Bringt MiCA den Wendepunkt in der Krypto-Regulierung?

Bringt MiCA den Wendepunkt in der Krypto-Regulierung?

 

POSTED ON 28. June 2021 BY David Kruse 

Der Umbruch im Zahlverhalten deutscher Konsumenten

Nach mehr als 15 Monaten dominiert Corona sowie die daraus resultierenden Implikationen nationale und internationale Medien. Unterschiedlichste Einschnitte in den Alltag sowie das tatsächliche Alltagsverhalten der Deutschen wurden durch die immer neuen Entwicklungen stark beeinflusst. Besonders das Zahlverhalten der deutschen, welche als bargeldliebende Nation gilt, hat sich laut EHI im deutschen Einzelhandel mit einer am Umsatz gemessenen Steigerung bargeldloser Zahlungen in 2020 um 5,6% auf einen Anteil von 56,3% enorm gewandelt. Selbiges gilt für das Konsumverhalten.

 Home Office und Zahlungsabwicklung

Flächendeckendes Homeoffice als Zeichen der pandemiebedingten Zwangsdigitalisierung des Mittelstandes ließ den Online-Handel in allen Industrien und über jedes Segment hinweg wachsen. Lieferdienste wie Flaschenpost, Flink und Gorilla erschufen Lieferketten um ein Bedürfnis zu bedienen, über dessen Existenz viele Nutzer sich vorher nicht im Klaren waren. Die Abwicklung der Zahlung läuft hierbei natürlich digital und kommt somit dem im stationären Handel hinweg schallenden Dogma „Bitte zahlen Sie mit der Karte und am besten kontaktlos“ nach. Ebenfalls mit Spannung zu beobachten ist, dass das sonst als risikoavers einzuschätzende Nutzerprofil von Max Mustermann immer häufiger bei Anbietern spekulativer Finanzprodukte angelegt wird. Anbieter wie Trade Republic wuchsen in der Krise signifikant und machten bis auf den Gamestop-Tumult im Februar dieses Jahres keine negativen Schlagzeilen.

Reaktionen auf Kursschwankungen

Bezogen auf den Fortschrittswillen des Durchschnittsdeutschen kann die Adaptionsgeschwindigkeit der oben genannten Verhaltensweisen als überdurchschnittlich bezeichnet werden. Trotz der Tatsache, dass dies für viele Mitgliedsstaaten der EU eher als Kalter Kaffee beschrieben werden könnte, hat sich eine weitere Neuerung klammheimlich am Aufmerksamkeitsradar Vieler vorbeigeschlichen. Im Schatten der wahnwitzigen Kursschwankungen von Bitcoin, welche nicht zuletzt durch den TESLA-Bauer Elon Musk befeuert wurden, sowie der Preisexplosion (+900%) der bis dato als Spaßwährung bezeichneten Kryptowährung Dodgecoin, kündigte sich im September 2020 eine Verordnung der Europäischen Union an. Als Ziel verfolgt diese nicht weniger als ein Regelwerk, die die Schöpfung und Nutzung von digitalen Geldern definiert. Diese auf 168 Seiten zusammengefasste Verordnung hat unsere Aufmerksamkeit erweckt. Aus diesem Grund wollen wir uns etwas genauer mit MiCA auseinandersetzen.

Was genau ist MiCA?

Die MiCA-Verordnung oder auch „Regulation on Markets in Crypto-Assets“ hat sich das ambitionierte Ziel gesetzt, den Umgang mit Emittenten und Krypto-Assets sowie entsprechenden Dienstleistern auf europäischer Ebene zu Regeln. Krypto-Assets werden in diesem Kontext als die Darstellung eines Wertes bezeichnet, der weder von einer Zentralbank noch einer anderen öffentlichen Stelle emittiert wurde, nicht den Status einer gesetzlichen Währung oder Geld besitzt, jedoch als Tausch- oder Zahlungsmittel akzeptiert wird oder Anlagezwecken dient. Diese Werte werden grundsätzlich auf Basis der Distributed Ledger Technologie übertragen, gespeichert und gehandelt. Distributed Ledger bedeutet, dass im Gegensatz zum klassischen, zentralen Hauptbuch als Ort der Dokumentation/Verwahrung, ein öffentlicher, dezentraler Ansatz gewählt wird. Somit können alle Teilnehmer im verteilten Hauptbuch auf alle betreffenden Datensätze zugreifen und die Technologie bietet eine überprüfbare Historie aller gespeicherten Informationen. Die Distributed Ledger Technologie ist also als digitales (dezentrales) System zur Erfassung von Transaktionen oder Assets charakterisiert.

Krypto-Assets

Vor diesem Hintergrund kann der seit September veröffentliche Entwurf der EU als europäische Antwort auf nationale Bemühungen, wie beispielsweise die Erweiterung um Wallet-Anbieter in der fünften Geldwäscherichtlinie oder der Veröffentlichung eines Gesetzes für elektronische Wertpapiere (eWpG), gesehen werden. Die Kontrolle der verabschiedeten Regulierung soll sowohl von nationalen Behörden wie der BaFin als auch der Europäischen Bankenaufsicht (EBA), welche auf diesem Weg selbst zur Aufsichtsbehörde mutiert, durchgeführt werden. Besonderes Augenmerk legt die Verordnung hierbei auf Krypto-Assets, welche aktuell nicht reguliert sind. Bei genauer Prüfung der Verordnung wird deutlich, dass der primäre Fokus, neben dem allgemeinen Verweis auf Krypto-Assets sowie Utility-Token, welche dem Besitzer Dienstleistungen oder Funktionen einräumen, jedoch keine monetären Anreize schafft, auf Asset-referenced Tokens, E-Money Token sowie den Dienstleistungsunternehmen, welche Geschäftsmodelle rund um diese Tokens entwickeln, liegt.

Asset-Referenced Token

Der Begriff Asset-referenced Token beschreibt ein Krypto-Asset, dessen Hauptzweck darin besteht, als Tauschmittel verwendet zu werden, und das vorgibt, einen stabilen Wert zu erhalten, indem es sich auf den Wert mehrerer Fiat-Währungen, einer oder mehrerer Waren oder eines oder mehrerer Krypto-Assets bzw. einer Kombination solcher Assets bezieht. Die Kriterien für ein solches Asset wären beispielswiese erfüllt, wenn der Gegenwert einer neu erschaffenen Währung in Gold, Silber und Euro hinterlegt werden würde. Ein real existierendes Beispiel für einen solchen Token ist die Währung DAI. Der DAI-Coin ist eine Kryptowährung, die den Gegenwert von genau 1 US-Dollar abbildet. In Fachkreisen wird diese Kryptowährung als Stablecoin bezeichnet und ist stets durch einen stabilen Wert gekennzeichnet bzw. ist das zumindest das erklärte Ziel. Im Gegensatz zu einem Asset-referenced Token konzentrieren sich E-Money Token lediglich auf eine Fiat-Währung. Dies wäre beispielsweise der Fall, wenn ein digitaler Euro ausgegeben würde, welcher weder einer Zentralbank noch einer öffentlichen Stelle entstammt. Abschließend werden Unternehmen begutachtet, welche Dienstleistungen bezogen auf Krypto-Assets anbieten. Diese Dienstleistungen und Geschäftsmodelle können sich sowohl mit der Verwahrung, als auch dem Handel und Tausch oder der Finanzberatung beschäftigen. Nachdem in der Vergangenheit bereits unterschiedliche Versuche unternommen wurden, diese bis heute nahezu unregulierte Ökonomie zu bändigen, stellt sich die Frage, warum neben den klassischen spekulativen Anlageprodukten, nun auch die Payment-relevanten Dienstleistungen genauer unter die Lupe genommen werden.

Facebooks Stablecoin?

In den vergangenen Jahren wurden mehrfach Versuche von privat geführten Firmen unternommen, um eigene Währungen zu schaffen und diese über das eigene Ökosystem hinweg zu nutzen. Als passendes Beispiel in diesem Kontext kann das Vorhaben von Facebook, einen eigenen Stablecoin auszugeben, hier genannt werden. Das unter dem Namen Libra bekanntgewordene Projekt sah einen Asset-referenced Token vor, welche auf unterschiedliche Währungen und Staatsanleihen fußen sollte. Die Vorteile eines in sich geschlossenen Systems wie Facebook, welches 2019 ca. 1,5 Milliarden Nutzer pro Tag zählte, liegen auf der Hand. Selbiges gilt für die Vorbehalte klassischer Banken und Finanzinstitute, die eine Bedrohung für ihre unterschiedlichsten Einnahmequellen sahen. Abgerundet wurde der Versuch zur aktiven Sterbehilfe durch innovationsaverse Politik, welche nicht zuletzt versuchte, das Unterfangen durch massive Gegenwehr auszubremsen. Obschon als Begründung angebracht werden kann, dass Geldschöpfung und dessen Ausgabe den Zentralbanken obliegen sollte, unterstreicht das harsche Vorgehen einen deutlichen Fakt. Erneut haben Tech-Firmen den bereits bestehenden Anbietern am Markt durch ihre Innovationen das Wasser abgegraben. Trotz der Tatsache, dass durch die im September 2020 veröffentlichten Kriterien in Bezug auf Asset-referenced und E-Money Token, ein generelles Verbot von Stablecoins abgeschafft wird, demonstrieren selbige Kriterien die protektionistische Einstellung der Verfasser. So wird von Firmen, welche Assets für den Tausch Ihrer Währung gegen Waren außerhalb des eigenen Ökosystems erschaffen wollen abverlangt, ein Whitepaper (vergleichbar mit einem Wertpapierprospekt) zu erstellen, indem Chancen und Risiken dargestellt werden. Darüber hinaus muss der Gründer eine natürliche Person sein und einen Sitz in einem der EU-Mitgliedsstaaten besitzen. Dies gilt ab einer Asset-Schöpfung von mehr als 5 Millionen Euro in 12 Monaten. Bei Ausgabe eines Asset-referenced Token müssen ergänzend „Reserveguthaben“ in Höhe von 350.000 Euro bzw. 2% der geschaffenen Geldsumme hinterlegt werden. Offen bleibt die Frage, ob diese Hürden tatsächlich ausschließlich protektionistisch und Stillstand befördernd sind oder vielleicht mehr dahintersteckt.

Für Protektionismus spricht eindeutig die Tatsache, dass die Einstiegshürden für Unternehmen signifikant sind, da neben der Erfüllung diverser Regularien sowie der Beantragung einer Lizenz auch Risiko und Kontrollmechanismen geschaffen und gewartet werden müssen. Auf diesem Weg werden Unternehmen, welche ein gutes Konzept, jedoch nicht den (finanziellen) Rückhalt eines bereits bestehenden Players haben, Gefahr laufen nie am Markt visibel zu werden.

Vorteile dieser Lizenz

Es muss der Fairness halber hervorgehoben werden, dass die geplante Verordnung auch sehr viele positive Aspekte mit sich bringt. Beispielswiese ist es nach Erlangen einer Lizenz in einem EU-Mitgliedsland möglich, die Dienstleistungen auch in anderen Ländern anzubieten. Dies wird durch das sogenannte EU-Passporting ermöglicht, was wir bereits von Bank- und Finanzdienstleistungen her kennen. Regulierungen wie diese sowie die daraus abzuleitenden Implikationen schaffen das Potential für eine europäische Harmonisierung und Standardisierung. Analog dem „Banking-as-a-Service“-Ansatz könnten lizensierte Institute Dienstleistungen anbieten, welche Drittanbietern ohne Lizenz ermöglicht, Geschäftsmodelle in dieser komplexen Industrie zu entwickeln und umzusetzen. Eine modulare „Krypto-as-a-Service“-Infrastruktur würde Innovationen fördern und gleichzeitig die Verbraucher schützen. Ergänzend wird der Schutz des Verbrauchers durch entsprechende Transparenz geschaffen. So wird beispielsweise in Art. 23 ff. der MiCA definiert, dass Offenlegungspflichten, die Pflicht zur Kundeninformation oder auch Regelungen zu Interessenskonflikten geschaffen werden, die jederzeit vom Emittenten einzuhalten sind. Dies wird durch verpflichtende Formulierung und Prüfung eines Whitepapers unterstrichen. Ein solcher Prüfmechanismus hätte 2017 zur Zeit der ICO- oder Bitcoin-Blase viele private Kleinanleger vor dem Totalverlust bewahrt.

Doch was ist nun das Fazit?

Die Bemühungen des Gesetzgebers machen deutlich, dass in der Politik angekommen ist, was vom FinTech-Enthusiasten bis hin zum Banker bereits vor Jahren verstanden wurde. Krypto-Assets, unabhängig von dessen Ausprägung, sind gekommen um zu bleiben. Offen bleibt jedoch die Frage, wie diese reguliert werden, um die Ausbreitung zu „kontrollieren“ und den Verbraucher zu schützen. Resultierend bleibt abzuwarten, ob die mit der heißen Nadel gestrickte Verordnung in der Lage ist einen Standard zu definieren, welcher in der EU eingehalten wird und nachhaltig umsetzbar ist oder ob es sich hierbei um einen ähnlich lückenhaften Versuch zur Geldwäschebekämpfung handelt, wie bei der Fiskalisierung. Sicherlich sind hierzu noch viele Fragen zu beantworten. Unterliegt beispielsweise ein Stablecoin welcher zu 99,5% aus USD und 0,5% aus Euro besteht den Regularien eines Asset Referenced Tokens oder eines E-Money Tokens? Und muss konsequenter Weise hierfür ein Whitepaper geschrieben und durch die BaFin freigegeben werden? Sicherlich bleibt jedoch die wichtigste Frage zu klären. Möchte Europa eine Rolle in dieser zukunftsweisenden Finanz- und Technologieökonomie einnehmen oder eben nicht. Sollte dies der Fall sein, sind Handlungen zeitnah nötig, welche jungen Firmen die Möglichkeit geben Ihre Produkte und Dienstleistungen ohne zeitaufwendigen Prozess an den Markt zu bringen und das Bedürfnis bestehender (Zentral-) Banken den Status quo zu erhalten, hintenanstellt. Sollte dies nicht der Fall sein wird voraussichtlich erneut ein nicht europäischer Anbieter das dominante Design für eine globale oder europäische Lösung entwickeln und nationale Player aus diesem Ökosystem ausschließen. Glücklicherweise kann zumindest die UEFA dann neben Alipay einen weiteren Werbepartner für die Banden an der Seitenlinie gewinnen.

Archiv

[pissc number=20 cat=”Articles” the_more=”Read the full post →”]