen Seiten viel Bewegung im Markt, die Teilnehmer bewegen sich aufeinander zu, vergessen sind scharfzüngige Kommentare zu den „Altbänkern“ von Seiten der Jungen Wilden und die „Mal Abwarten“-Kommentare des Establishments.

So muteten die Diskussionspanels der FinTech-Week doch auch ein wenig langweilig an, denn es gab keinen Dissens. Vielmehr wurde deutlich, dass die FinTechs die Banken als Partner gewinnen möchten und nicht als Gegenspieler sehen. Bei der Vorstellung der „Big Four“ aus Hamburg auf einer Panel-Diskussion wurde deutlich, dass die Probleme der FinTechs auf keinen Fall durch die Banken hervorgerufen werden, sondern eher organisatorischer Natur sind.

Auf einem anderen Panel zeigten vier erfolgreiche FinTechs, welche konkrete Rolle Banken in der Zusammenarbeit spielen und von welcher Wichtigkeit sie sind. Die Sutor Bank als eines der Institute, die den Weg der Kooperation konsequent verfolgen, machte deutlich, wie es gelingen kann und auch für die Institute einen Mehrwert bringt. Die schwierigen regulatorischen Themen wurden von der Bank bearbeitet und für die FinTechs zur Verfügung gestellt. Diese konzentrieren sich auf die Entwicklung eines tragfähigen Geschäftsmodells, welches auch längerfristig erfolgreich sein kann. Die Solaris-Bank sollte in diesem Zusammenhang auch genannt werden, weil sie dieses Modell schon länger konsequent verfolgt. So hat jeder seine Assets optimal eingebracht und eine langfristige Partnerschaft ist doch genau das was beide Parteien benötigen.

Was heißt das zusammenfassend?

Somit bleibt zusammenzufassen, dass Kooperationen für beide Lager lohnend sein können, sie müssen aber sinnvoll und verständnisvoll gemanagt werden. Im Rahmen von Überlegungen zu Kooperationen von unterschiedlichen Marktteilnehmern konnte OSTHAVEN in einigen Fällen bereits erfolgreich Projekte begleiten und Marktteilnehmer zusammenbringen. Aus diesen Erfahrungen heraus kennen wir die häufig auftretenden Schwierigkeiten von beiden Seiten und haben sinnvolle abgestimmte Lösungsansätze erarbeitet.

„Quo vadis Auslandszahlungsverkehr?“

Neue Anbieter drängen in einen von Banken bisher dominierten Markt.

Bisher ging man insbesondere in den Banken davon aus, dass der Auslandszahlungsverkehr ein Monopol der Banken sei. Denn bisher war es aufwändig und kompliziert, diesen Service zu erbringen. Für den grenzüberschreitenden Geldtransfer sind Korrespondenzbanken in den verschiedenen Zielmärkten bzw. bereits schon auf dem Weg dahin erforderlich. Daneben arbeiten in den Banken eine Vielzahl an Experten für den Auslandszahlungsverkehr, um die ganze Bandbreite von verschiedenen Dienstleistungen zu erbringen. Dieses „quasi Monopol“ der Banken im Auslandszahlungsverkehr (den Bargeldtransfer von Western Union und Co. Mal ausgeschlossen) löst sich langsam auf und es etablieren sich neue Anbieter erfolgreich im Markt für den Auslandszahlungsverkehr.

Was macht die neuen Anbieter so erfolgreich?

Einige dieser Anbieter haben sich schon erfolgreich am Markt positioniert. Z.B. transferiert das im Jahr 2010 in London gegründete Unternehmen TransferWise nach eigenen Angaben monatlich Beträge im Wert von 2 Mrd. US Dollar und hat bereits 4 Mio. Kunden. Weitere Anbieter im Markt sind u.a. WorldRemit, Remitly oder Azimo.

Warum sind TransferWise und Co so erfolgreich? Die neuen Angebote sind konsequent vom Kunden her gedacht; nicht zuletzt, da sie von frustrierten Bankkunden aufgebaut wurden. TransferWise wurde gegründet, weil die Gründer als Arbeitnehmer im Ausland immer wieder hohe Gebühren für Zahlungen in die Heimat bezahlen mussten. Dabei war es das Ziel, den Geldtransfer von einem Konto auf ein anderes so einfach und günstig wie möglich zu machen. Neben einer einfach zu bedienenden App wurde dieses Ansinnen auch über ein Cash-Pooling erreicht, in dem die verschiedenen Zahlungsströme aggregiert und entsprechend verrechnet werden. Somit muss nur ein Bruchteil der ursprünglichen Summen (Spitzenausgleich) tatsächlich grenzüberschreitend transferiert werden; der Großteil der Zahlungen kann über eine nationale, und damit deutlich günstigere, Verrechnung erfolgen.

Neben den neuen Anbietern bieten aber auch die die etablierteren Marktteilnehmer wie Western Union oder MoneyGram eine Alternative für Kunden, die Geld international versenden wollen.

Das neue digitale Angebot ist eine typische disruptive Innovation

Eine normale Standard-AZV Überweisung kostet bei einer Bank ab ca. 15 Euro. Bei TransferWise starten die Gebühren bei ca. 2 Euro, bei Azimo, einem weiteren digitalen Anbieter, kostet eine Überweisung im Regelfall 2,99 Euro. Bei Western Union beginnten die Kosten für (unbare) Transaktionen bei 5,00 Euro.

Das Angebot der Banken ist in der Regel an den hohen Ansprüchen und umfangreichen Bedürfnissen großer Geschäftskunden ausgerichtet. Daneben bestehen aber auch deutlich einfachere Kundenbedürfnisse, insbesondere von Privatkunden oder kleineren Unternehmen (KMUs). Beispielhafte Auswertungen zeigen, dass insbesondere diese Kundengruppen die neuen Dienstleister nutzen. Es sind nicht nur Privatkunden, sondern insbesondere auch Geschäftskunden, die die niedrigen Gebühren, das einfache Handling und die schnelle Ausführung schätzen, obwohl der Umfang der Dienstleistungen deutlich geringer ist. Somit handelt es sich hierbei um eine potentielle disruptive Innovation.

Was können Banken tun?

In einem ersten Schritt sollten Banken analysieren, wie viele ihrer eigenen Kunden aktuell schon die neuen Anbieter nutzen. Bei einer Analyse für eine Bank durch OSTHAVEN hat sich gezeigt, dass bereits heute durch die Nutzung von TransferWise und Co. der Bank potentielle Gebühren in Höhe von ca. 250.000 Euro p.a. entgangen sein könnten. Auch wenn hier aktuell noch wenige Transaktionen im Verhältnis zum Gesamtvolumen betroffen waren, glauben wir, dass Kunden in Zukunft immer häufiger Nicht-Banken für den Geldtransfer über Ländergrenzen hinweg nutzen werden (die sich wiederum der Infrastruktur der Banken bedienen) und somit weitere Erträge der Banken erodieren.

Neben der Beobachtung der Entwicklung im Nutzungsverhalten der eigenen Kunden sollten Banken weitere Aktivitäten prüfen. Unsere (nicht vollständigen) Ideen:

  1. Soweit noch nicht geschehen, Einbindung des AZV ins Onlinebanking und in die eigenen Apps
  2. Anpassung der Gebührenmodelle, insbesondere für einfache Zahlungsangebote wie die relativ standardisierten Überweisungen z.B. nach Großbritannien oder andere europäische bzw. westliche Länder.
  3. Überlegung, ob Kooperationen mit den neuen Anbietern sinnvoll sein können, um Kunden einen günstigen und einfach zu bedienenden Auslandszahlungsverkehr anzubieten. Dies auch vor dem Hintergrund, dass Banken die Entwicklung sicher nicht aufhalten können. Aber mit einem passenden Profit-Sharing Modell könnten Banken weiterhin (teilweise) an den Erträgen aus dem Geschäft partizipieren. Zudem ließen sich bei einer teilweisen Verlagerung der Standard-Dienstleistungen Einsparungen erzielen.

Erste Banken, wie N26, bieten bereits die Dienstleistungen von TransferWise auf ihrer Plattform an. Damit bieten sich diesen Banken zwei Chancen, sie bieten ihren Kunden eine moderne und zeitgemäße Dienstleistung an und müssen zweitens nicht die aufwendigen Anforderungen für den Auslandszahlungsverkehr alleine umsetzen, sondern können auf Drittdienstleister zurückgreifen.

Bankenvielfalt im Spannungsverhältnis von Innovation und Wirtschaftlichkeit

Kontinuierlicher Rückgang der Anzahl deutscher Banken und Sparkassen.

Per Ende 2017 gab es lt. Deutscher Bundesbank in Deutschland 1.823 Kreditinstitute (Banken und Sparkassen); gegenüber dem Jahr 2007 ist dies ein Rückgang von knapp 20 Prozent.

Allein seit 2015 hat sich die Anzahl der Sparkassen nach Angaben des Sparkassenverbandes um 28 Institute auf 385 (Stand Mai 2018) reduziert. In der genossenschaftlichen Finanzgruppe hat sich die Anzahl der Institute im gleichen Zeitraum sogar um 106 Banken reduziert, auf jetzt 915. Der Bundesverband BVR rechnet mit weiteren Fusionen, jedoch in diesem Jahr auf niedrigerem Niveau als z.B. in 2017 mit einem Rückgang der Institutsanzahl um insgesamt 57

So steigt z.B. seit einigen Jahren die Zahl der Fusionen im Bereich der Sparkassen deutlich an. Die Treiber sind natürlich die Digitalisierung, aber auch die zunehmende Regulatorik im Finanzumfeld sowie die demografische Entwicklung. Bemerkenswert ist, dass die Gesamtzahl der Sparkassen von 594 Instituten im Jahr 1998 auf 390 zum 31. Dezember 2017 zurückgegangen ist – ohne dass ein Institut geschlossen wurde.

Die Zahlen der Vergangenheit sprechen demnach eine deutliche Sprache; verstärkt wird dies zudem durch die laufende Reduktion der Filialen in Deutschland. Nun ist dies zum einen ebenfalls eine Reaktion auf den digitalen Wandel und das sich hieraus ergebende immer weniger ausgeprägte Erfordernis der Filiale als Informations- und Vertriebskanal. Die digitalen Angebote der Banken und Sparkassen (oder alternative Marktplätze wie Interhyp, Finanzcheck oder Zinspilot) werden immer stärker zum primären „Banking-Kanal“. Zum anderen sei Deutschland, wie man seit Jahren immer wieder liest, overbanked. Meines Erachtens gilt dies v.a. institutsübergreifend insbesondere für die Anzahl der Filialen (ok, immer weniger in ländlichen Regionen…). Nach wie vor ist es nicht ungewöhnlich, dass in einer Straße einer deutschen Großstadt drei Filialen eines Instituts anzufinden sind.

Wie geht es weiter?
Wie wird sich der Trend in der Zukunft gestalten? Wird es zu einer Weiterentwicklung kommen oder wird sich das „Bankensterben“ fortsetzen? Hierzu am Rande: keine Sparkasse oder Genossenschaftsbank ist bisher gestorben; es kam nur zu Fusionen innerhalb der jeweiligen Bankengruppe. Und an den letzten Tod einer relevanten Privatbank können sich nur die wenigsten erinnern – seit 2001 musste die Einlagensicherung für 10 insolvente Banken aufkommen, die letzte war im Februar 2018 die Dero Bank.

Die Unternehmensberatung Oliver Wyman malt die Zukunft deutscher Kreditinstitute in ganz schwarzen Farben; so geht man dort davon aus, dass aufgrund der zunehmenden Bedeutung von FinTechs und den großen IT-Konzernen wie Google, Apple, Amazon und Facebook die Anzahl der deutschen Banken im Jahr 2030 auf bis zu 150 sinken könnte.

Es gab zu der Prognose der Kollegen intensive Diskussionen (nicht nur) in den sozialen Medien und man kann von dem reißerischen Aufmacher halten was man möchte, aber alle sind uneingeschränkt der Auffassung, dass die Anzahl der Banken weiter zurückgehen wird. Uneins sind sich die Experten jedoch ob der Konsequenzen einer immer weiter zurückgehenden Diversifikation der deutschen Bankenlandschaft. Und zudem sollte die Frage erlaubt sein, ob eine Fusion zweier (oder ggf. mehrerer) Institute die grundlegenden Probleme löst, die diese Institute überhaupt erst in Fusionsüberlegungen getrieben haben.

Aktuell wird heiß diskutiert und in Teilen von Politik, Wirtschaft und Medien gar gefordert, dass es zu einer Fusion zwischen Commerzbank und Deutscher Bank kommen solle. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit stellt sich demnach mehr denn je. Dieser Frage wird im Folgenden mit Hilfe einiger (ja, auch provokanter …) Thesen nachgegangen.

Löst eine Fusion (oder eine Übernahme) grundlegende Probleme deutscher Banken bzw. welche Probleme löst eine Fusion aus?

These I: Fusionen rechnen sich nicht
Es gibt Beispiele, in denen sich Übernahmen einer Bank durch eine andere lohnen (oder in denen geplant ist, dass es sich rechnet …). Als aktuelles Beispiel sei hier die Übernahme der in Abwicklung befindlichen Düsselhyp durch die Aareal Bank genannt. Aber dieses Beispiel ist nicht wirklich geeignet, da Aareal kein strategisches Interesse an Düsselhyp hat, sondern nur positive Einmaleffekte im Rahmen der Abwicklung nutzen möchte.

In der Realität sieht es bei echten Fusionen bzw. Übernahmen jedoch anders aus. Man halte sich nur die noch andauernden Versuche der Schaffung einer einheitlichen IT Plattform bei der Deutschen Bank vor Augen; die Postbank läuft immer noch in weiten Teilen für sich, das Projekt Magellan, das die Basis für eine einheitliche Plattform schaffen sollte, wurde von der Bank gestoppt.

Die Schaffung einheitlicher IT Systeme ist immer mit dem Wechsel von IT Systemen und der Erfordernis von Prozessanpassungen und Datenmigrationen verbunden. Der Grund des Wechsels des Kernbankensystems der apoBank (von Fiducia GAD zu avaloq) liegt hier zwar nicht in einer Fusion, die geschätzten Kosten („niedriger dreistelliger Millionenbereich“) können aber als Benchmark für die IT-Konsolidierung eines zu fusionierenden Institutes dienen. Weitere Beispiele muss man nicht lang suchen und finden sich in allen Sektoren der deutschen Bankenlandschaft.

Wenn man nun über eine Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank nachdenkt, dann kann sich eine Fusion nur mit einer einheitlichen IT Plattform rechnen. Und hier weisen beide Häuser einzeln betrachtet bereits keine einheitliche Infrastruktur auf. Vielmehr würden sich in einem fusionierten Institut dann Komponenten der Deutschen Bank, der Commerzbank, der Postbank, der ehem. Dresdner Bank und weiterer Tochterinstitute beider Häuser wiederfinden. … Man könnte diese Liste erweitern, u.a. um den Sachverhalt, dass die Commerzbank das Wertpapiergeschäft demnächst bei HSBC abwickeln lässt und den Zahlungsverkehr bei equens, die Deutsche Bank hier aber einen anderen Weg geht.

Es fällt schwer sich ein Szenario auszumalen, in dem sich eine solche Mammutaufgabe jemals rechnen könnte. Zumal der herbeigesehnte (zumindest) europäische Champion viele Jahre erst einmal nahezu ausschließlich mit sich selbst beschäftigt wäre. Ein passender Übergang zur …

These II: Fusionen sind Innovationskiller
Innovationen haben während eines Fusionsprojektes einen schweren Stand, da die Sicherstellung der gesteckten Ziele (Vereinheitlichung und Verschlankung) neben der Sicherstellung des Tagesgeschäftes die höchste Priorität genießen. Innovationen (in den Augen immer noch sehr vieler Banker nur Wetten auf künftige Erträge) kommen da zu kurz, und werden in solchen Phasen immer wieder “on hold” gestellt, was häufig nichts anderes als deren Einstellung bedeutet.

Und auch nach Vollzug einer Fusion wird es nicht zwingend besser. Es gibt Stimmen (u.a. die bekannter „Influencer“), die eine umfassende Konsolidierung der deutschen Bankenlandschaft herbeisehnen, in der die dann nur noch wenigen Banken ganz viel Zeit, Geld und Muße hätten, sich endlich der Schaffung innovativer Lösungen für ihre Kunden hinzugeben.

Ich halte dies für einen Irrglauben; Wettbewerb ist ein Innovationstreiber. Sind Marktanteile erst unter wenigen Anbietern verteilt, werden Banken in ihren Angeboten immer vergleichbarer. Zudem besteht aus Gründen der Bequemlichkeit immer weniger die Erfordernis, mit innovativen Ideen neue Kunden für sich zu gewinnen. Beleg hierfür ist, dass innovative Ideen in den letzten Jahren aus dem vielfältigen FinTech Umfeld kamen und weniger (oder überhaupt nicht?) aus etablierten Banken.

Die immer wieder genannten Vergleiche mit Ländern, in denen eine eingeschränktere Bankenvielfalt besteht, hinken. Eine BBVA oder eine ING sind nicht deswegen innovativ, weil es in ihren Märkten weniger Banken gibt, sondern weil die Strukturen und die reduzierte Bedeutung der (Verbands)-„Politik“ es ermöglichen (und die unternehmerische DNA es ihnen vorgibt).

These III: Fusionen entziehen Lokalbanken ihre regionale Verwurzelung
Regional geprägte Institute, und dies sind inbesondere (aber nicht nur) Genossen-schaftsbanken und Sparkassen, definieren sich vor allem über ihre Verbindung mit (den Menschen und Institutionen) ihrer Region. Dies zeigt sich in dem gesellschaftlichen Engagement (z.B. der Unterstützung sportlicher und kultureller Einrichtungen oder der Versorgung auch strukturschwacher Regionen) dieser Häuser und in der generationsübergreifenden Treue der Kunden zu ihren Banken.

Aber was macht die seit einigen Jahren in der Region zunehmende Fusionswelle von Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken mit den Menschen? Auf einmal haben die Menschen in Flensburg und Nordfriesland eine gemeinsame Sparkasse und die Kunden der Volksbanken in Frankfurt, Griesheim und Maingau ein neues großes gemeinsames Institut. Bleibt nach solchen Zusammenschlüssen noch Platz für eine regionale Verwurzelung? Dies läuft nicht immer geräuschlos ab; so gibt es zum Beispiel eine Petition zur Rückabwicklung der Fusion der Sparkassen Schweinfurt und Ostunterfranken. Die Integrität vieler Häuser ist durch die Verwässerung des Regionalprinzipes nicht mehr gewährleistet.

Diese Thesen sollen nicht dazu dienen, Fusionen unter Banken als sinnfrei darzustellen, da es sehr gute Gründe für diese geben kann. Fusionen können der Bankenrettung und damit der volkswirtschaftlichen Stabilität dienen. Fusionen können auch strategisch Sinn machen. Es gibt jedoch keine Automatismen, dass sich Fusionen oder Übernahmen immer lohnen; aus zwei Schwachen wird kein Starker. Die Schwächen der einzelnen Partner (z.B. IT-Legacy, fehlende Innovationskraft, kein zukunftsfestes Geschäftsmodell) werden dann nur fusioniert und ggf. noch vergrößert.

Ein Plädoyer
Dieser Beitrag soll ein Plädoyer für die Aufrechterhaltung der Vielfalt am deutschen Bankenmarkt sein. Auch weiterhin wäre es wünschenswert, große und kleine sowie regionale und internationale Banken zu haben. Traditionelle Institute und Challengerbanken, Multikanal und mobile only, Investmentbanking und nachhaltiges Banking …alles sollte auch in Zukunft typisch für unsere Banken sein!

Optionen zur PSD2 Umsetzung

Obwohl in Kraft seit Januar dieses Jahres, wird die PSD2 in den Augen vieler so richtig relevant und komplex erst mit dem finalen Inkrafttreten der RTS (Regulatory Technical Standards / Technische Regulierungsstandards zur PSD2) am 14. September 2019. In den RTS wird, zusätzlich zur Strong Customer Authentification (dies ist einen separaten Beitrag wert…), vor allem, allerdings nicht nur, die regulatorische Basis für die viel und zum Teil heiß diskutierten durch die PSD2 neu geschaffenen Services „Payment Initiation Service“ (PIS) und „Account Information Service“ (AIS) gelegt. PIS steht dabei für einen Zahlungsauslösedienst, wie ihn derzeit z.B. Klarna mit SOFORT bereits anbietet. AIS meint einen Kontoinformationsdienst, wie es ihn derzeit bereits z.B. im Rahmen des MultibankingAngebotes der Deutschen Bank gibt.

An den Beispielen erkennt man bereits, dass die PSD2 keine neuen, revolutionären Services ermöglicht, sondern zum Einen bisherige Aktivitäten reguliert (mit der Konsequenz, dass in diesem Bereich tätige Unternehmen nun eine aufsichtsrechtliche Lizenz benötigen) und zum Anderen die Banken verpflichtet, nach festgelegten Regeln einen Zugang zu den Konten ihrer Kunden bereitzustellen.

Nun ist es richtig, dass aufgrund der PSD2 der Kampf um den Kunden stärker entflammt als bislang schon; neben den etablierten Playern, den Banken und Sparkassen, buhlen immer häufiger auch andere Unternehmen, im PSD2 Kontext sind dies die sog. Third Party Provider (TPP), um die Gunst der Kunden. Anders als gewohnt geht es in diesem Verteilungskampf jedoch nicht um bessere Konditionen bei einzelnen Produkten, sondern es geht um das große Ganze – den Kunden selbst. Wer es schafft, ein überzeugendes Angebot im Sinne der User Experience zu unterbreiten, der wird das Front End des Kunden und somit den Zugang dieses Kunden zu den Banking und Payment Angeboten (egal welcher Bank) darstellen. Und wer das Front End besetzt, der wird am Ende auch die angebotenen Services und Produkte (mit) beeinflussen können und einen entsprechend größeren Anteil an der Wertschöpfung innehaben können.

So zumindest die allgemeingültige Theorie…
Aus dieser ergibt sich, dass es für Banken und Sparkassen nicht hinreichend sein kann, die Vorgaben der PSD2-RTS umzusetzen, um damit „compliant“ zu sein. Vielmehr müssen von diesen entweder Abwehrmechanismen entwickelt werden, um möglichst wenig durch die TPP beeinträchtigt zu werden, oder es sind Strategien zu entwerfen, wie wann man als Institut von den Regelungen der PSD2 profitieren kann.

Abwehrmechanismen werden nicht funktionieren, da sich Kunden einer Bank oder Sparkasse bereits jetzt nicht einreden lassen, dass SOFORT oder PayPal „böse“ seien. Im Gegenteil, Kundensetzen diese Services fleißig ein, weil in der Nutzung Vorteile im Vergleich zu den Diensten der eigenen Bank liegen.

Also bleibt als sinnvolle Antwort auf die PSD2 ein progressiver Umgang mit dieser und z.B. eine Positionierung des Institutes als zentrale Schnittstelle zum Banking des Kunden und damit auch zu Konten des Kunden bei anderen Banken. Dazu bedarf es auch tatsächlich keines TPP, das kann eine Bank oder Sparkasse auch direkt ihren Kunden anbieten. Die Deutsche Bank z.B. wird sicherlich und konsequenterweise ihr Multibanking-Angebot, welche derzeit nur einen Kontoinformationsdienst darstellt, auch um die Möglichkeit zur Zahlungsauslösung bei anderen Instituten erweitern. Kunden der Deutschen Bank würden damit alle ihre Zahlungsverkehrskonten managen können, ohne sich bei anderen Instituten in das Online Banking einloggen zu müssen.

Konsequenterweise laufen nicht nur in Deutschland sondern in ganz Europa die Beratungsunternehmen zu Ihren (Ziel)Kunden, im übrigen auch wir von der OSTHAVEN Unternehmensberatung, und verbreiten die Botschaft, dass die Häuser sich entsprechend der PSD2 positionieren und Angebote entwerfen müssen, um auch nach dem 14.09.2019 das zentrale Front End des Kunden zum Banking darzustellen und dieses nicht an einen TPP oder eine andere Bank zu verlieren. Die PSD2 stelle ggf. für alle Banken und Sparkassen das Endgame um den Kunden dar.

Für Alle? Nein, an dieser Stelle sind wir ausdrücklich anderer Meinung! Nicht was das Erfordernis angeht, dass alle Banken, die „Zahlungsverkehrskonten“ (hier fehlt dem Markt noch eine eindeutige Definition) unterhalten, zum 14. September 2019 die Vorgaben der RTS umgesetzt haben müssen. Aber wir sind der Meinung, dass nicht für alle Banken die PSD2 eine über Compliance hinausgehende strategische Relevanz besitzt. Unbestritten ist, dass Retailbanken bzw. Banken mit einem hohen Anteil an Retailkunden und einem Schwerpunkt im Girogeschäft massiv von der PSD2 betroffen sein werden, im Gegenzug allerdings auch strategische Vorteile aus dem Regelwerk ziehen können. Neben Retailbanken gibt es noch viele Institute, die aus der Umsetzung der PSD2 keine spontanen Vorteile werden ziehen können bzw. keine unmittelbaren Wettbewerbsnachteile erleben werden. Hierzu zählen wir Banken, die ausschließlich im Firmenkundengeschäft tätig sind. Zahlungsauslösung spielt für diese Kunden kaum eine Rolle und Multibanking ist dank Softwareeinsatz bereits Realität. Auch Banken, deren Schwerpunkt auf Finanzierungs- und Einlageprodukten liegt, können nur mit viel Phantasie Vorteile aus der PSD2 ziehen. Die Beispiele ließen sich fortsetzen…

Klar soll werden, dass die Etablierung von Ökosystemen oder das Zusammenwachsen von Banking und Non-Banking basierend auf dem PSD2 Regelwerk nicht für alle Banken sinnvoll oder erforderlich ist. Auch wir Berater müssen hier mit Augenmaß operieren. 

Die Zukunft im Bereich Banking & Payment

Trends kommen und gehen – das gilt auch für den Zahlungsverkehr. Innovationstreiber sind dabei häufig technologischer Fortschritt, Regulatorik, Kosten und der Kunde. Doch wie sehen aktuelle Entwicklungen und Forschungen in diesem Bereich aus? Eine OSTHAVEN-Perspektive auf die Zukunft im Bereich Banking und Payment.

Hand aufs Herz, wie viele unterschiedliche Passwörter benutzen Sie für Ihre alltäglichen Geschäfte tatsächlich? Studien haben ergeben, dass es für User ein typisches Verhalten ist, bei vielen Devices, Internetportalen oder sogar beim Online-Banking, auf ein und dasselbe Passwort zurückzugreifen. Das menschliche Gehirn mag es einfach und ist faul. Da liegt der Name des Hundes der Großmutter in Verbindung mit der eigenen Festnetz-Rufnummer als Passwort nahe. Das Risiko bei Fehlverwendung dieses Passwortes ist damit allerdings sehr hoch. Ein großer Trend setzt genau an dieser Stelle an und sucht mit Hilfe neuer Technologien nach Möglichkeiten, die biologische Einzigartigkeit von Menschen zu messen bzw. zu identifizieren und hierdurch eine sichere Wiedererkennung zu ermöglichen.

Die Wissenschaft dahinter ist die Biometrie. Erste Lösungen haben sich längst im Alltagsleben verbreitet. Das Entsperren des Smartphones via Fingerabdruck macht seit Jahren die Eingabe eines Codes oder eines Passwortes überflüssig. Mittlerweile werden ganze Bezahlvorgänge mittels Fingerabdruck ausgelöst. Apple hat in dem Verfahren der Touch ID eine Fehlerquote von 1:50.000 ermittelt (apple.de). Mit Geburt der neuen Generation Smartphones ist inzwischen auch die Gesichtserkennung salonfähig geworden und funktioniert sehr gut. Bei der Face ID soll die Fehlerquote auf den Geräten mit dem Apfel im Logo mit 1:1.000.000 noch deutlich unter der Quote der Touch ID liegen. Das Aussehen von Mund, Nase, Augen und Ohren sowie die individuelle Kopfform und andere Merkmale sind in Kombination unverwechselbar und eignen sich hervorragend zum Authentifizieren.

Neben bereits bei uns im Alltag angelangten Techniken und Verfahren gibt es weitere Möglichkeiten, die früher nach Science-Fiction klangen, heute aber mitten in der Realität angekommen sind. Auf der Suche nach unverwechselbaren biometrischen Merkmalen eines Menschen ist die Stimme eines Menschen so einzigartig wie sein Aussehen. Die Barclays Bank hat diesen Umstand für sich erkannt. Kunden können sich mittels einen Voice-Scan registrieren. Sobald die Stimme eines Kunden dann im Call-Center zu hören ist, wird dieser anhand von zahlreichen Stimmmerkmalen automatisch identifiziert. Das Verfahren der Stimmenidentifizierung zahlt auf einen weiteren Trend im Umfeld des Payment und Banking ein. Die Rede ist vom „Voice Banking“. Seit Amazons Alexa, Apples Siri und andere digitale Assistenzsysteme sich in den Wohnzimmern ausbreiten und viele Dinge des Alltags vereinfachen, ist der Wunsch der Kunden da, auch das Girokonto per Stimme zu verwalten und Zahlungen quasi per Zunge auszuführen.

Die Zahlung per „Handauflegen“ ist ebenfalls keine Utopie mehr. Ein weiteres Verfahren, das bei Zahlvorgängen einsetzbar ist, ist der sog. Venenscan. Kunden der britischen Supermarktkette Costcutter können ihre Einkäufe mit diesem neuen biometrischen Verfahren bezahlen. Dabei wird das Venenmuster ihrer Finger gescannt und mit den Bankdaten verbunden. An der Supermarktkasse werden die hinterlegten Daten dann mit den Scandaten verglichen. Der Kunde bezahlt tatsächlich per „Handauflegen“.

OSTHAVEN ist davon überzeugt, dass das Thema Biometrie im Banking und Zahlungsverkehr deutlich an Bedeutung gewinnen wird. Vor allem die neuen Authentifizierungsmethoden bestechen durch ihren hohen Sicherheitsfaktor und überzeugen im Alltag durch Praktikabilität.

Als weiterer Trend im Payment und Banking ist die Künstliche Intelligenz (KI) zu nennen. Dies wird von vielen als die „neue industrielle Revolution“ bezeichnet. KI macht auch vor dem Finanzbereich nicht halt. Da sich bei Banken vieles um Dienstleistungen dreht, nicht um ein physisches Produkt, und Personal ein erheblicher Kostenfaktor ist, liegt es nahe, mit Hilfe von künstlicher Intelligenz Prozesse stärker zu automatisieren. So hat in den letzten Jahren im direkten Kundenkontakt der Service per Chatbot bei vielen Häusern Einzug gehalten. Mit Hilfe einer guten KI-Lösung kann der Großteil der Kundenanfragen rund um die Uhr direkt beantworten werden, und das ohne menschliche Interaktion. Für Banken liegt hierin ein enormes Sparpotenzial und mehr Möglichkeiten zur Steigerung der Zufriedenheit auf Kundenseite. Aber nicht nur in der Kundenschnittstelle kommt KI zum Einsatz, sondern auch bei der Umsatzanalyse. KI in Kombination mit Big Data ermöglicht es dem Kunden, seine Daten in Sekundenschnelle analysieren und auswerten zu lassen.

Darüber hinaus sehen wir mögliche Anwendungen von KI in der Betrugsprävention oder bei der individuellen Produktempfehlung basierend auf der umfassenden Analyse der finanziellen Lage der Kunden. Gerade in der Finanzbranche ergibt sich ein großes Anwendungsspektrum. Es ist offensichtlich, dass es viele parallele technische Entwicklungen in allen Lebensbereichen des Menschen gibt. Der potentielle Nutzen und die theoretischen Anwendungsmöglichkeiten scheinen dabei unbegrenzt zu sein. Neben einzelnen Innovationen und dem Einsatz unterschiedlicher Devices im Alltag der User, wird in Zukunft vor allem die Vernetzung dieser verschiedenen Technologien untereinander an Bedeutung gewinnen.

Das Internet of Things beschreibt den rasanten Anstieg von mit dem Internet verbundenen, intelligenten Geräten. Die Vernetzung physischer und virtueller Gegenstände miteinander steht dabei im Vordergrund. Im Zielbild sollen diese Gegenstände durch Informations- und Kommunikationstechniken nahtlos zusammenarbeiten. Für den Zahlungsverkehr wird es hier in Zukunft vollkommen neue Anwendungsfälle geben. Man stelle sich vor, dass jedes vernetzte Gerät für Geldtransaktionen verwendet werden kann und somit zu einem eigenen, individuellen Point of Sale wird. Denkbar ist, dass Parkhausund Mautgebühren sowie Tankstellenrechnung kontaktlos mittels „Connected Car“ beglichen werden. Der Fahrer kann bequem im Auto bleiben und erspart sich den Gang zur Kasse oder zum Ticketautomaten. Was passiert in diesem Fall mit den Umsätzen im TankstellenShop? Die Automobilhersteller gehen aber noch einen Schritt weiter und verändern ihr Geschäftsmodell, in dem Sonderaustattungen, Zubehör und digitale Services im vernetzten Auto als „Pay-as-you-go“ Services angeboten werden. Die sich hieraus ergebenden Möglichkeiten für die Automobilhersteller sind enorm aber auch die Vorteile durch die Kostenreduzierungen und Effizienzsteiegerungen in der Produktion.

Die Unternehmensberatung OSTHAVEN sieht die gestiegenen Kundenanforderungen an eine möglichst sichere aber geräuschlose Authentifizierung als Chance bankeigene digitale Zahlungsverkehrslösungen voranzutreiben. Im Umfeld neuer technischer Entwicklungen wie der KI und regulatorischer Rahmenbedingungen wie der PSD II, die zum Design neuer Produkte ermuntert, können bei traditionellen Playern am Markt innovative Kräfte freigesetzt werden. Allen Ansätzen gemein ist aber die Tatsache, dass der „Kunde“ und seine Bedürfnisse nach Einfachheit im Fokus des Interesses bleibt und Treiber oder Hindernis für mögliche Entwicklungen ist.

„PSD2 – Ein Wettlauf gegen die Zeit?“

Was Banken jetzt für die fristgerechte Umsetzung beachten müssen.

Am 13. Januar 2018 ist die PSD2 in Kraft getreten und ist seitdem geltendes Recht. Doch von Entspannung kann bei den Banken in Europa keine Rede sein, denn noch gibt es einiges zu tun. Für die von der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) herausgegebenen regulatorischen Standards zur starken Kundenauthentifizierung und gemeinsamen und sicheren Kommunikation, kurz RTS, haben die Finanzinstitute 18 Monate Zeit zur Umsetzung. Das klingt erst mal nach massig Zeit, aber der erste Eindruck täuscht.

Kernelement der RTS ist die Forderung nach einer Schnittstelle zur Anbindung von Dritten Zahlungsdienstleistern, zu denen Zahlungsauslösedienste (ZAD), Kontoinformationsdienste (KID) und Zahlungsdienstleister, die kartengebundene Zahlungsmittel ausstellen, gehören. Wenn man den Dritten Zahlungsdienstleistern, auch TPP (Third Party Provider) genannt, den Zugriff auf die Kundenkonten nicht über das normale Online-Banking geben möchte, so muss man eine dedizierte Schnittstelle für den Zugriff bauen.

So weit so gut. Doch die Herausforderung liegt nicht unbedingt in der Implementierung an sich, sondern vor allem in dem recht ambitionierten Zeitplan der EBA. Umsetzungstermin für die RTS und der damit verbundenen Schnittstelle ist der 14. September 2019, 18 Monate nachdem die RTS im EU-Amtsblatt veröffentlicht wurden. Zumindest dachte man das immer…

Aber der erste Termin, auf den die Zahlungsinstitute hinarbeiten müssen, ist der 14. März 2019, bereits ein halbes Jahr früher! Die kontoführenden Zahlungsinstitute müssen den TPPs sechs Monate vor Go Live eine Testumgebung einschließlich Support zur Verfügung stellen. Denn das Ganze soll ja ordentlich getestet sein und einwandfrei funktionieren. Die FinTechs konnten sich in Vorgesprächen zu den RTS bei der EBA mit ihrer Forderung durchsetzen, dass die neue PSD2-Schnittstelle die gleiche Performance und Verfügbarkeit wie bei den bestehenden Kundeninterfaces (z.B. beim Online-Banking) aufweisen muss – Stichwort Diskriminierungsverbot.

Doch das ist noch nicht alles. Wenn die Banken denken, dass sie zumindest für die Fertigstellung ihrer Schnittstelle im Live-Betrieb und für alle damit verbundenen organisatorischen Maßnahmen noch bis September 2019 Zeit haben, könnte in den nächsten Wochen das böse Erwachen kommen. Noch hat die BaFin kein konkretes Datum kommuniziert, aber wenn eine Bank die Ausnahmegenehmigung von der Einrichtung eines Fallback-Zugangs bei Nichtverfügbarkeit der eigentlichen Schnittstelle erhalten möchte, dann sollte sie unserer Meinung nach lieber ein Go Live spätestens am 14. Juni 2019 ins Auge fassen. Das Datum ist bei den Behörden schon an der ein oder anderen Stelle mündlich genannt worden. Denn eine der vier Voraussetzungen dafür, kein Fallback-Szenario bereit halten zu müssen, ist der Nachweis von mindestens drei Monaten Nutzung der Schnittstelle im breiten Umfang durch die TPPs, und zwar im Live-Betrieb. Somit landet man bereits im nächsten Jahr Juni als Meilenstein für die Bereitstellung der Schnittstelle; Banken und FinTechs bleiben dem zufolge nur noch 10 Monate Zeit für die Umsetzung der Anforderungen. Ob das schon jedem am Markt bewusst ist? Unser Gefühl sagt uns, dass nicht allen Instituten der Ernst der Lage klar ist.

Und was ist die Konsequenz, wenn die Schnittstelle zwar pünktlich live ist, aber kein TPP die Schnittstelle während der drei Monate nutzt? Das kann zumindest den kleineren Häusern passieren. Auch dafür hat die EBA bereits eine Antwort parat. In dem Fall muss das Institut nachweisen, dass es alles in seiner Macht Stehende getan hat, die Verfügbarkeit der Schnittstelle nach außen hin zu kommunizieren, regelrecht zu bewerben. So zum Beispiel durch eine entsprechende Publikation auf der Homepage, via Social-Media-Kanälen oder in einem anderen geeigneten Netzwerk. Lassen wir uns also überraschen, wie das später in der Praxis aussieht.

Neben dem knappen Zeitplan gibt es noch einige weitere Hindernisse, die es zu bewältigen gilt. Ein brisantes Thema sind beispielsweise die möglichen Geschäftsvorfälle, die ein ZAD für den Kunden über die Schnittstelle auslösen darf. Die Meinung der DK und unter den Verbänden und Instituten war bislang, dass Daueraufträge und Terminüberweisungen nicht unter die PSD2 fallen. Die EBA sieht das ganz anders und hat in ihrer Opinion zur RTS am 13.06.2018 klargestellt, dass ein ZAD genau die gleichen Zahlungen auslösen darf wie der Kunde selber. Nach neusten Informationen, die anscheinend auf einem Austausch der DK-Verbände mit der BaFin zur Umsetzung der RTS Ende Juli beruhen, wird die BaFin der Meinung der EBA folgen und Institute sollten demnach auch Daueraufträge und Terminüberweisungen mit in ihrem Scope aufnehmen, sofern nicht bereits geschehen. Abhängig von der Systemlandschaft ist diese Änderung kein leichtes Unterfangen für die Banken. Die gute Nachricht ist jedoch, dass bei den Daueraufträgen nur die Anlage und Löschung eines Auftrags, nicht die Bearbeitung oder das Aussetzen, durch den ZAD ermöglicht werden müssen. Eine Bestandsanzeige gegenüber dem KID ist weder für Daueraufträge noch für Terminüberweisungen notwendig. Auch Lastschriften bleiben weiterhin von der PSD2 unberührt.

In der Opinion wurde neben anderen Punkten auch noch mal klargestellt, dass dem KID der Zugang zu den gleichen Kontoinformationen gewährt werden muss, die auch der Kunde über seine Online-Zugänge sehen kann. Das ist ersteinmal nichts Neues. Doch jetzt sollen diese Informationen auch einem ZAD auf Verlangen zur Verfügung gestellt werden. Nämlich dann, wenn die Bank Batch-Booking im Einsatz hat, was wohl auf den Großteil aller Banken in Deutschland zutrifft, und somit dem ZAD nicht unmittelbar bei Zahlungsauslösung bestätigen kann, dass die Zahlung gebucht wurde. Mit Hilfe der Kontoinformationen sollen die ZADs in die Lage versetzt werden, selber das Risiko eines Zahlungsausfalls einzuschätzen. Doch wie soll das in der Praxis funktionieren? Hat der Zahlungsauslösedienst in dem Vorgang dann die Doppelrolle des ZAD und KID inne? Muss die Bank diesem dann immer Zugriff auf die Kontoinformationen gewähren ohne dass der Kunde eine weitere starke Kundenauthentifizierung durchführen muss? Oder gelten hier die gleichen Anforderungen und die 90-Tage Regelung wie beim klassischen KID?

Es gibt noch einiges an Klärungsbedarf. Wir werden die aktuellen Entwicklungen und Veröffentlichungen seitens EBA, BaFin und DK weiter mit Argusaugen verfolgen und Sie auf dem Laufenden rund um PSD2 halten.