„European Payment Initiative: Einheitliches Zahlungssystem für Europa – aller guten Dinge sind 3…oder 4?!”

European Payment Initiative: Einheitliches Zahlungssystem für Europa, aller guten Dinge sind 3…oder 4?!

POSTED ON 11. MAI 2020 BY Marcus Klose

In den letzten zwei Dekaden haben sich bereits mehrfach namhafte europäische Unternehmen und Institutionen zusammengefunden, um die Entwicklung eines einheitlichen Zahlungssystems für die Eurozone voranzutreiben. Unter Namen wie Monnet, EAPS oder PayFair wollten insbesondere Banken und Zahlungsdienstleister ihre Kräfte bündeln, um die lokal sehr heterogene Zahlarteninfrastruktur mit innovativen Konzepten universell verfügbar und zukunftsfähig zu machen. Nachdem alle Initiativen gleichermaßen scheiterten, wird nun offenbar unter der Führung der EZB und der Europäischen Kommission, mit der European Payment Initiative (EPI), ein neuer Anlauf unternommen. Angesichts diverser Kommentare und Mitteilungen aus dem Kreis der Initiatoren, scheint dabei eines fest zu stehen – nicht innovative Zahlungssysteme sollen jetzt die Wettbewerbsfähigkeit in der Zukunft sichern, sondern ein aufgebohrtes SEPA-System Europa vor solchen schützen. Obwohl Ende 2019 bereits eine Entscheidung erwartet worden war, wie es mit der Initiative weitergehen soll, war es zwischenzeitlich erstaunlich ruhig geworden um das Thema europäisches Zahlungssystem. Anfang April ist nun aber ein Fragenkatalog der Europäischen Kommission aufgetaucht. Sie bittet darin interessierte Parteien, Fragen zur zukünftigen „retail payments strategy“ der EU zu beantworten. Da das Thema also kurzfristig wieder aktuell werden könnte, lohnt sich eine Analyse, ob eine solche Initiative, nach unserem bisherigen Verständnis, erfolgsversprechend sein dürfte.

Ein Pan-European Payment System? War da nicht schon einmal was?

Man könnte meinen, und täglich grüßt das Murmeltier, wenn man die nicht mehr ganz so jüngsten Mitteilungen liest, die eine neue Initiative zu einem einheitlichen europäischen Zahlungssystem melden. Wie hieß es bereits anno 2010? Vertreter von 24 Banken und europäischen Institutionen treffen sich in Madrid, um das sog. „Monnet Projekt“ ins Leben zu rufen. Es sollte dazu ausgelegt sein, ein neues „pan-European card scheme“ zu schaffen. Das Projekt wurde damals bereits 2 Jahre zuvor durch deutsche und französische Großbanken mit einer Machbarkeitsstudie ins Leben gerufen. Diese kam zu dem – durchaus begrüßenswerten – Schluss, dass eine länderübergreifende Payment Initiative zur Vereinheitlichung des fragmentierten europäischen Zahlungsmarktes und daher zur Entwicklung innovativer und nachhaltiger Konzepte beitragen würde. Im Grunde ging es hierbei aber schlicht darum, den etablierten Platzhirschen MasterCard, Visa und den einschlägigen FinTechs aus USA keine weiteren Marktanteile bei Zahlungen abgeben zu müssen und die europäische Datenhoheit zurückzuerobern. Bereits 2012 war allerdings die Luft raus und das Projekt wurde abgeblasen. Angeblich auf Grund unklarer Verhältnisse in Bezug auf die Regulierung kartenbezogener Interbankenentgelte.

2020: Zahlungssysteme zwischen Dominanz der Kreditkarten und neuen digitalen Währungen

Nun sind 10 Jahre vergangen. Die internationalen Kreditkartenfirmen haben in Europa weiter an Dominanz gewonnen – bereits 2016 erfolgten laut der EZB 67,5% der Zahlungen mittels in der EU ausgegebener Karten über die Systeme von MasterCard und Visa. Mehr oder weniger innovative Zahlverfahren sind über den großen Teich zu uns herübergeschwappt und neben privaten Konsortien wie Facebook, arbeiten bereits mehrere Länder an zukunftsweisenden Konzepten zu digitalen Währungen.

Und was kann man dieser Tage in den Nachrichten lesen? 20 europäische, insbesondere deutsche und französische, Banken haben sich zu einer Initiative zusammengeschlossen, deren Ziel es sein soll, ein „pan-European payment system“, auf Basis des SEPA Instant Settlement-Mechanismus, zu entwickeln. Was auffällt, es sind fast die gleichen Institutionen vertreten wie 2010, aber anstatt eines „card schemes“ bei Zahlungen soll jetzt ein einheitliches „payment system“ erschaffen werden. Allerdings, und das sei vorweggenommen, ist die Namensänderung kein Ausdruck einer wünschenswerten Erweiterung des Ergebnisraumes. Es ist eher die bedauernswerte Erkenntnis, dass man den Zeitpunkt verpasst hat, an dem man Feuer hätte noch mit Feuer bekämpfen können (sprich, die Dominanz der Kartenriesen noch mit einem eigenen innovativen Kartenangebot hätte brechen können).

Die EU und die große Furcht vor Innovationen

Mit der pan-European Payment System Initiative (kurz EPI, bzw. vormals unter dem Arbeitstitel PEPSI bekannt, bis sich anscheinend ein US-amerikanischer Brausehersteller ein wenig über diese Abkürzung mokierte) wollen, so scheint es, die hiesigen Banken einen erneuten, von der Industrie initiierten und geführten Anlauf in Richtung einer eigenständigen europäischen Zahlungslösung unternehmen. Tatsächlich aber legen diverse Quellen nahe, dass nicht die Banken hier die treibende Kraft sind, sondern die EZB für den neuerlichen Vorstoß verantwortlich zeichnet und auch diesmal die Furcht vor übermächtigen Kreditkartenanbietern und FinTechs von Übersee die entscheidende Rolle spielt. So warnte bspw. das ehemalige Vorstandsmitglied der EZB Benoît Coeuré in einem Kommentar zu EPI, dass „die europäischen Behörden insbesondere die amerikanischen Zahlungsanbieter als signifikante Bedrohung für die finanzielle Stabilität in der Eurozone“ sehen. Und der Vizepräsident der Europäischen Kommission Valdis Dombrovskis bekräftigte, dass „die Fähigkeit der Europäischen Union zur Entwicklung wegbereitender Innovationen in bestimmten strategischen Technologien über den Grad der Souveränität unseres Kontinents entscheiden wird“. Und der Zahlungsverkehr zähle als solch eine Technologie. Da von den beteiligten Banken bis heute keine Stellungnahme zu erhalten war, verstärkt sich der Verdacht, dass, ähnlich wie 2010, die aktuelle Initiative rund um die Zahlungssysteme kein technologisches, sondern ein politisch getriebenes Unterfangen zu sein scheint.

Im Gegensatz dazu scheint bspw. die von der Deutschen Kreditwirtschaft gestartete Initiative mit dem Arbeitstitel #DK das richtige Ziel zu verfolgen. Hier sollen die Payment-Assets am POS (girocard, bluecode) sowie im M- und E-Commerce (Paydirekt, giropay, bluecode, Kwitt) in ein konsolidiertes System integriert und unter eine einheitliche Corporate Governance gestellt werden. Inwiefern man sich dem Thema sachlich und im besten Interesse des Marktes bzw. der Kunden nähern wird, bleibt abzuwarten. Da aber davon auszugehen ist, dass die Akteure bei EPI und #DK dieselben sind, wird es spannend sein, zu sehen, welche Abhängigkeiten und Implikationen sich zwischen diesen beiden Projekten ergeben werden und man diese sinnvoll nutzt oder sich wieder einmal verzettelt.

Internationale Zahlungssysteme – und die Abhängigkeit Europas

Eine der ersten Fragen, die sich hier natürlich stellt, ist die, ob die Furcht vor dem Verlust der Souveränität gerechtfertigt ist. Und da gibt es durchaus Punkte, die nicht von der Hand zu weisen sind. So kann man im Moment beobachten, dass die USA vermehrt Sanktionsmaßnahmen als legitimes politisches Mittel betrachten. Und dieser Trend beeinflusst zunehmend auch europäische Marktteilnehmer. Im Iran-Konflikt führten technologische Abhängigkeiten dazu, dass Firmen von Airbus bis Siemens ihren Handel mit der islamischen Republik schlicht einstellen mussten, da die Abwicklung der Zahlungsströme über das in Belgien ansässige Nachrichtennetzwerk SWIFT läuft und der Aufsichtsrat u.a. aus Vertretern amerikanischer Großbanken besteht. In Russland führten ähnliche Konflikte bereits zur Entwicklung des nationalen Zahlungssystems MIR, nachdem MasterCard und Visa bei der Annexion der Krim kurzzeitig ihre Dienstleistungen für russische Banken einstellten. Aber auch ganz generell gibt es natürlich Bedenken, wenn Zahlungsströme über Netzwerke außerhalb der Eurozone abgewickelt werden. So haben europäische Institutionen keinerlei Autorität über internationale Anbieter und nur eine beschränkte Aufsicht. Viel schwerwiegender könnte allerdings das Thema Sicherheit ins Gewicht fallen, da ein gemeinsamer Währungsraum natürlich sehr viel verwundbarer für Angriffe und Störungen von außen ist.

Wie abhängig ist Europa beim Thema Zahlungssystem aber eigentlich von den internationalen Akteuren? Immerhin operieren ja auch hierzulande einheimische Kreditkarten- und Zahlartenanbieter, die nicht auf die Infrastruktur transatlantischer Unternehmen angewiesen sind. Schaut man sich bspw. den Kartenumsatz in den sieben größten Volkswirtschaften Europas an, dann wird deutlich, dass lokale Kartensysteme, wie die girocard in Deutschland oder Carte Bancaire in Frankreich, dominieren. Diese verfügen trotz der koexistierenden MasterCard- und Visa-Systeme in diesen Ländern über einen erheblichen größeren Marktanteil. Darüber hinaus gibt es im Bereich der SEPA Überweisung oder der Lastschrift faktisch keinerlei Wettbewerb und auch regionale, alternative Zahlarten, wie bspw. Klarna, Sofort oder Trustly gewinnen als Alternative zur Kreditkarte immer mehr an Bedeutung bei Kunden und Händlern. Gibt es also gar keinen Grund zur Panik?

Nun, wie oben bereits angesprochen, ist auch bei nicht kartenbasierten Zahlarten nicht auszuschließen, dass ein gewisser transatlantischer Einfluss vorhanden ist. So wird die Interbankenkommunikation bei SEPA Transaktionen unter anderem über SWIFT abgewickelt. Darüber hinaus ist dieser Dienstleister unter amerikanischer Aufsicht auch eine der offiziellen Zertifizierungsbehörden für den globalen Nachrichtenstandard ISO 20022. Dieser gilt als neuer Standard für alle Überweisungen über das TARGET System. Darauf sind auch die Real Time-Settlement Systeme der EZB (TIPS) und der EBA (RT1) ausgerichtet. Somit sind weder herkömmliche noch zukünftige Transaktionen im SEPA-Netzwerk vollständig unter europäischer Kontrolle.

Und auch wenn die lokalen Kartensysteme in den jeweiligen Ländern dominieren, so führt die mangelnde Interoperabilität der regionalen Infrastrukturen dazu, dass bereits der überwiegende Großteil an grenzübergreifenden Kartenzahlungen Co-Branded, also über das MasterCard- oder Visa-System, abgewickelt wird. Ganz zu schweigen davon, dass in den übrigen europäischen Ländern, ohne eigenes Kartennetzwerk, schon heute die internationalen Schemes bei Zahlungen führend sind.

Digitale Zahlartenlösungen werden Europa nicht retten

Jetzt könnte man dagegenhalten, dass die Entwicklung im Zahlungsverkehr ja vermehrt in Richtung digitaler Lösungen und zulasten von Kartenzahlungen geht. Aber davon abgesehen, dass auch hier die führenden Anbieter sogenannte Fin- oder Bigtechs aus den USA sind, basieren auch diese Methoden überwiegend auf der dahinterliegenden Karteninfrastruktur. So ist bei der Wallet Lösung von PayPal neben dem Konto meist eine Master- oder Visacard hinterlegt und auch bei ApplePay ist noch solange eine Kreditkarte notwendig, bis die Sparkassen es endlich geschafft haben, ihre girocard digital verfügbar zu machen.

Wesentlich entscheidender ist aber, dass bei digitalen Zahlarten das Frontend vom Backend entkoppelt wird. Heißt, der für jeden Zahlungsanbieter wichtige Zugang zum Kunden wird von der eigentlichen Leistung des Prozessierens getrennt. Der Kartenherausgeber wird zu einem reinen technischen Dienstleister degradiert, ohne Zugriff auf die so wichtigen Kundendaten. Nur der originäre Anbieter der Zahlungslösung verfügt dann noch über Informationen bezüglich Art der Transaktion, Wert und individuellen Vorlieben der Kunden. Und der sitzt bekanntermaßen eher in Amerika als in Deutschland, Dänemark oder Frankreich. Beziehungsweise inzwischen sogar vermehrt in Asien, wo mit der Tencent all-in-one Chat-Lösung WeChat, mit eingebauter Zahlfunktion, und AliPay bereits die nächsten großen Wettbewerber für die Marktführerschaft im internationalen Zahlungsverkehr in den Startlöchern stehen.

Bezahlen: eine Frage der Einfachheit und Kosteneffizienz, nicht der Nationalität

Angst ist und war allerdings nie ein guter Ratgeber, obwohl es in der aktuellen Corona-Krise scheint, als ob die Entscheidungsträger ausschließlich davon getrieben werden. Das gilt insbesondere, wenn es um technische Innovationen geht. In einer Welt des globalen Handels ist es doch wirklich fraglich, welchen Wert die Marktteilnehmer einer Initiative beimessen werden, deren erklärtes Ziel die Stärkung nationaler Identität ist. Verstehen Sie uns nicht falsch. Eine Harmonisierung des fragmentierten Zahlungsmarktes wäre durchaus zu begrüßen. Die Menge an nationalen Zahlungssystemen und Zahlarten ist unübersichtlich und ineffizient. Aber wie alle gesellschaftlichen und ökonomischen Maßnahmen, müssen sich auch Initiativen im Zahlungsmarkt an ihrer Zielerreichung messen lassen. Dabei bemisst sich die Akzeptanz neuer Formen des Bezahlens grundsätzlich aber eher an Einfachheit und Kosteneffizienz, nicht an dem Grad der größtmöglichen Abschottung.

Moderne Probleme erfordern moderne Lösungen, nur nicht in der EU?

Während auf globaler Ebene das Verlassen eingetretener Pfade als notwendige Voraussetzung für Innovation gesehen wird, suchen die europäischen Institutionen mit EPI ihr Heil im altbewährten SEPA Retail System. In der Ausprägung des SCT Inst.-Verfahrens immerhin mit der Möglichkeit, Überweisungen und Lastschriften „instant“, also unmittelbar, verbuchen und mit Inkrafttreten der PSD2 das Konzept auch auf Nicht-Banken übertragen zu können (Stichwort: Open Banking). Aber wo liegt der Mehrwert für Endkunden und die Händler? Wenn ich als Kunde einmal meine Kreditkarte bei PayPal hinterlegt habe, wieso sollte ich zu einem SEPA-basierten Angebot wechseln? Dort kann ich heute schon „instant“ Geld überweisen und brauche bis auf eine E-Mail-Adresse keine zusätzlichen Informationen beim Bezahlen anzugeben. Die PayPal Transaktion kostet mich keinen Cent und bei Bedarf ist mein Einkauf sogar über den Käuferschutz abgesichert. Bei der Überweisung über das SEPA instant Settlement-System gibt es hingegen keine Möglichkeit, mich gegen Betrug abzusichern. Ist das Geld einmal verbucht, kann ich es nicht mehr zurückholen.

Für Händler hingegen würden sich durchaus Vorteile ergeben. Eine unmittelbare Gutschrift auf dem Firmenkonto ist für sie sehr vorteilhaft. Insbesondere in Verbindung mit der Tatsache, dass der Kunde nach dem Bezahlen das Geld nicht wieder zurückbuchen kann. Auch ist bereits zu beobachten, dass Händler erfolgreich die komplizierten und teuren Kostenstrukturen der Kreditkartenanbieter zugunsten von Anbietern mit account-to-account (A2A) Lösungen umgehen (bspw. in der Luftfahrtbranche mit IATA als PISP). Aber ultimativ ist der Endkunde noch immer der entscheidende Faktor dabei, welche Zahlarten sich am Markt durchsetzen und bis jetzt haben wir noch keine Lösung am Markt oder Horizont identifizieren können, die z.B. in Bezug auf Einfachheit und Geschwindigkeit mit einer Kontaktloszahlung am POS mithalten kann, um die „Party an der Kasse“ zu vermeiden. Daher ist es zumindest mutig, anzunehmen, dass Händler alternativen, lokal begrenzten Zahlarten den Vorzug aufgrund protektionistischer Erwägungen der Europäischen Kommission geben werden.

Instant Zahlungssysteme als besondere Herausforderung für Banken

Und selbst für die Banken sind die Auswirkungen alles andere als eindeutig. Mit SCT Inst. rücken sie wieder mehr in den Mittelpunkt der Transaktion. Sie können ihren Kunden ein Zahlverfahren anbieten, das nicht nur im stationären Handel, sondern auch im E-Commerce attraktiv ist. Aber das SCT Inst.-Verfahren stellt sie auch vor wesentlich größere Herausforderungen. So sind im Regelwerk zwar die Geschwindigkeit der Nachrichtenübertragung, der maximale Betrag einer Transaktion und die Erreichbarkeit geregelt, aber nicht die Clearing- und Settlement-Mechanismen (CSM). So fällt die Bereitstellung des Überweisungsbetrages auf dem Empfängerkonto mit dem tatsächlichen Eingang des Geldes regelmäßig auseinander. Je nach Transaktionsvolumen stellt ein zeitversetztes und garantiebasiertes Settlement aber erhebliche Anforderungen an das Liquiditätsmanagement der Bank. Das bedeutet, dass Banken erst eigene Ansätze entwickeln müssen, um den Kunden attraktive Instant Payment Lösungen anbieten zu können, ohne zu große eigene Risiken einzugehen.

EPI: Die Initiative, nach der niemand gefragt hat?

Bei den unterschiedlichen Bedürfnissen und Herausforderungen stellt sich nun letztlich die Frage, sind die individuellen Interessen in der Gruppe der Initiatoren wenigstens angemessen repräsentiert. Unter dem Aspekt, dass EPI keine technologische, sondern eine politische Initiative zu sein scheint, ist es wahrscheinlich nachvollziehbar, dass in keinem der Berichte, die bis jetzt zum Thema zu lesen waren, die Namen MasterCard oder Visa als Partnerunternehmen auftauchen. Nachvollziehbar sicherlich insoweit, dass man sich ja gerade gegen die Marktmacht der genannten Firmen zur Wehr setzen möchte. Aber im Sinne der Schaffung eines neuen europäischen Zahlungssystems eher wenig verständlich. Man sollte doch meinen, dass insbesondere die deutschen Banken aus ihren Fehlern bei Paydirekt gelernt haben. Hier ist die Umsetzung einer durchaus guten Idee, an dem Versäumnis der Initiatoren gescheitert, wirklich alle relevanten Marktteilnehmer von Anfang an in die Produktentwicklung mit einzubeziehen. Doch weder werden die Schlüsselunternehmen des erfolgreichen „Vier-Parteien-Systems“ aus Banken, Acquirern, Karteninhabern und Händlern einbezogen, noch scheint eine Beteiligung von namhaften europäischen Payment-Dienstleistern geplant zu sein. Dabei sind es doch gerade Unternehmen wie Adyen, Worldline oder Nets, die ultimativ den Zugang zu den Händlern gewährleisten.

Aber wie eingangs schon beschrieben, kann man den Banken diesmal wohl keinen Vorwurf machen. Offensichtlich sind es ja die Europäische Kommission und die EZB, die, in gemeinschaftlicher kognitiver Dissonanz vereint, schreien: „jetzt erst recht“, während der Rest der Welt bereits tatsächlich an innovativen Konzepten feilt. Vielleicht sollte man einfach mal auf die Institutionen hören, die man ja eigentlich vertreten soll. Als Beispiel sei hier der Zusammenschluss von über 200 Banken und FinTechs in Deutschland unter dem Dach des Bankenverbands genannt. Bereits 2019 äußerten sich die Mitglieder explizit, dass sie „programmable digital money“ als Innovation mit dem größten Potential sehen, zur entscheidenden Schlüsselkomponente bei dem nächsten Schritt der digitalen Evolution zu werden. Und zwar insbesondere in Bezug auf Kosteneffizienz, Einfachheit und (Achtung: Europäische Kommission) Wettbewerbsfähigkeit. Denn im Zeitalter des „Internet of Things“ und mit 5G in den Startlöchern, wird die, auf Europa beschränkte, schnelle Übermittlung von XML-Nachrichten wohl langfristig eher keinen Wettbewerbsvorteil mehr darstellen. Dann reden wir über Zahlvorgänge, die heute noch gar keine Rolle spielen, bspw. wenn in Zukunft ein autonomes E-Auto an eine Ladesäule fährt und die getankte Menge mittels Krypto- oder Digitalwährung direkt bezahlt. Eine Bank wird dann nicht mehr zwangsläufig notwendig sein. Das Geld wird vom Wallet des Zahlers, auf Basis einer entsprechend digitalen Übertragungstechnologie, direkt in das Wallet des Empfängers gebucht.

Regulatorische Rahmenbedingungen: Das A und O für ein innovatives Wettbewerbsumfeld der Zahlungssysteme

„Dafür ist es aber notwendig, dass die entsprechenden regulatorischen Rahmenbedingungen geschaffen werden“, sagt Gilbert Fridgen, Gründer und Leiter des Fraunhofer Blockchain-Labors. Und genauso äußern sich die Unternehmen des Bankenverbands. Geht es nach ihnen, dann sollten die Gesetzgeber und Regulatoren die notwendige Basis für digitale Innovationen schaffen und die privaten Institutionen würden ihren Teil zur Entwicklung eines nachhaltigen und innovativen Währungssystems schon beitragen. Inwieweit die Banken tatsächlich bereit sind, weiter an ihrem eigenen Ast zu sägen, bleibt dabei abzuwarten. Aber insbesondere in Bezug auf technische Innovationen ist die Schaffung eines regulatorisch begünstigten Wettbewerbsumfeldes für Zahlungssysteme wohl eher zielführend, als das Zementieren wenig zukunftsorientierter Marktstrukturen, wegen des angeblichen Verlustes nationaler Souveränität.

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