AHA+K – Abstand, Hygiene, Alltagsmaske und kontaktlos zahlen

AHA+K – Abstand, Hygiene, Alltagsmaske und kontaktlos zahlen

 Kontaktlos und bargeldlos bezahlen? Ein Szenario: Es ist Samstag und ich fahre mit meinem Auto in die Stadt. Parke auf dem kleinen Markt an der Kirche. Steige aus, schiebe meine Kreditkarte in den Schlitz des Parkautomaten und wähle in 50 Cent Schritten die gewünschte Parkzeit. Meine nächste Station ist der Obststand auf dem Wochenmarkt. Ich nehme die kleine Tüte mit den Bananen und Kiwis entgegen, tippe die 10-Stellige Nummer, die der Händler auf einem Papierschild ausgedruckt in der Auslage stehen hat, in eine Bezahl-App auf meinem Handy und überweise ihm den Betrag mit einem kurzen Swipe. Kurz bevor ich wieder ins Auto steige, möchte ich noch kurz im Supermarkt vorbeischauen. Als ich an der Kasse stehe und angesichts des kleinen Betrages ein paar Münzen hervorkrame, deutet der Kassierer mürrisch auf das Schild an der Tür: “Wir akzeptieren kein Bargeld”. Also zücke ich wieder mein Handy, entsperre es mit einem Blick auf das Display und halte das Gerät dann an das Terminal. Ich frage mich, ob ich das Kleingeld in meiner Tasche eigentlich noch jemals wieder los werde.

 Vom „Krieg“ gegen das Bargeld

Diese Geschichte kommt Ihnen komisch vor? Das liegt vielleicht daran, dass das Besagte nicht in Deutschland stattgefunden hat, sondern in Schweden. Hier lebt man bereits überwiegend bargeldlos. Und das nicht erst seit gestern. Hier ist der “war on cash”, wie es der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BDGW) Harald Olschock völlig uneigennützig formuliert, bereits in vollem Gange.

Um nicht zu sagen, inzwischen soweit fortgeschritten, dass nur noch ein paar wenige Aufständische beharrlich ihr Recht auf die Nutzung von Bargeld verteidigen.

Bargeldloser Zahlungsverkehr: Zahlen zur Nutzung in Deutschland

In Deutschland hingegen glich das Vordringen der Kämpfer für einen bargeldlosen Zahlungsverkehr in den letzten Jahren eher einem zermürbenden Stellungskampf, um im Bild zu bleiben. Insbesondere bei der Nutzung von kontaktlosen Zahlungsarten, die weithin als Brückentechnologien zur vollständigen digitalen Zahlungsinfrastruktur gesehen werden. Noch 2016 gaben 54% der Deutschen an, noch nie kontaktlos bezahlt zu haben und dies auch in Zukunft nicht in Erwägung zu ziehen. Nur 10% der Bevölkerung hatten zu diesem Zeitpunkt bereits kontaktlos gezahlt und davon nur der kleinste Teil regelmäßig. 2019, also 3 Jahre später, sah die Situation bereits anders aus. 55% hatten letztes Jahr bereits kontaktlos gezahlt. Die Hälfte davon nutzte die Kontaktlosfunktion ihrer girocard, der Kreditkarte oder ihres Smartphones, dabei mindestens einmal wöchentlich.

Ein weiteres Opfer von Corona – das Bargeld?

Nun ist dieses Jahr ein anderes als alle vorangegangenen Jahre und das in vielerlei Hinsicht. Nicht nur fühlt es sich inzwischen merkwürdig an, ohne Maske das Haus zu verlassen, obwohl wir noch vor einigen Monaten halb amüsiert, halb verständnislos den Kopf schüttelten, wenn uns mal wieder eine asiatische Reisegruppe in allerlei farbenfrohen Mundschutz gekleidet über den Weg lief, sondern Corona (bzw. COVID-19) hat auch das Verhalten an der Kasse grundlegend geändert. Noch 2018 gehörte man einer seltenen Spezies an, wenn man seine Karte nur kurz an das Terminal im Supermarkt hielt. Der erstaunten Blicke seiner Mitschlangesteher war man sich endgültig sicher, wenn man nach der Frage “Bar oder mit Karte” nur kurz das Handy herauszog und mit dem, inzwischen durch die Deutsche Bank sogar medial zu einiger Aufmerksamkeit gekommenen „Ba-bing“ seine Einkaufstaschen schnappte und einfach verschwand, ohne auch nur einmal die Geldbörse geöffnet zu haben.

Corona als Treiber für kontaktloses Bezahlen

Die Pandemie sei nun dafür verantwortlich, dass die Zahlen für das bargeldlose und insbesondere kontaktlose Bezahlen seit 2019 noch einmal beträchtlich gestiegen seien. Das sagen beide Parteien. Die Verfechter des Bargeldes und diejenigen, die es am liebsten endlich loshaben wollen würden. Dabei beklagen erstere allerdings, dass die Warnung vor der Ansteckungsgefahr mit Bargeld nur Panikmache sei und Ängste bei Kunden und Verkaufspersonal schüren würde. Letztere dagegen freuen sich, dass es nun scheinbar den letzten notwendigen Impuls gegeben hat, den Weg in eine längst verschlafene Zukunft des digitalen Zahlungsverkehrs in Deutschland endlich frei zu machen.

Beim kontaktlosen Zahlen stehen Zweckmäßigkeit und Geschwindigkeit im Vordergrund

Nun scheint es so zu sein, dass das größte Ansteckungsrisiko wohl tatsächlich nicht auf den Austausch von Bargeld zurückzuführen ist, sondern auf begutachtetes und wieder zurückgelegtes Obst. Aber dies muss von den entsprechenden Experten an anderer Stelle abschließend geklärt werden. Es ist aber auch so, dass mitnichten die Angst vor einer Ansteckungsgefahr die Menschen vermehrt zu den Karten bzw. Smartphones greifen lässt.

Aktuelle TOP 3 Gründe für die Nutzung von bargeldlosem Bezahlen

Dies hat zumindest eine Umfrage von Statista in Zusammenarbeit mit gdata ergeben. Auf die Frage danach, warum sie lieber bargeldlos bezahlen, nannten nur 20,3% der Teilnehmer die Angst vor einer Ansteckung als Grund dafür. Und damit landet diese Aussage nur auf dem dritten Platz. Auf den ersten beiden Plätzen liegen hingegen die Gründe, dass man bspw. das Smartphone immer zur Hand hat, Bargeld nicht immer (32,5%), bzw. dass die Zeitersparnis an der Kasse im Vergleich zum Bargeld eine Rolle spielt (31,7%).

Bargeld – nicht mehr des Deutschen liebstes Kind?

Fakt ist, die Liebe zu ihrem Bargeld hat bei den Deutschen seit Ausbruch der Corona-Krise besonders stark gelitten und die Menschen werden sogar mutiger was die “neuen” Technologien betrifft. Inzwischen haben 75% bereits kontaktlos (also auch bargeldlos) gezahlt und ca. 64% machen dies sogar regelmäßig, haben die Forscher von Forsa im Auftrag von Visa herausgefunden. Dabei zahlen die meisten, nämlich 56% der Befragten, am liebsten mit Karte, was einem Anstieg um 3% zum Vorjahr entspricht. Nur noch 32% sagen, dass Bargeld ihr bevorzugtes Zahlungsmittel ist. Signifikant ist aber der Anstieg bei Smartphones. Hier gaben 12% der Teilnehmer an, dass dies inzwischen ihre liebste Form des Bezahlens ist. Das entspricht einer Verdoppelung zum Vorjahr.

Noch wesentlich interessanter ist allerdings, dass sich offensichtlich auch die grundlegende Einstellung zum Bargeld zu verändern scheint und zwar fast gleichmäßig über alle Altersgruppen hinweg. So hat der Digitalverband Bitkom herausgefunden, dass sich der überwiegende Großteil der Menschen in Deutschland mehr Möglichkeiten zum kontaktlosen Bezahlen wünscht. Bei der Gruppe der 16- bis 29-Jährigen sind das weniger überraschend ganze 76%. Aber selbst bei den 65-Jährigen und älter sind es noch 62%. Und hört man den Teilnehmern weiter zu, versucht der Großteil der Befragten die Zahlung mit Bargeld sogar so oft es geht zu vermeiden. Hier sind es in der jüngeren Gruppe, unter den 16- bis 29-Jährigen, bereits 84%. Aber sensationell ist, dass sogar 68% der ältesten Mitbürger, 65 Jahre und darüber, die gleiche Meinung vertreten.

Denkt denn keiner dabei an den Datenschutz? Um Gottes Willen, der Datenschutz!

Damit scheint eines der am häufigsten genannten Argumente für die Bargeldnutzung an Bedeutung zu verlieren. Nämlich, dass ältere Menschen vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden könnten, wenn Bargeld abgeschafft werden würde. Weitere Argumente bemühen regelmäßig die angeblich fehlende Ausgabenkontrolle und die generelle Sicherheit des Zahlvorganges. Außerdem darf in Deutschland natürlich die Angst vor dem mangelnden Datenschutz nicht fehlen. Martialisch klingende Aussagen, wie die vom “war on cash” des oben bereits angesprochenen BDGW und die diffuse Angst vom gläsernen Menschen, verbinden darüber hinaus raffiniert des Deutschen ureigenen Schuldkomplex mit der grundlegenden Skepsis gegenüber der technologischen Zukunft.

Kinderfotos auf Facebook? Kein Problem. Digital bezahlen? Niemals!

Dass ein Großteil der Menschen inzwischen, ohne weiter darüber nachzudenken, jedes noch so private Detail in sozialen Netzwerken veröffentlich, scheint dabei geflissentlich übersehen zu werden. So, wie es einem eben gerade passt. Auch diskutieren nicht wenige Parteien gerade über die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre. Unter dem Deckmantel der Mündigkeit kommt die für einige sehr praktische Neigung, sich Ideologien ungeprüft zu verschreiben gerade Recht, um neue Wählergruppen zu erschließen. Aber wenn es um den Kauf der nächsten Air Max geht, trauen wir unseren Jugendlichen nicht zu, den Einfluss dieser Transaktion auf ihren Kontostand nachvollziehen und nachhaltig einordnen zu können, solange sie kein Bargeld benutzen.

Dabei bietet inzwischen jede halbwegs vernünftige Banking-App eine entsprechende Übersicht. Sogar bis hin zu Analysetools, die uns unser Ausgabeverhalten bis ins Detail überwachen und planen lassen und sogar helfen, übermäßige Ausgaben zu vermeiden, bspw. mit bestimmten zweckgebundenen Unterkonten oder Ausgabengrenzen. Und natürlich sind technologische Lösungen immer einem gewissen Risiko unterworfen, missbraucht zu werden. Aber wir wagen zu bezweifeln, dass sich der geneigte Bürger die vielfältigen Möglichkeiten, einen Geldautomaten zu manipulieren, bei jeder Bargeldabhebung mit PIN bewusst ins Gedächtnis ruft und daraufhin den, insbesondere in Zeiten des umfangreichen Filialsterbens, gegebenenfalls recht langen Weg zur nächsten Bankniederlassung antritt.

Die Gründe gegen kontaktlose Kartenzahlungen sind die Gründe für das Zahlen mit dem Smartphone

Ganz im Gegenteil. Eigentlich müsste man den Übergang zur digitalen Zahlungsinfrastruktur noch beschleunigen, wenn man an Sicherheit und Datenschutz interessiert ist. Tatsächlich können Karten nämlich ausgelesen werden. Auch wenn mit der Near Field Technology (NFC), die die Basis des kontaktlosen Zahlvorganges darstellt, maximal 4 cm überbrückt werden können. Man müsste also schon sehr nah an die Karte herankommen, um sie auslesen zu können. Aber selbst wenn das gelingen sollte, kann man mit den gestohlenen Daten für maximal 50€ (vor der Corona-Krise 25€) einmalig oder bis zu insgesamt 150€ bei nicht mehr als 5 aufeinanderfolgenden Transaktionen einkaufen gehen, bevor wieder eine PIN verlangt wird. Wollte man aber wirklich konsequent sein, würde man die Bürger weniger vor den Risiken der kontaktlosen Kartenzahlung warnen, als sie möglichst schnell versuchen, für die Zahlung mit dem Smartphone zu begeistern.

Durch die Tokenisierung, wie bei Apple Pay oder Google Pay üblich, werden hier nämlich gar keine persönlichen Informationen oder Zahlungsdaten mehr übertragen. Außerdem ist die Hürde, das Smartphone missbräuchlich zu verwenden sehr viel höher als bei girocards oder internationalen Debit-/ Kreditkarten. Nicht nur müsste man den Schutz des Smartphones überwinden, auch die Bezahl-App selber müsste ausgetrickst werden. Und mit den neuesten Geräten würde das bedeuten, man bräuchte schon das Gesicht oder zumindest einen Daumen des Opfers. Wir hoffen in unserem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen, dass das zumindest für die Meisten unter uns einen ausreichenden Hinderungsgrund im Hinblick auf den potentiell geringen Profit darstellt.

Kein Bankkonto ist auch keine Lösung

Ein Punkt, der jedoch durchaus nicht von der Hand zu weisen ist, ist der Verlust der Anonymität durch kontaktloses Geldausgeben. Banken und Dienstleister erhalten bei rein digitalen Transaktionen ständig Informationen, wer, wann, wo für wieviel eingekauft hat. Nach meinen Erfahrungen hat das allerdings im günstigsten Fall die Auswirkungen, dass mehr für mich persönlich optimierte Dienstleistungen angeboten werden und im schlimmsten Fall, dass ich mit zusätzlicher Werbung zugespammt werde, die mich, angesichts der annahmegemäß sehr effizienten Auswertung meiner Daten und der damit zusammenhängenden potentiellen Überzeugungskraft, womöglich zum zusätzlichen Geldausgeben verleitet.

Wer nun darauf hinweisen will, dass es bei dieser Form des Datenschutzes ja gar nicht so sehr um den ökonomischen Aspekt der beteiligten Dienstleister und Banken geht, sondern eher um das strafrechtliche Interesse der Behörden, der hat sicherlich noch nicht erlebt, welche Auswirkungen die verspätete Zahlung der Kfz-Steuer oder die ausreichend lange Verzögerung der Überweisung des sog. Rundfunkbeitrages bereits ohne digitale Zahlungsmethoden haben kann. Würde man sich dem entziehen wollen, dann dürfte man noch nicht einmal ein Konto eröffnen. Und wir lehnen uns sicherlich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn wir behaupten, dass der Teil der Bevölkerung, der das konsequent durchzieht, eher nicht zum Kreis unserer Leser gehört.

Entwicklungsland Deutschland – auch bei der digitalen Zahlungsinfrastruktur

Trotzdem werden die Mahner ohne Frage nicht müde werden, die Risiken des bargeldlosen Zahlungsverkehrs zu betonen und weiterhin der Auffassung sein, dass Bargeld noch das wichtigste Zahlungsmittel in Deutschland ist, und auch bleiben wird (O-Ton – wer hätt‘s geahnt – BDGW). Währenddessen hat Schweden das Ziel ausgegeben bis 2030 vollständig auf bargeldloses Zahlen umgestellt zu haben. Und selbst für Deutschland prognostizieren unsere Kollegen der Unternehmensberatung Oliver Wyman, dass spätestens 2025 die umsatzbasierte Bargeldnutzung gerade noch bei 32% liegen wird. Und im selben Zeitraum sollen sich diejenigen Nutzer, die mit dem Smartphone am POS zahlen werden – und damit kontaktlos – laut Statista mehr als verdreifachen (von heute ca. 6 Mio. Nutzer auf ca. 19,7 Mio. Nutzer).

Dazu wird in Zukunft sicherlich die krisenbedingte Erhöhung des Betrages, der ohne PIN kontaktlos mit der girocard gezahlt werden kann (von 25€ auf 50€), beitragen. Wir schätzen aber, dass insbesondere die weitere Verbreitung von Zahlungsterminals mit Kontaktlosfunktion und das sich ändernde Bewusstsein der Kunden zur Zahlung von Klein- und Kleinstbeträgen im Lebensmitteleinzelhandel, zusammen mit der Deckelung der Händlerentgelte durch die MIF-Verordnung, zunehmend positiv auf die Nutzung unbarer Zahlungsmethoden auswirken wird.

Das Bäckerhandwerk als Wegweiser in die digitale Zukunft

Noch heute wird, je kleiner der zu zahlende Betrag ist, eher auf Bargeld zurückgegriffen. So finden laut Finanztest 70% der Bargeldtransaktionen im Lebensmitteleinzelhandel statt. Zum Vergleich, bei Möbelhäusern sind es 3,1%, bei Garten- und Baumärkten 3,2% und bei Bekleidungs- oder Schuhgeschäften nur 4,6%. Die Deutschen sind also noch nicht bereit, ihre Brötchen Sonntagmorgen beim Bäcker mit der Karte oder dem Smartphone zu zahlen. Und dementsprechend ist auch die Bereitschaft der Händler, die entsprechenden Möglichkeiten für kontaktloses Bezahlen überhaupt erst anzubieten.

Insofern ist es, wenigstens für die Verfechter des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, eine gute Nachricht, dass zumindest der Zentralverband des Bäckerhandwerks inzwischen eine Broschüre aufgelegt hat, deren Ziel es ist, seinen Mitgliedern und deren Kunden die Vorteile “dieser neuen” Technologie nahezubringen.

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