Krypto im Krieg?

Die Krypto-Szene hat einige bewegte Wochen hinter sich. Analog zu den weltweiten Börsenmärkten, aber in noch drastischerer Form sind die Kurse beinahe sämtlicher Krypto-Werte abgestürzt. Einige Krypto-Währungen sind gleich komplett vom Markt verschwunden (und mit Ihnen eine Menge Anlegerkapital) und auch einige Krypto-Startups haben den Absturz nicht überlebt. Man denke zum Beispiel an die Insolvenz des Nuri „Krypto Ertragskonten“ Partners Celsius Network, bei dem Kunden ihre Assets an Celsius Network übertragen haben, um im Gegenzug Zinszahlungen zu erhalten. Es bleibt hochfraglich, ob die betroffenen Anleger von ihrem Kapital etwas wiedersehen werden. Inzwischen ist auch Nuri selbst in die Insolvenz geraten, beteuert aber wiederholt, dass das Geld ihrer Anleger sicher sei.

Nach einhelliger Pressemeinung haben die harten wirtschaftlichen und finanziellen Sanktionen Russland nach dessen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg überrascht und schwer getroffen. Allenfalls Nordkorea, Iran und vor vielen Jahren Kuba können in etwa erahnen, wie es Russland und seinen Bürgern derzeit ergeht. Weitestgehend abgeschnitten vom Flugverkehr, der Kauf von beliebten Apple Produkten quasi unmöglich, der Einsatz von Visa und Mastercard streng limitiert, die Buchung von Urlauben auf Ibiza unmöglich… und so viele andere Dinge, die nicht mehr in gewohnter Weise funktionieren. Der erwartete und nachvollziehbare Reflex? Der Ausweg über Krypto-Währungen. Versprechen diese doch Anonymität und Unabhängigkeit vom globalen Finanzsystem. Hier wähnt man sich sicher vor dem Zorn der westlichen Sanktionen.

Krypto-Währungen sind für eine Situation wie diese quasi geschaffen, sind jedoch bedingt durch steigende Zinsen und wirtschaftliche Unsicherheit weltweit ebenso wie die Börsenmärkte aktuell extrem unter Druck und damit zwar in der Theorie geeignet klassische (regulierte und sanktionierte) Finanzinstrumente und -märkte zu umgehen, in der Praxis aber auch entsprechend gefährlich und unsicher, da extrem volatil.

Die EZB Präsidentin Christine Lagarde beobachtet bereits verstärktes Ausweichen auf Krypto-Währungen und damit die Umgehung der sorgfältig vorbereiteten, strengen Sanktionen. In den ersten Tagen nach Kriegsbeginn beobachteten Insider auffällige Aktivitäten von mutmaßlich russischen „Krypto-Whales“, d.h. Anleger mit sehr hohem Anlagevolumen, die Krypto-Werte von Millionen Dollar bewegten. Die Vermutung liegt nahe, dass Anleger sich bemühen ihre Vermögen in Krypto-Werte umzuschichten, um Sanktionen des Westens zu entgehen. Bankguthaben insbesondere bei westlichen Banken können eingefroren, blockiert und vor allem beobachtet werden. Krypto-Guthaben und -Transaktionen sind sehr viel schwieriger zu kontrollieren und vor allem zu sanktionieren, da es oftmals gar kein Zugriff oder gar rechtliche Grundlagen bzw. Regulierung hierfür gibt. Die russische Sberbank versuchte sich gar darin direkt eine eigene Krypto-Währung, den Sbercoin auf den Markt zu bringen, um sich unabhängiger vom westlich geprägten Finanzsystem zu machen und sich auf einen Ausschluss von SWIFT vorzubereiten. Auch die enormen Marktbewegungen der letzten Monate und die damit verbundenen finanziellen Konsequenzen für Anleger, insbesondere Privatanleger, ruft verstärkt Regulatoren auf den Plan, um Anleger und Investoren zu schützen. Neben dem reinen Bewegen von Finanzwerten über Blockchains, steht vor allem auch das Mining von Krypto-Werten im Fokus. So wird unter anderem vermutet, dass russische Energieunternehmen vom Export von Energieträgern auf Nutzung dieser Energie für Krypto-Mining umschwenken, um Exportausfälle durch entsprechende Krypto-Gewinne zu kompensieren. Mutmaßlich nutzt z.B. auch Nordkorea Krypto-Mining und Cyber-Angriffe sowie Ransomware, um so internationale Sanktionen zu umgehen und an Devisen in Form von Krypto-Werten zu gelangen.

Schon vor einer Weile habe ich prophezeit: Je gewichtiger der Krypto-Markt wird, umso mehr wird ihn Politik und Finanzsaufsicht regulieren wollen. Sobald der Krypto-Markt anfängt „Systemrelevanz“ zu entfalten, steigt der Druck, diesen Markt regulieren oder im Extremfall gar verbieten zu müssen. Die Idee hinter Krypto-Währungen ist gerade genau diesem Einfluss des „Systems“ entgehen zu können und unabhängig von Staaten und Finanzaufsichten zu sein. Gleichzeitig entsteht gerade dadurch Druck auf ebenjene Staaten und Finanzaufsichten nicht die Kontrolle über einen beträchtlichen Teil des internationalen Finanzgeschehens zu verlieren.

Die Sanktionen und insbesondere die Umgehung der Sanktionen über Krypto-Währungen halten nun ein Brennglas auf genau diese Situation. Kürzlich stand bereits ein Verbot von Proof-of-Work Krypto-Währungen in der EU im Raum, da diese besonders energiehungrig und damit umweltschädlich sind. Eine entsprechende Abstimmung konnte kurzfristig abgewendet werden. Durch die MiCa-Verordnung wird der Regulierungsdruck weiter steigen. Es ist absehbar, dass die MiCa Verordnung einen ähnlichen Verlauf wie die Payment Service Directive (PSD) nehmen wird, nämlich in verschiedenen Iterationen weiter verfeinert und verschärft werden wird. Die Regulatorik wird sich dem sich verändernden Markt anpassen und weiterentwickeln müssen. Die Umgehung von Sanktionen und Geldwäschegesetzen durch Krypto-Märkte werden also unweigerlich Folgen in Form einer sich verschärfenden Regulierung nach sich ziehen. Die verantwortlichen Politiker werden hierfür sicher dankend die Gelegenheit nutzen, die moralische Verwerflichkeit der Umgehung von Sanktionen durch den völkerrechtswidrigen Angriffskrieges zu begründen.

Für Krypto-Enthusiasten ist die aktuelle Situation somit Fluch und Segen zugleich. Segen, da die großen Krypto-Währungen aktuell wieder verstärkte Aufmerksamkeit erfahren – was normalerweise positiv zu werten ist, denn typischerweise steigt die Verbreitung durch höhere Aufmerksamkeit. Aktuell entsteht die Aufmerksamkeit aber vor allem durch krasse Kursverluste und Kapitalvernichtung und die Geldwäschevorwürfe der Politik. Aber auch Fluch, denn der Traum vom Geld abseits jeglicher Staatlichkeit und Regulierung wird damit zunehmend zu Nichte gemacht werden.

Europa schreitet voran und nimmt mit der Markets in Crypto Assets (MiCA) vor allem die Plattform-Betreiber durch eine Lizenzpflicht in die Haftung und will so Nachverfolgbarkeit von Geldflüssen herbeiführen und dadurch insbesondere Geldwäsche bekämpfen. Aber auch Klimaschutzauflagen, Rückforderungsrecht für Stable Coins und erste Regulierungsansätze für NFTs werden Bestandteil der neuen Regulierung.

Wir dürfen sehr gespannt sein, wie die weitere Evolution der Krypto-Währungen im Einklang mit der mitwachsenden Regulierung aussehen wird. Sicher werden auch die Krypto-Pioniere nicht müde, innovativ in die Zukunft zu schauen und sich neue Mittel und Wege auszudenken, sich ein Stückchen unabhängiger zu machen von der „klassischen Finanzwelt“.

Apple Pay(ment Prozessor)

Wie Apple die Payment Branche umkrempelt und wohin die Reise gehen könnte…

In den einschlägigen Informationsquellen der Payment-Branche taucht Apple mit immer neuen Gerüchten und Bestrebungen auf, neue Payment-Dienstleistungen an den Start zu bringen („Apple benötigt bald kein Händler-Terminal mehr“) oder sogar als eigenständiges Finanzinstitut in den Markt einzusteigen („Apples Projekt „Breakout“ – auf dem Weg zur Apple-Bank?“)

 

Die Geburt und hervorragende Entwicklung von Apple Pay

Aber was heckt Apple da eigentlich aus? Und warum hat einer der größten Technologiekonzerne der heutigen Zeit nichts Besseres zu tun, als in einem der am stärksten regulierten Märkte weltweit zu versuchen, sich breit zu machen. Wir versuchen einmal die vergangenen, aktuellen und (mutmaßlich) künftigen Entwicklungen einzuordnen und sich der Frage zu nähern, wo die Payment-Reise im Hause Apple hingehen könnte.

Gestartet im November 2018 in Deutschland, hat für viele hiesige Payment-Enthusiasten mit dem Launch von Apple Pay eine neue Zeitrechnung angefangen. Getrieben von viel Hoffnung auf einen Domino-Effekt, der die zu diesem Zeitpunkt ein wenig lahmende Entwicklung elektronischen Zahlens in unserem Bargeld-verliebten Land nun endlich mal in Bewegung setzt, hieß es im Finanz-Szene Newsletter am 6. Nov 2018: „Gottseidank, Apple Pay kommt, jetzt, tatsächlich.“ Nicht nur die Aussicht auf 3 bis 6 Flaschen gewonnenen Schaumweines, auch die Hoffnung auf ein baldiges Ende des deutschen Vakuums im bargeldlosen Zahlen verleitete den Autor vermutlich zu diesen Zeilen. Seitdem hat sich Apple Pay in Deutschland hervorragend entwickelt. Laut einer GfK-Studie aus dem Sommer 2021 nutzen mittlerweile ein Fünftel der Deutschen mobiles Bezahlen, wovon Apple Pay mit 32% Anteil knapp hinter Google Pay (34%) liegt.

 

Insbesondere bei der jungen Generation ist die Beliebtheit von Apple Pay sehr hoch

Gerade bei der jungen Generation liegt der Anteil von Apple Pay aber weitaus höher und spiegelt die Beliebtheit dieser Zahlart bei den jüngeren Leuten wider. Wobei diese Zahlen die nächsten Jahre sicher noch weiter steigen dürften. Das deuten wir als hervorragend für ein bargeld-affines Land wie Deutschland. Aber wird sich Apple hiermit zufriedengeben? Zumal Apple Pay lediglich einen zusätzlichen Layer darstellt und auf der Hinterlegung einer virtuellen (digitalisierten) Debit- oder Kreditkarte im E-Wallet basiert. Im Gegensatz zu Android, was auch von Drittanbietern verwendet werden kann, hat Apple die Schnittstelle nicht geöffnet und daher gibt es für die Fans von iOS nur Apple Pay. Grund hierfür soll laut Apple der Schutz der Kundendaten sein. Wie lang das (zumindest in der EU) noch so weitergeht, ist fraglich. Die Europäische Kommission hat bereits seit Juni 2020 Untersuchungen hierzu laufen. Diese mündeten nun in einer Kartellbeschwerde, zu der sich Apple äußern muss. Das letzte Wort ist hier sicher noch nicht gesprochen und man darf gespannt beobachten, wann zum Beispiel Paypal ihre Tap-to-pay Funktion, die aktuell nur über Android angeboten wird, auch über iOS anbieten kann.

 

Das klassische 4-Parteien Modell von Visa und MasterCard

Auf der Suche nach weiteren Services entlang Apples Wertschöpfungskette dürfte hier allerdings keineswegs Schluss sein. Damit wir keinen Aspekt und keine Partei einer Zahlungstransaktion vergessen, nehmen wir das klassische 4-Parteien Modell von Visa und MasterCard als Grundlage um zu prüfen, wo Apples Payment-Reise noch hingehen kann. Im Modell werden die vier Parteien vorgestellt, die bei einer internationalen Debit- und Kreditkartentransaktion involviert sind und entsprechende Rollen bei der Kartenakzeptanz übernehmen.

Anhand dieser vier Rollen sollen die bestehenden Features aber auch möglichen zukünftigen Weiterentwicklungen im Hinblick auf Apple und Payment ableiten.

 

Der (End-)Kunde…ist König – vor allem bei Apple

Da sprechen wir von uns selbst, beziehungsweise jeder von uns, der z.B. ein Apple Smartphone, aber auch iPad oder die Apple Watch verwendet. In Deutschland sind das im Falle des iPhones knapp 30% (April 2022) der Smartphone-Besitzer. Unter den 18- bis 29-jährigen hat allerdings Apple die Nase vorne. Und was Apple Pay betrifft, kommen zum Beispiel bereits über 2,5 Millionen Sparkassen-Kunden durch fast flächendeckende Akzeptanz am POS (im E-Commerce sind die Zahlen deutlich geringer) fast sorgenfrei ohne Geldbeutel aus (wenn da nicht die Eckkneipe meines Vertrauens wäre). Und da mittlerweile ein Großteil der Privatkundenbanken zumindest Kreditkarten über Apple Pay (die Sparkasse auch die girocard) anbieten, können mittlerweile auch die meisten Kunden bedient werden.

Das Thema Datenschutz hat in Deutschland schon immer eine große Rolle gespielt. Und hier trumpft Apple vermeintlich groß auf. Beim Bezahlvorgang über Apple Pay wird niemals die tatsächliche Kreditkartennummer des Kunden gesendet. Vielmehr wird für jede Kartennummer eine Device Account Number lokal auf dem Chip Secure Element des genutzten Gerätes (iPhone, iPad, Apple Watch) gespeichert. Dieser Chip ist vollständig isoliert und somit auch nicht Teil des Backups. Bei jeder Transaktion wird nur diese Nummer dem Händler übermittelt und lediglich das zugehörige Bankennetzwerk kann die Device Account Number der eigentlichen Kartennummer zuordnen. Hiermit sollen die sensiblen Kreditkartendaten laut Apple bestmöglich geschützt werden. Das schafft Sicherheit und Vertrauen und gerade in Deutschland kann das ein wichtiger Faktor sein, aber ein Erfolgsgarant ist das auch nicht immer. Vielmehr hat Apple mit Apple Pay bei der User Experience, also der sehr einfachen und intuitiven Verwendung am POS und E-/M-Commerce gepunktet. Wie lässt sich der Zahlvorgang aus Kundensicht maximal einfach und intuitiv umsetzen?

2 Klicks. Das war die Anforderung, die Apple den kartenausgebenden Instituten als Bedingung für die Digitalisierung, also die Hinterlegung der Karte in der App stellte. Das zumindest hat Herr Dr. Schmalzl als Vorstandsmitglied des Deutscher Sparkassen- und Giroverband (DSGV) im Rahmen des EHI Payment Kongress im April 2022 in Bezug auf die Implementierung bei der Sparkassen-Finanzgruppe verraten. Jeder kann sich sicherlich vorstellen, dass der Antritt der Sparkassen ein Vielfaches dieser Klicks vorsah. Nach vielfachem hin und her wurden es bei der Sparkasse am Ende genau 2 Klicks. Nur 2 Klicks und Apple Pay ist einsatzbereit – danke Apple an dieser Stelle für Eure Beharrlichkeit! Aber das ist ja nur ein Aspekt der User Experience. Bei einem iPhone mit Gesichtserkennung muss man nur zweimal auf die Seitentaste drücken und nach der sehr schnellen Authentifizierung durch die Face ID kann man sofort zahlen. Es ist also eine sehr schnelle und effiziente sowie kundenfreundliche Zahlung, die immer mehr Anhänger unter den Apple-Jüngern gewinnt. Und Apple versucht diesen UX immer weiter zu verbessern, was natürlich zu begrüßen ist…

 

Der Issuer – Go Where the Money is…

 Apple macht kein Geheimnis aus Ihrer grundsätzlichen Strategie, ihr Business konsequent dort zu erweitern, wo für den Kunden ein deutlicher Mehrwert in Convenience und User Experience geschaffen werden kann. Das gilt sowohl für Hardware wie auch Services, die angeboten werden. Ganz klar, dass seitens Apple kein Interesse an einer Payment-spezifischen Hardwarelösung besteht. Das würde auch nicht zum Credo der Simplifizierung für den Kunden passen. Vielmehr sind es die transaktionsbasierten Zahlungen, also eine Beteiligung an Autorisierungs- oder Serviceentgelten ist hier der wirtschaftlich interessante Aspekt für Apple. Ähnliches ist im App Store und den dort angebotenen Apps und Services zu sehen, wo ebenfalls mit transaktionsbasierten Zahlungen für Apple gutes Geld verdient wird. Der konsequente und sinnvolle Schritt war der Launch von Apple Pay. Mit Apple Pay ist Apple mittlerweile der drittgrößte Mobile Payment Anbieter nach Alipay und WeChat Pay. Genau wie bei den beiden Konkurrenten aus Fernost handelt es sich bei Apple Pay allerdings auch nur um einen zusätzlichen Layer bzw. E-Wallet, in denen Bezahlkarten verschiedenster Issuer und Schemes integriert werden können.

Selbstverständlich, dass Apple diesen Service nicht kostenlos anbietet. Interessant war hier der Ansatz, diese Gebühren (angeblich entspricht es einem bedeutenden Anteil an den Interchange-Gebühren) von den Issuern zu kassieren, die für die Digitalisierung und Provisionierung der ausgegebenen Debit- und Kreditkarten verantwortlich sind und sich damit den Layer und das Branding Apple Pay entsprechend leisten müssen. Gut für diejenigen, die die gestiegene Convenience durch Apple Pay genießen, also Händler und Kunden. Apropos Convenience. Für diese ist Apple leider immer noch von den Issuern und deren Kartenhinterlegung in Apple Pay abhängig. Hier sind allerdings der User Experience und den zusätzlich angebotenen Funktionalitäten und Services Grenzen gesetzt. Daher ging Apple den nächsten konsequenten Schritt.

 

Wann kommt die Apple Kreditkarte nach Deutschland?

So geschehen in den USA im August 2019 (nein, das ist keine Neuauflage von „X-Factor, das Unfassbare“) mit dem Launch der Apple Card. Wohl um die Eintrittsbarriere zu verringern, kooperiert Apple hier mit Goldman Sachs als Issuer. Auch für Goldman Sachs, die bisher nicht im Privatkundengeschäft unterwegs waren, ein Novum. Nun sind über zweieinhalb Jahre vergangen und außerhalb der USA muss man sich immer noch gedulden. Nimmt man den Rollout von Apple Pay, welcher 4 Jahre nach Launch in den USA auch in Deutschland verfügbar war, müsste man von einem Launch nicht vor Sommer 2023 rechnen. Vermutlich wird Apple hier auch wie bei Apple Pay von der europäischen Regulierungsfreudigkeit ausgebremst. Um diese möglicherweise in den Griff zu bekommen, machte im März dieses Jahres Gerüchte einer $150 Mio-Akquisition der aufstrebenden Open-Banking Schmiede Credit Kudos aus dem Vereinigten Königreich durch Apple die Runde.

Sehen wir hier den nächsten strategischen Schritt Richtung Launch der Apple Card in Europa? Oder will Apple sogar noch einen Schritt weiter gehen und selbst als Issuer oder Acquirer aktiv werden? Bevor wir hierzu kommen, erst noch einen Blick auf einen weiteren Stakeholder einer jeden Kartentransaktion.

 

Der Händler – Multiplikator für Apple…

Im Februar dieses Jahres wurde in Cupertino eine Lösung vorgestellt, die den bisherigen Lösungen den Rang ablaufen soll. Durch „Tap to pay“ sollen Händler bald Kartenzahlungen abwickeln können, ohne zusätzliche Hardware benutzen zu müssen. Lediglich ein iPhone XS oder neuer ist hierfür notwendig. Geschehen soll dies mithilfe der NFC-Technologie, die bei POS-Zahlungen mittels Apple Pay bereits zum Einsatz kommt. Interessant ist hier noch zu erwähnen, dass Käufer nicht zwangsläufig mittels Apple Pay bezahlen müssen. Neben Apple Pay werden auch Kredit- und Debitkarten sowie mobile Wallets für die kontaktlose Zahlung akzeptiert. Was genau „mobile Wallets“ inkludiert, ist noch nicht weiter spezifiziert und wird somit erst die Zeit zeigen.

Um die Abwicklung will sich Apple allerdings zurzeit (noch) nicht selbst kümmern. Hier kommt man nicht um einen Vertrag mit einem unterstützenden Payment Service Provider (PSP) herum. Zur Wahl stehen anfangs zum einen Stripe über die Shopify Point-of-Sale App oder alternativ der Paymentliebling aus Amsterdam Adyen. Vermutlich werden aber noch weitere Anbieter im Laufe des Jahres erwartet.

Wem gräbt Apple damit das Geschäft ab? Allen voran dürften Anbieter ganzheitlicher POS-Lösungen für kleine und Kleinsthändler wie etwa Square und SumUp genannt werden, die hier mit ihren Hardware-Lösungen zu kämpfen haben werden. Womit wir auch schon bei der vermeintlichen Zielgruppe der neuen SoftPOS-Lösung wären. Für kleine Unternehmungen mit einer geringen Anzahl an Terminals sowie überschaubaren Transaktions- und Umsatzzahlen, sowie saisonale und somit stark schwankende Nutzungszahlen von kartenzahlungsverarbeitender Hardware dürfte es sehr interessant sein, das iPhone, dass man (im Idealfall) eh schon besitzt, auch für diesen Einsatzzweck zu verwenden. Eine zu erwartende und vergleichsweise hohe Transaktionsgebühr dürfte hier in vielen Fällen in Kauf genommen werden. Die hohe Fluktuation in den entsprechenden Branchen (allen voran die Gastronomie) dürfte Apple bei der anfänglichen Limitierung auf ausgewählte Payment Service Provider und die typische Wechselunwilligkeit der Nutzer in die Karten spielen.

 

Nun fehlt noch der Acquirer – so schließt sich der Kreis…

Nun, es gibt verschiedene Gerüchte und Gründe, warum Apple es mit Apple Pay, Apple Cash (Apples P2P Payment Service in den USA), der Apple Card und „Tap to pay“ noch nicht gut sein lassen will. Wenn wir uns noch einmal das 4-Parteien Modell ansehen, sehen wir, dass 3 von 4 Teilnehmern (zumindest aktuell in den USA) bereits durch Apple Lösungen bedient werden. Der Kunde durch Apple Pay, sein Issuer bzw. Scheme durch die Apple Card, der Händler und sein Frontend durch Tap to Pay. Fehlt bekanntermaßen nur noch der Acquirer, also die Händlerbank, wo Apple aktuell (noch) keinen Fuß in der Tür hat. Oder vielleicht doch?

Bloomberg berichtet Apple arbeitet gemeinsam mit dem Partner Goldman Sachs an einem hauseigenen „Buy Now Pay Later“ Feature mit dem Arbeitstitel „Apple Pay Later“ und fordert hiermit direkt Wettbewerber wie Paypal, Klarna oder Affirm zum Duell. Das würde auch zu weiteren Berichten passen, nach denen Apple ebenfalls ein Subscription-Modell für die hauseigene Hardware-Palette anbieten will. In den USA erfreuen sich Cashback-Modelle großer Beliebtheit. Naheliegend daher, dass dies als eines der Kernfeatures der Apple Card beworben wird.

 

Apple Pay vs. VISA & Co?

Man hört über viele Services, die Apple rund um den Kauf von Soft- und Hardware anbietet und hier neue Kaufanreize für die Kunden schaffen will, aber ist es denn nun realistisch, dass Apple die Payment-Branche dermaßen aufrüttelt und sich auf Augenhöhe mit Größen der Branche á la Visa, Mastercard, Stripe, Square, etc. begibt? Dass Apple hierfür langfristig auf Partner wie Goldman Sachs setzt und sich somit abhängig und angreifbar macht ist zumindest eher unwahrscheinlich. Es wäre nur konsequent, wenn Apple sich früher oder (Berichten zufolge haben sie wohl Mühe, sich durch den regulatorischen Dschungel zu kämpfen daher eher) später selbst darum kümmert und somit weiter vertikal die Wertschöpfungskette entlang expandiert und akquiriert.

Für Apple geht es immer darum, ihre Hard- und Software Hand in Hand arbeiten zu lassen. So kann der komplette Check Out am Point-of-Sale abgedeckt werden. Warum nicht ein eigenes ganzheitliches Kassensystem im Stile von Orderbird oder Lightspeed anbieten? Wenn nun auch noch eine eigene Apple Bank für Privat- wie Geschäftskunden gegründet wird, kann der Kreis geschlossen werden und eine ganzheitliche Zahlungsabwicklung angeboten werden.

Ein Riesenproblem, dessen Apple sich hier sicher auch bereits bewusst ist, ist allerdings die Akzeptanz bei den Händlern. Und die Komplexität, eine kritische Masse an Händlern von der Nutzung zu überzeugen, dürfte der Hauptgrund für die Marktmacht von Visa und MasterCard und die fabelhaften Margen sein, die die Duopolisten für ihre Services verlangen können. Hier könnte sich Apple die Mühe machen und Händler direkt ansprechen. Wahrscheinlicher ist aber der Apple-typische Ansatz, zumindest anfänglich auf starke regionale und internationale Partner zu setzen.

 

Mehr Theorie als Realität?

Ein großer Vorteil den Apple besitzt, ist die treue Gefolgschaft. Wer einmal das Apple-Universum betreten hat, verlässt es nur selten wieder. Und genau wegen dieser Loyalität der Apple-Kunden lässt sich mit Sicherheit durch gutes Marketing wie Bundles oder auch einfach einer schick aussehenden Karte (sei es virtuell oder physisch) diese auch gut unters Volk bringen lassen.

Ein weiterer Vorteil ist die Doppelnutzung des iPhones oder iPads auf Seite des Kunden sowie des Händlers. Das heißt konkret für den Händler, dass er sich ein weiteres Device mit monatlichen Gebühren und zusätzlichen Verträgen sparen kann. Das ist allerdings auch nur so lange interessant, bis Apple eine dermaßen marktbeherrschende Position einnimmt und die Preisschraube auch auf Händlerseite anzieht.

Den vermutlich größten Vorteil sehen wir allerdings in der Convenience, der kompromisslosen User Experience, dem allumfassenden Ökosystem für beide Seiten eines Transaktionsgeschäftes und dem enormen Netzwerkeffekt im Markt. Es ist einfach bequem, sowohl als Händler wie auch Kunde ein Gerät für alles zu nutzen. Und das Smartphone ist nun immer dabei.

 

Wo geht Apples Reise am Ende hin?

Bei allen Vorteilen darf man eines nicht vergessen. Die Payment-Industrie ist ein sehr regionales Business. Es muss ein enormer Aufwand pro Markt oder Region betrieben werden, sei es für den eigenen Aufbau oder durch Akquisitionen, um den regulatorischen und lizenzrechtlichen Anforderungen gerecht zu werden. Im Vergleich zu Apple Pay fällt dieser für einen vollumfänglichen Bankenbetrieb noch um ein Vielfaches größer aus. Es stellt sich die berechtigte Frage, wieviel Durchhaltevermögen Apple hier die nächsten Jahre beweist und wie weit sie sich vom eigentlichen Kerngeschäft entfernen wollen.

Apple macht es uns schwer, herauszufinden, wo die Reise im Payment hingehen wird. Wir wagen es, Apple zu unterstellen, dass sie hier und da vielleicht selbst noch nicht zu 100% abschätzen können, wo am Ende die für den Kunden attraktivsten Produkterweiterungen liegen. Was Gewiss ist, dass Payment noch nie so einen hohen Stellenwert bei Apple eingenommen hat und Apple auf jeden Fall in der Lage ist, die Payment-Landschaft maßgeblich zu verändern. Was das für die Branche und uns als Kunden bedeutet, werden wir sehen. Wir bleiben dran!

 

 

Zwischen Krypto-Winter und NFT-Frühling

Kryptowährungen und der damit zusammenhängende Kauf, die Verwahrung oder gar die Anlage dieser Vermögenswerte ist bereits seit mehreren Jahren in der Mitte der finanz- und technologieinteressierten Gesellschaft angekommen. Die zunächst als vollständig unregulierte zu beschreibenden Vermögenswerte, welche bis heute nicht der offiziellen Definition des Begriffs Währung genügen, durchliefen diverse Hoch- und Tiefphasen. Doch Deutschland als Mitglied der europäischen Währungsunion würde dem eigenen Stereotyp nicht gerecht werden, hätte es nicht bereits vor der offiziellen Veröffentlichung der MiCa-Regulierung (Markets in Crypto-Assets) auf europäischer Ebene einen eigenen Versuch zur Regulierung dieser Währungen gewagt. So wurde bereits mit der fünften Geldwäscherichtlinie eine neue Klasse für das Kryptowertgeschäft definiert, welches sich auch im Gesetz für elektronische Wertpapiere (eWpG) niederschlägt. Anhand dieser Entwicklung wird deutlich, dass Kryptoanlagewerte unterschiedlichster Coleur ihren Weg in den „Mainstream“ gefunden haben. Die Reproduktion bereits etablierter Finanzprodukte, wie das klassische Kreditgeschäft oder unterschiedliche (Exchange Traded) Funds, stehen sinnbildlich für diese Entwicklung sowie den Einfallsreichtum der institutionellen Anbieter vorstehend bezeichneter Produkte. Die Konsequenz dieses Eintritts in den Mainstream und dem damit einhergehendem „Dumb Money“ kann als eine mögliche Begründung für die starken Kursschwankungen identifiziert werden. Auch können steigende Zinsen auf Anleihen, staatliche Restriktionen, pandemische und aktuell besonders geopolitische Impulse Investoren zu klassischen Investmentoptionen bewegen und die dezentralen Assets in einen „Krypto-Winter“ treiben.

Trotz der sinkenden Kurse diverser Kryptowährungen kann das angestiegene Interesse an einer anderen Initiative aus dem Bereich Blockchain beobachtet werden. Diese Beobachtung trägt den Namen Non-Fungible Token (NFT) und verspricht nicht weniger als die Digitalisierung von Wertgegenständen sowie deren Demokratisierung auf der Blockchain. Im Gegensatz zu dieser Mission erfährt die breite Öffentlichkeit häufig von Betrugsvorfällen (sog. Scams) oder abstrusen Preisen für das Echtheitszertifikat eines Affen-Motivs. In diesem Blogartikel wollen wir aus diesem Grund über die vermeindlichen Primärfunktionen einer Kryptowährung, der Wertanlage oder dem Payment, hinwegsehen, um einen Blick auf den Trend des NFT zu werfen.

 

Bevor wir uns jedoch mit dem „Lazy Ape-Club“ oder dem „Minting“ eines sogenannten Non-Fungible Token (NFT) beschäftigen, möchten wir Aufklärung darüber geben, was man unter einem NFT überhaupt versteht.

 

Was ist ein NFT?

Non-Fungible Token oder auch NFT abgekürzt beschreibt einen digitalen Echtheits- und Eigentumsnachweis. Hinter jedem der auf den ersten Blick abstrus aussehenden Kunstwerke verbirgt sich eine einzigartige und nicht austauschbare Dateneinheit, welche auf einem digitalen (dezentralen) Hauptbuch gespeichert ist. Der Eigentumsnachweis wird durch die Speicherung der Dateneinheit auf der Blockchain ermöglicht. Konkret wird der Echtheitsnachweis auf der Blockchain (meist auf Ethereum) an den digitalisierten Wert angehängt. Auf diesem Weg erhalten Objekte unverwechselbare Signaturen, welche aus ihnen Unikate werden lassen. Im Wesentlichen wird eine vergleichbare Technologie wie bei Kryptowährungen genutzt. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass Kryptowährungen „Like-for-like“ austauschbar sind, was wiederum auf NFT nicht zutrifft. Auch wenn ein NFT kopiert wird, ist die Echtheit des Originals immer nachweisbar. Im Gegensatz zu einer Bitcoin-Einheit ist jeder NFT einzigartig, sodass dieser nicht gegeneinander ausgetauscht werden kann. In der Datei sind zusätzliche Informationen gespeichert, die über eine reine Währung hinausgehen und sie in den Bereich von, nun ja, eigentlich allem bringen. Infolgedessen sind NFTs zu sammelbaren digitalen Vermögenswerten geworden, die einen Wert innehaben – so wie physische Kunst einen Wert hat.

 

Eine Besonderheit in diesem Kontext ist, dass ein Issuer des NFT mehrere NFT selbigen Inhalts (eine Auflage wie bei einem Comic-Buch) erstellen oder aber einen Wert in unzählige Teile aufbrechen und veräußern kann. Ersteres wurde zuletzt vom „Bored Ape Yacht Club“ umgesetzt, welcher 10.000 NFT mit unterschiedlichen „Bored Ape„-Motiven erstellte und veräußerte. Letzteres wurde bei dem Verkauf von “The Merge” demonstriert. Bei diesem NFT-Projekt haben 29.983 Sammler in Summe 312.686 Teile eines Kunstwerks erstanden, welches zu einem Gesamterlös von 91,8 Millionen US-Dollar verkauft wurde und somit Jeff Koons „Rabbit“ aus dem Jahr 2019 (91,1 Millionen US-Dollar) vom ersten Platz bzgl. des höchsten Erlöses verdrängt hat.

 

Was bedeutet Minting ?

Unter diesem Begriff wird verstanden, dass eine digitale Ausgangsdatei in einen Blockchain-basierten Token umgewandelt wird, welcher das Eigentum an einem Objekt, wie einem Bild, Video oder einem physischen Gegenstand, nachweist.

In diesem Prozess werden digitale Objekte in einer dezentralen Datenbank gespeichert. Sobald Sie auf der vorstehenden Datenbank sind, können sie weder bearbeitet noch geändert oder gelöscht werden. Der Begriff Minting leitet sich von der Prägung einer Münze ab, da auch die digitale Datei eine individuelle und unveränderbare Prägung erhält. Dieser Vorgang ähnelt der Schaffung von Fiat-Währungen, wenn ein Hersteller eine physische Münze prägt.

 

Ein Beispiel aus der Praxis

Da das Konzept des NFT beziehungsweise der Erstellung eines solchen Vermögenswertes auf den ersten Blick sehr theoretisch klingen mag, möchten wir ein Beispiel aus der Praxis nutzen, um das dahinterstehende Konzept näher zu erläutern. „Online:Digital X GmbH & Co. KG“ ist als Frankfurter Digitalagentur mit unterschiedlichsten Kunden im Kontakt, um die digitale Sichtbarkeit und das Online-Marketing des Kunden zu verbessern. Ähnlich erging es dem Eishockey-Team der „Löwen Frankfurt“. Diese versuchten ihr digitales Profil zu stärken und eine Marketing-Kampagne für den Verein und dessen Spieler aufzusetzen. Um dies zu ermöglichen, wollten sie Spieler sowie besondere Bilder und Momentaufnahmen auf die Blockchain bringen. Das Material hierfür wurde aus den Archiven des Vereins gesucht und zeigt 30 Jahre Geschichte über den Verein. Nachdem eine ausreichende Menge an Informationen generiert werden konnte, wurden diese Inhalte digitalisiert und auf der Blockchain gespeichert. Nach Erstellung der digitalen Spielerkarten wurden diese an Fans verschenkt, welche einen entsprechenden Kommentar auf den sozialen Netzwerken hinterließen. Auch wenn diese Form des Marketings vorerst Neuland war (die „Löwen Frankfurt“ waren der erste Eishockeyverein Deutschlands mit einer solchen Kampagne) und die Fans zunächst abgeholt werden mussten, war die Aktion schlussendlich ein voller Erfolg, da es neben der Stärkung des digitalen Marketingprofils des Eishockeyvereins auch echten Wert in Form eines NFT schuf. Derzeit belaufen sich die ersten NFT dieses Projektes auf ca. einen Coin der Währung Ethereum. Besonders durch den Aufstieg der „Löwen Frankfurt“ von der zweiten in die erste deutsche Eishockey Bundesliga versprechen sich sowohl der Verein als auch dessen Spieler die Möglichkeit weitere Marketingaktionen zu schalten, und mit dem „Löwen-NFT“ Fans des Vereins möglichst langfristig an sich zu binden.

 

Woher kommt die Begeisterung für NFT?

Trotz der Tatsache, dass die digitalen Werte wie Kryptowährungen oder NFT einen enormen Erfolgskurs aufweisen, ist auf den ersten Blick kein fundamentalanalytischer Wert, abgesehen des Echtheitsnachweises eines jeden NFT, erkennbar. Es stellt sich automatisch die Frage, welche Kriterien den Trend befeuern. Zum einen kann es sich hierbei um die Hoffnung auf einen Vermögenswert handeln, welcher erst nach flächendeckender Nutzung des „Web 3.0“ sowie der damit zusammenhängenden, durch Nutzerentscheidungen kontrollierte Umgebung materialisiert. Ambitionen wie die durch „META“ geschaffenen virtuellen Welten, können einer solchen Bewegung weitere Schubkraft verleihen. Sicherlich kann auch der unregulierte Charakter der NFT-Industrie Frühphasen-Investoren und eben jene mit der „Fear of missing out(FoMo) an den Start bringen, bevor das „Dumb Money“ in den Markt kommt, um zum schlussendlichen Abnehmer dieser Trendwahrnehmer zu werden.

Sicherlich ist eine Erklärung, wenn auch eine romantisierte, dass Künstler den Intermediär, wie es bereits bei Kryptowährungen der Fall ist, herausnehmen wollen, um eine faire Entlohnung zu erhalten. Zum anderen besteht die Möglichkeit, dass analog dem Exchange Traded Funds eine Möglichkeit geschaffen werden soll, weniger finanzstarken (Privat-) Investoren den Zugang zu einem aufkommenden Trend zu ermöglichen, welcher ihnen sonst verschlossenen bleiben würde. Dies würde in hohem Maße das Konzept von Demokratisierung von „dezentralised finance“ beinhalten. Trotz der Tatsache, dass diverse positive Strömungen aus NFT hervorzugehen scheint, müssen diese stets auch kritisch betrachtet werden.

 

Es ist nicht alles Gold was glänzt

Neben den zweifelsohne positiv einzuordnenden Effekten einer solchen Innovation, dürfen negative Aspekte nicht unbeachtet bleiben. Sowohl die Technologie, als auch die dahinterstehenden Finanzprodukte in einem nicht vollends regulierten Markt, stellen dabei die Kehrseite dar. Dies kann unterschiedliche Gefahren und Risiken bergen. Auf der einen Seite besteht die Möglichkeit, dass Nutzer mit wenig Erfahrung im Kryptowährungsbereich Opfer eines „Scams“ werden. Insbesondere diese noch sehr junge Thematik und die damit einhergehende fehlende Erfahrung erhöht das damit verbundene Risiko. Durch das Versprechen auf hohe Renditen mit niedrigem Einsatz können insbesondere unerfahrene Privat-Anleger einem Betrug leicht auf den Leim gehen. Ergänzend hierzu besteht das Problem des Verfalls: Auch wenn ein NFT im Vergleich zu einem klassischen Kunstwerk im Museum nicht mit selbiger Halbwertszeit zu verfallen droht, besteht auch hier immer die Möglichkeit, dass das Hauptbuch beziehungsweise der entsprechende Speicherort (Server) offline genommen wird oder das Passwort für ein “Wallet“ verloren geht. Prozesse zur Rückgewinnung des Wertgegenstandes sind hier nur spärlich etabliert.  Abschließend besteht auch hier die Möglichkeit, dass sich die durch Goldgräbersstimmung verbreitete Hoffnung in den zukünftigen Wert eines heute erstandenen NFT nicht materialisiert.

 

Wie ist die Bewegung abschließend zu bewerten?

Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass die NFT-Technolgie sowohl Chancen als auch Risiken birgt. Sieht man die Anwendung darin, Künstler für deren Arbeit angemessen zu entlohnen oder die Echtheit eines Kunstwerkes sicherzustellen, können NFT als positiver Trend angesehen werden. Hierdurch würden Fälschungsskandale, wie der des Wolfgang Beltracchi sowie der damit verbundene, immaterielle Schaden unterschiedlicher Auktionshäuser der Vergangenheit angehören. Schlüssig erscheint auch, dass die heute erstandenen Kunstwerke, den State of the Art der nächsten Generation, ungeachtet ob diese „Metaverse“ heißt oder nicht, darstellen. Doch muss im selbigen Moment auch kritisch bewertet werden, dass neben den großartigen Anwendungsgebieten auch negative Ausprägungen sichtbar werden. Beispielsweise können die Erschaffung und der Vertrieb von NFT-Projekten mit fragwürdigem Wert und Sinnhaftigkeit genannt werden. Diese werden von mehr oder weniger seriösen Anbietern einem wenig erfahrenen Publikum angepriesen, mit der Hoffnung auf deren „Fear of missing out“ zu kapitalisieren. Besonders die mit dem Phänomen der künstlichen Verknappung zu erklärenden Kurssteigerungen oder auch „bull runs“, erinnern an die Dynamiken des Bitcoins nach einem Halving des Proof of Work-Ertrages. Alle interessierten Leser dürfen sich entsprechend auf dieses Phänomen im Jahr 2024 freuen (Halving von 6,25 BTC auf 3,125 BTC). Wenngleich eine andere Begründung hinter dem Fall der Wirecard steht, besteht zumindest die Gefahr, dass auch bei diesem Trend Kleinanleger auf „rot setzen“ und ohne Rückversicherung alles verlieren. Abschließend ist meiner Meinung nach zu bewerten, ob der von Vitalik Buterin (Mitgründer Ethereum) herbeigesehnte Krypto-Winter sowie die damit einhergehende Aussiebung der betrügerisch motivierten Krypto-Enthusiasten auch im NFT-Space ankommt. Sollten risikosuchende Investoren und den Trend nutzende Anbieter verschwinden, kann die anfangs erwähnte Zielsetzung des NFT, die Digitalisierung und Demokratisierung von Werten auf der Blockchain, inkl. dessen Echtheitsgarantie, eine langfristig sinnvolle Anwendung finden. Historisch beobachtet benötigen Kryptowährungen ca. 5 Jahre im Mainstream bevor diese an Seriosität gewannen und im Ergebnis sowohl institutionelle als auch nicht-institutionelle Anleger angesprochen haben.

 

Mit Spannung abzuwarten bleibt daher, ob die bislang gewonnene Seriosität bzgl. Blockchaintechnologie auch den NFT-Markt erreicht oder lediglich einen kurzlebigen Trend darstellt.

Ist Bitcoin im Payment Mainstream angekommen?

Alle reden über Bitcoin. Hat und nutzt ihn auch jemand?

Seit einiger Zeit kann man dem Thema Bitcoin im Speziellen und Kryptowährungen im Allgemeinen kaum noch ausweichen. Alle reden darüber. Die Presse meldet regelmäßig die neuesten Höchststände oder Kursstürze. Vor einigen Tagen habe ich einen Artikel gelesen, der sich mit Anlageberatung für Krypto-Millionäre befasste als sei dies eben das wofür sich der durchschnittliche Zeitungs-Leser so interessiert. Was mache ich denn nun mit meinem Geld, wenn ich plötzlich Krypto-Millionär bin?

Krypto-Millionär bin ich leider (noch) nicht. Bislang bin ich vor allem durch meinen beruflichen Hintergrund und meinen Hintergrund als studierter Wirtschaftsinformatiker mit dem Thema Krypto-Währungen und dem mathematischen und technischen Hintergrund in Kontakt gekommen. Ich wollte es mal etwas genauer wissen und habe mich auf meine persönliche Entdeckungsreise gemacht und den Selbsttest à la Jenke von Wilmsdorff gewagt. Darüber hinaus wollte ich in dieser Thematik noch etwas tiefer Graben. Alle reden zwar drüber, aber ist es wirklich relevant in unserem täglichen Leben und im Alltag von Payment-Dienstleistern?

 

Wie Mainstream ist Krypto inzwischen? Mein persönlicher Erfahrungsbericht zum Einstieg.

Im Jahr 2017 war ich auf der ersten Blockchain-Konferenz in Hamburg. Zu dieser Zeit war das Thema Bitcoin und Blockchain noch ein echtes Nerd-Thema. Durch mein Informatikstudium fiel es mir sehr leicht die kryptografischen Hintergründe zu verstehen. Zu dieser Zeit benötigte man aber doch einiges an Expertenwissen, um an diesem System tatsächlich überhaupt teilzuhaben oder sich gar selber einmal Coins wie den Bitcoin zuzulegen. Trotz meines tiefen Verständnisses der Materie und meines Hintergrundes als Payment Berater sollte es bis Anfang 2021 dauern, dass ich tatsächlich mal den Selbstversuch wagte. Ich wollte es genau wissen. Für meinen Selbstversuch wählte ich zunächst die bekannteste unter den Krypto-Währungen – Bitcoin. Wie einfach ist es Bitcoins zu erwerben und wie ist die Erfahrung Bitcoin zu halten? Um es kurz zu machen – es ist extrem einfach Bitcoin zu erwerben.

 

Bitcoin kaufen über eine Bank

Für mein Experiment nutze ich Bitwala. Von Bitwala hörte ich das erste Mal auf der eben genannten Blockchain-Konferenz in Hamburg. Wenn ich mich richtig erinnere wollte das damalige Bitwala eine Art Transferwise oder WesternUnion auf Blockchain Basis bauen, d.h. Auslandsüberweisungen einfach machen, in dem die Beträge für den Transfer von verschiedenen Fiat-Währungen auf Bitcoin gewandelt werden und von dort jeweils zurück. Ein interessanter Ansatz, der heute auch von anderen Playern angestrebt wird. Bitwala war zu der Zeit ein noch sehr junges kleines Startup und hat sich inzwischen deutlich gewandelt. Heute ist Bitwala eher mit einem N26 mit angehängtem Bitcoin- & Ethereum-Wallet vergleichbar, eine echte Neo-Bank mit Alleinstellungsmerkmal.

Bitwala arbeitet hierfür mit der Solarisbank als BaaS-Anbieter zusammen und bietet hierüber ein echtes deutsches Girokonto, geschützt mit Einlagensicherung, Bafin-überwacht und mit eigener IBAN und Visa Debitkarte, also wirklich seriös. Für mich bedeutet dies, dass ich mich nicht irgendwo im Darknet oder auf irgendwelchen dubiosen Coin-Wallets mit sehr unklarem Sicherheitsgefühl bewegen muss. Ich lud mir also die App herunter, durchlief den vollständig digitalen Onboarding-Prozess inkl. Video-Ident. In deutlich unter 30 Minuten hatte ich ein Konto bei Bitwala eröffnet. Im nächsten Schritt musste ich die Wallet sowohl für Bitcoin als auch Ethereum aktivieren, um sie tatsächlich nutzen zu können. Auch dieser Prozess war denkbar einfach, ich musste lediglich eine längere Liste an Wörtern mit Stift und Papier notieren, die mir im Fall des Falles ein Recovery meines Wallets ermöglicht. Ich lud das Konto mit einer Standard SEPA-Überweisung von meiner Hausbank mit einem überschaubaren 3-stelligen Eurobetrag auf, um das Ganze mal auszuprobieren. Dieser Prozess dauerte tatsächlich am längsten, nämlich über einen Tag. Meine Hausbank scheint noch kein Instant Payment zu unterstützen. Anfang Januar 2021 war es dann endlich soweit: als das Geld auf dem Konto eintraf wurde ich per Push-Nachricht alarmiert und habe mich sofort dran gemacht – innerhalb weniger Sekunden hatte ich das Geld je zur Hälfte in Bitcoin und Etherum investiert. Aus Neugier schaue ich seitdem sehr regelmäßig in die App und beobachte die Entwicklung meines Experiments. Der Wert meiner Coins schwankt jeden Tag extrem und beträgt nicht selten +/- um die 10 %. Als normalerweise sehr passiver und langfristig orientierter Investor ist dies eine sehr ungewöhnliche Erfahrung. Man sollte also doch recht starke Nerven mitbringen oder besser noch das Geld im Kopf direkt abgeschrieben haben. Die etwas über vier Monate seit Anfang 2021 waren aber bekanntermaßen ein sehr starker Zeitraum für Krypto-Investments und so darf ich mich derzeit über rund 100 % Plus freuen. Ich wäre aber nicht verwundert, wenn sich dies jederzeit dramatisch ändern würde.

 

Mein Fazit also zu diesem kleinen Krypto-Selbstexperiment?

Es ist extrem einfach in Krypto-Coins, insbesondere die sehr bekannten Bitcoin und Ethereum zu investieren und es gibt inzwischen Wege dies über sehr seriöse, überwachte Anbieter zu tun. Ein entsprechendes Investment, wenn man es denn so nennen möchte, bleibt aber abenteuerlich, sehr spekulativ und risikoreich. Gewinnchancen scheinen erheblich zu sein, aber ebenso sind es die Verlustrisiken. Für mein kleines Experiment habe ich mir vorgenommen mindestens das erste Jahr Haltefrist abzuwarten, um etwaige Gewinne zumindest nicht versteuern zu müssen. Außerdem ärgere ich mich natürlich dieses Experiment, wenn auch mit einem kleinen Betrag, nicht schon in 2017 oder schon eher eingegangen zu sein. Die letzten Jahre haben ja bekanntermaßen extreme Wertsteigerungen mit sich gebracht und meine kleine Hoffnung ist es vielleicht noch nicht vollkommen zu spät auf diesen Zug aufgesprungen zu sein. Wir werden sehen was diese Spielerei für einen Erfolg mit sich bringen wird. Es fühlt sich auf jeden Fall deutlich mehr nach Lotto, als nach Investment an.

 

2021 mit Bitcoin bezahlen?

Als „Bargeld-Ersatz“ nehme ich Bitcoin in diesem Selbsttest überhaupt nicht wahr, denn ich habe zwar eine Wallet-Adresse, an die ich mir Bitcoin oder Etherum senden lassen kann und in der Theorie auch meinen Bitcoin und Ehtereum für Zahlungsvorgänge nutzen könnte. In der Praxis bin ich in der realen Welt aber noch in keinem Checkout auf die Möglichkeit gestoßen dort Bitcoin einzusetzen, z.B. bei amazon, PayPal (deutsche Version), Apple Pay und anderen. Die einzige Option, von der ich zufällig aus einem Vortrag weiß, ist Lieferando. Da ich hier jedoch Apple Pay als Zahlart voreingestellt habe, komme ich hier gar nicht in Versuchung dies zu ändern. Es erscheint mir im Gedankenexperiment dann außerdem sehr unnatürlich und unpraktisch BTC 0.0003089010442636215 für die nächste Pizza zu bezahlen.

Nach meinen persönlichen Erfahrungen möchte ich nun einen etwas weiteren Blick auf die relevanten großen Player werfen, die sich in stetig zunehmender Zahl auch dieser komplexen Materie nähern und Neues ausprobieren sowie einmal hinterfragen was es damit genau auf sich hat.

 

Die großen Fische mischen mit – ein Überblick über Ansätze und Hintergründe

 Tesla

Tesla mit Elon Musk aus der sogenannten „PayPal-Mafia“ an der Spitze hat kürzlich sehr öffentlichkeitswirksam verkündet, die beträchtliche Summe von bis zu 1,5 Mrd. $ in Bitcoin zu investieren und entsprechend Cash-Reserven in Bitcoin zu halten. Darüber hinaus hat Tesla angekündigt, dass Kunden in der näheren Zukunft ihre neuen Tesla auch mit Bitcoins bezahlen können sollen. Kürzlich wurde bekannt, dass Tesla mit seinen Krypto-Investments allein im ersten Quartal 2021 rund 100 Millionen Dollar Gewinn erzielt hat (rund ¼ des Gesamtgewinns). Dies lässt diese Maßnahme zunächst mal als recht erfolgreich dastehen, gleichzeitig muss man sich jedoch fragen, ob Tesla nicht unnötig große Risiken in die Bilanz bringt durch die extreme Volatilität von Bitcoin. Musk ist bekennender Krypto-Fan und Kenner der Materie und fällt zuletzt immer wieder mit begeisterten Tweets zur als Spaß-Währung gedachten „Doge-Coin“ auf, die eine noch rasantere Entwicklung in den letzten Monaten als Bitcoin hingelegt hat. Allein Elon Musk scheint bereits eine enorme Marktmacht durch Tweets zu besitzen. Seine Tweets befeuern regelmäßig die Kurse oder lassen sie zeitweise auch drastisch einbrechen. Man darf sich schon die Frage stellen, ob ein Investment eines Konzerns wie Tesla in ein derart volatiles Finanzmittel bei der gleichzeitig sehr hohen Verantwortung für den inzwischen riesigen Autokonzern und seine tausenden Mitarbeiter nicht als grob fahrlässig zu klassifizieren ist oder doch als genialer Schachzug. Es ist mindestens extrem riskant. Etwas sachlicher betrachtet ergeben sich aber durchaus logische Gründe, z.B. für das Cash Management im Auslandszahlungsverkehr, das ein jedes weltumspannendes Unternehmen, wie es auch Tesla ist, als Herausforderung hat. Überweisungen und Umrechnungen in andere Währungen, Lieferantenbezahlungen über den Globus und das Erfordernis für ein weltumspannendes Netzwerk an Konten und Banken – all das braucht Bitcoin nicht. Mit Bitcoin sind länderübergreifend kostengünstig und direkte Zahlungen in beliebiger Höhe möglich, ohne die Notwendigkeit für Korrespondenzbanken und Clearingzyklen. Dies kann zu deutlichen Geschwindigkeitsvorteilen und Kosteneinsparungen führen. Die Frage ist nur, ob diese Einsparungen die extremen Risiken für die Bilanz wirklich aufwiegen können? Vor allem für einen Konzern wie Tesla, der sich Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben hat, ist Bitcoin eine heikle Wahl, da das Netzwerk bekanntermaßen in der Kritik steht extrem energiehungrig zu sein. Dies scheint nun auch Elon Musk bewusst geworden zu sein und sah er sich gezwungen vor wenigen Tagen die Reißleine zu ziehen und die Akzeptanz von Bitcoins als Zahlungsmittel auszusetzen, bis das Schürfen von Bitcoins großflächig auf nachhaltige Energiequellen umgestellt ist. Dies geschieht dieser Tage vor allem in Staaten mit geringen Energiekosten, wie beispielweise China oder Kasachstan und dort typischerweise mit Energie aus nicht-regenerativen Quellen. Die von Tesla erworbenen Bitcoins sollen jedoch nicht veräußert werden. Auf diese Nachricht folgte ein genereller Kurssturz für Bitcoin und viele weitere Krypto-Währungen.

 Visa

Als erste der großen Kartenorganisationen hat Visa im Februar 2021 angekündigt in Zukunft Kryptowährungen direkt zu unterstützen. Man will Banken eine Softwareschnittstelle bereitstellen, über die Zahlungen mit Kryptowährungen in das eigene Angebot integriert werden können. Das Angebot soll innerhalb dieses Jahres gestartet werden. Visa tastet sich verhältnismäßig langsam an das Thema heran. Ganz grundsätzlich könnte Bitcoin oder Kryptowährungen im Allgemeinen aber auch für Visa, insbesondere im Auslandszahlungsverkehr bedeuten, deutliche Kosteneinsparungen herbeizuführen und Geschwindigkeitsgewinne zu realisieren. Mit Bitcoin gäbe es keine Notwendigkeit für Clearingzyklen mehr, was die Abwicklung im eigenen Netzwerk enorm beschleunigen könnte. Ehrlicherweise bedeuten Kryptowährungen aber vor allem auch, dass Zahlungsnetzwerke wie Visa im Extremfall gar nicht mehr gebraucht werden würden. Insofern bedeutet die Annäherung an Kryptowährungen vor allem auch eine Auseinandersetzung mit der größten Bedrohung für die eigene Existenz. Derzeit ist es vor allem die fehlende Verbreitung und relative Komplexität für normale Endanwender und Händler, die Visa und andere Zahlungsanbieter vor den neuen digitalen Herausforderern schützen.

 Mastercard

Nach Visa hat inzwischen auch Mastercard verlauten lassen, noch in 2021 sein Netzwerk für Kryptowährungen zu öffnen. Voraussetzung ist, dass alle von Mastercard zugelassenen Kryptowährungen den im jeweiligen Einsatzgebiet gültigen Gesetzen entsprechen müssen. Mastercard erwartet, dass sich vor allem Stablecoins im Bereich der Endkunden durchsetzen werden. Ebenso wie für Visa gilt, dass Kryptowährungen im Allgemeinen für Mastercard Chance und Risiko zugleich sind. Chance sind sie, da sie Abwicklungskosten und Geschwindigkeit enorm verbessern können. Risiko sind sie, da sie das Potenzial besitzen Mastercard in die Bedeutungslosigkeit zu drängen bzw. den Man-in-the-Middle auszuschalten. Verständlich ist, dass Mastercard vor allem auf Stablecoins setzt (und hierzu wird auch der bereits viel diskutiere und erwartete digitale Euro zählen), da dies Sicherheit sowohl für Mastercard als auch für Händler und Verbraucher bedeutet und die enormen Schwankungsrisiken wie bei Bitcoin hier keine Gefahr darstellen. Stable Coins mit zentraler Vertrauensstelle (d.h. keine distributed ledger Technologie) bedeuten vor allem auch weiterhin Kontrolle über das Zahlungsverkehrsnetzwerk für Zentralbanken und Zahlungsabwickler und deutliche Geschwindigkeitsvorteile, d.h. auch bessere Skalierung.

 

PayPal

PayPal hat zunächst in den USA damit gestartet ihren Kunden zu ermöglichen Kryptowährungen in einer Krypto-Wallet innerhalb ihres PayPal Accounts zu halten. Vor kurzem wurde dann angekündigt, dass PayPal auch die Bezahlung mit Bitcoin als Checkout-Option für Händler und Endkunden ermöglichen wird (auch dies zunächst nur innerhalb der USA).
PayPal experimentiert damit unter den Schwergewichten des Zahlungsverkehrs am meisten und deutlichsten mit Kryptowährungen. Auch für PayPal bedeutet der Einsatz von z.B. Bitcoin deutliche Kosten- und Geschwindigkeitsvorteile beim internationalen Zahlungsverkehr. Signifikante Vorteile könnte PayPal erreichen, wenn man es schafft die Coins möglichst dauerhaft in einem eigenen Netzwerk zu halten, z.B. über eine Sidechain-Technologie, d.h. in solchen Fällen würden für PayPal überhaupt keine Netzwerkgebühren mehr anfallen und man könnte die monetären Werte dauerhaft in einem selbst kontrollierten Netzwerk halten und wäre darüber hinaus noch weitgehend unabhängig von Banken und anderen Zahlungsanbietern wie den großen Kreditkartenorganisationen. Dies ist aber sicher erstmal eine sehr extreme Vision, von der man noch weit entfernt ist. Da PayPals größte Kostenposition aber die Gebühren für Banken und Zahlungsnetzwerke sind, ist es absolut logisch, dass man Wege sucht und findet diese Kosten zu senken oder im Idealfall gar zu eliminieren.

 

Nets/Concardis

Kürzlich angekündigt wurde der Rollout von Softwarelösungen zur Akzeptanz von Kryptowährungen an klassischen POS Terminals von Nets/Concardis in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Softwareanbieter Salamantex. Man hat dort bereits in Pilotprojekten in den vergangenen Monaten Erfahrungen gesammelt und möchte die Lösung nun in ganz Österreich für alle Händler ausrollen. Voraussetzung sind ein entsprechender Vertrag und ein hierfür mit entsprechender Software ausgerüstetes kryptofähiges Terminal.

Zunächst werden Zahlungen mittels Bitcoin, Ether und Ripple ermöglicht. Die Aufnahme weiterer Währungen, insbesondere staatlicher wie beispielsweise dem antizipierten Digitalen Euro sind angedacht. Laut Pressemitteilung von Nets kann der Händler wählen, ob das Settlement in Euro (zu den jeweils gültigen Umrechnungskursen) oder der jeweiligen Krypto-Währung erfolgen soll. In der Pressemitteilung steht, dass der Händler sein Transaktionsbetrag sofort erhalten kann ohne das Risiko von Schwankungen im Umrechnungskurs. Im Falle eines Settlements in Krypto-Währung wäre es eigentlich theoretisch möglich, dass die jeweilige Zahlung direkt an ein Wallet des Händlers erfolgt. Im Falle einer Umrechnung in Euro würde vermutlich ein Collecting durch Nets stattfinden müssen mit anschließendem Settlement. Bei dem Thema Kosten ist von „marktüblichen“ Gebühren in etwa in der Höhe von Kreditkartenfees die Rede.

Interessant wird hier werden wie sich solche Lösungen, wo eigentlich eine direkte Übertragung von Werten zwischen Kunden und Händlern möglich wäre, eine Monetarisierung für Payment Service Provider in der Mitte darstellen wird. Sollte der Payment Service Provider nicht in den direkten Geldfluss eingebunden sein, hätte er auch entsprechend keine finanziellen Risiken und damit wäre eine entsprechende Vergütung (wie etwa bei Kreditkartenzahlungen) eigentlich nicht angemessen. In solchen Fällen wäre die rein technische Dienstleistung die Transaktion zu ermöglichen zu bepreisen. In den Fällen, wo der Payment Dienstleister ein Collecting und entsprechende Umwandlung in Fiat-Währung für den Händler durchführt, wäre eine entsprechende Gebühr hingegen gerechtfertigt. Fraglich ist hier nur, ob das im Sinne der Erfinder von dezentralen Krypto-Währungen ist, die genau diese Intermediäre überflüssig machen möchten. Man darf gespannt bleiben, wie sich diese Anwendungsfälle und Preismodelle entwickeln und im echten Leben darstellen.

Instant Payment, EPI und CDBC (Digitaler Euro)

Die großen Player am Markt bekommen darüber hinaus stetig mehr Gegenwind aus den verhäuft ins Leben gerufenen europäischen, staatlichen und privaten Initiativen. Am wichtigsten sind hier Instant Payment, das den Zahlungsverkehr in Europa beschleunigen soll, EPI, welches sich zum Ziel gesetzt hat ein neues Bezahlverfahren auf europäischer Ebene als Gegenpol zu den großen Kreditkartenschemes sowie Wallet-Anbietern und im engen Zusammenhang dazu noch die Planung des digitalen Euro, als digitaler Variante des Euros analog zu einer zentral verwalteten Krypto-Währung. Der Wettbewerbsdruck im Markt rund um die dominierenden Bezahlverfahren in Europa nimmt also beständig zu. Zum einen gilt es für die europäischen Player ein Gegengewicht zu den dominierenden amerikanischen Konzernen zu schaffen, zum anderen aber auch private oder gar anonyme dezentralen Zahlungsnetzwerken wie dem Bitcoin etwas entgegen zu setzen. Im Kern geht es darum die Kontrolle über den Zahlungsverkehr zu behalten und das Vertrauen in die europäischen Institutionen und Zahlungsverkehrsanbieter in Europa zu stärken. Jeder der Beteiligten, sei es auf privater oder staatlicher Ebene, verfolgt hier ganz eigene Partikularinteressen sich durchzusetzen. Unter dem Stichwort MiCA (Markets in Crypto-Assets) verbirgt sich beispielsweise die Idee einer europäischen Regulierung des Krypto-Marktes. Eine entsprechende Verordnung soll voraussichtlich Ende 2022 in Kraft treten.

Ein Ausblick in die Zukunft

Es gibt inzwischen mehrere tausend Krypto-Währungen (von Finanzbehörden in der Regel übrigens als Asset und nicht als Währung klassifiziert) und eine Vielzahl weiterer, privater und staatlicher Initiativen. Der Markt ist wirklich unübersichtlich und wird stetig komplexer. Gleichzeitig sinken vielerorts die Eintrittsbarrieren, wodurch es dem einfachen Bürger immer leichter gemacht wird mit Kryptowährungen in Kontakt zu kommen und zu experimentieren. Ein Blick in die Glaskugel lässt vermuten, dass das Thema weiter an Relevanz zunehmen wird. Ist das Thema schon so Mainstream, dass sich meine Großeltern damit auseinandersetzen würden? Ich würde sagen nein. Auch nicht meine Eltern. Die meisten meiner Bekannten auch nicht. Aber die Zeit wird denke ich bald kommen. Das Thema wird relevanter und je mehr Anbieter und Lösungen auf den Markt kommen, umso relevanter wird die Reduzierung der Komplexität für Endkunden. Die großen Marktplayer beobachten das Thema sehr ernsthaft und experimentieren mit den ersten Lösungen. Zu Recht, denn sie laufen ernsthaft Gefahr durch die technischen Fortschritte und das Fortschreiten des Überflüssigmachens der Intermediäre zunehmend bedeutungslos zu werden. Wir werden eine deutlich erstarkende Lobby erleben, die gegen die Entmachtung staatlicher und zentraler Stellen im Zahlungsverkehr kämpfen wird. Denn in einer Welt in der der Zahlungsverkehr komplett dezentralisiert und ohne zentrale Vertrauensgeber funktioniert, da braucht sie eben niemand mehr. Diese Dystopie der Zahlungsverkehrswelt mag vielleicht noch einige Zeit in der Zukunft liegen, aber vielleicht weniger weit weg, als es dem einen oder anderen lieb ist. Mainstream ist das Thema noch nicht. Aber vor wenigen Jahren hatten auch nur echte Nerds einen Nokia Communicator in der Tasche (oder besser im Rucksack). Heute hat jeder seine E-Mails in der Hosentasche.

Ich bin gespannt…auch wann ich denn nun endlich Krypto-Millionär sein werde.

Covididence 2020 im Zahlungsverkehr

Covid-19 und SCA verhelfen altbekannten Payment Features zu neuem Glanz

Die guten Vorsätze

Neujahrstag 2020. Viele kämpfen mit den wohlbekannten Spätfolgen einer durchzechten Nacht und der ein oder andere sieht vielleicht zum ersten Mal skeptisch den in der Vorwoche so mühselig zusammengesuchten guten Vorsätzen für das neue Jahr entgegen. Was dann aber im Frühjahr 2020 passiert, hat und konnte niemand in seinem Maßnahmenplan berücksichtigen. Ein kleines Virus aus dem fernen China, was auf den Namen „Covid-19“ hört, sollte sich in kürzester Zeit zur Pandemie entwickeln und ab dem Frühjahr 2020 den gesamten Globus in festem Griff halten. Die durch die Pandemie notwendig werdenden Restriktionen im öffentlichen und teils auch privaten Leben haben weltweit die Menschen in ihrem Lebenswandel stark beeinträchtigt und zwangsläufig auch verändert. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen/sozioökonomischen Folgen sind selbst nach einem Jahr „Covid-Gefangenschaft“ nur schwerlich absehbar oder abschließend vorhersagbar.

Einbruch der Wirtschaftskraft (bedingt durch unterschiedliche Restriktionen und/oder verschiedenste Ausprägungen von Lockdowns), Einschränkungen in der Reisefreiheit, der besondere Schutz von Risikogruppen, mentaler Overkill des Pflegepersonals und vieles mehr sind die Auswirkungen, welche wir im Jahr 2020 alle zumindest informell wahrgenommen haben. Eine ganz besondere Aufmerksamkeit der Payment Branche lag sicherlich auf dem sich daraus resultierenden veränderten Kauf- und Zahlverhalten der so eingeschränkten Bürger.

Gleichzeitig hat aber die Payment Welt auch noch ein altes Geschwür aus 2019 mit nach 2020 hinübergerettet – die „Starke Kundenauthentifizierung“ oder auch SCA genannt, die ja laut der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) zum 01.01.2021 scharf geschaltet werden musste. Ein jeder Zahlungsdienstleister dürfte zu Anfang 2020 die anstehenden SCA Anpassungen in seinen Zahlungssystemen wohl eher zu den notwendigen Übeln als zu den guten Vorsätzen für das Jahr 2020 gezählt haben.

Betrachtet man nun die 12 zurückliegenden Monate, so kann man mit Gewissheit festhalten, dass das SCA Mandat in Koexistenz mit der Pandemie die Payment Welt stark verändert haben, und sogar alte Bekannte des Zahlungsverkehrs aus deren Dornröschenschlaf wieder ans Tageslicht befördert haben. Vielleicht war es in diesem Fall nicht der holde Prinz, der diese Kandidaten aus ihrem „Jahrhundertschlaf“ wachküsste, sondern vielmehr die zwei Schreckgestalten Covid-19 und SCA, welche mit ihren hässlichen Fratzen das Erwachen beschleunigten.

Die Entwicklung über das Jahr 2020

Wie uns bestens bekannt ist, hat zu Beginn 2020 die Region um die 11 Millionen Metropole Wuhan in China das Virus „exportiert“. Dieses hat dann in nie dagewesener Weise eine Missionierung des Erdballs in kürzester Zeit vorgenommen. Bei uns in Deutschland (wie auch vielen anderen europäischen Ländern) war dann mit dem ersten Lockdown am 23.03.2020 der erste Zenit erreicht. Eine weltweite Ausbreitung in nur drei Monaten kann man aus virologischer Sicht durchaus als Erfolg verbuchen.

Verglichen damit waren die SCA Maßnahmen, welche im gleichen Zeitraum durchgeführt wurden, eher gering, wenn dennoch partiell intensiviert (z.B. bei den Issuern) anzusehen. Bedingt durch Mandate der Kreditkartenorganisationen, die natürlich dem großen Masterplan der EBA folgend ihre eigenen Meilensteine passend für den 01.01.2021 definierten, hatten sicherlich die kartenherausgebenden Institute bis zum April 2020 einen deutlich höheren Implementierungsaufwand vorzunehmen, als dies in gleichem Zeitraum auf der Akzeptanzseite der Fall war – deshalb eben auch nur eine partielle Anstrengung des Ökosystems der Zahlungsdienstleister.

Aber auch der Akzeptanzseite wurden Mandate der Kreditkartenorganisationen in den Kalender eingetragen, die diese dann ab Mitte des Jahres ereilten (EMV 3DS2.1+ Mandat zum 01.07.2020 und das EMV 3DS 2.2 Mandat für Visa zum 18.10.2020). Dieses Ökosystem auf der Akzeptanzseite – bestehend aus Acquirern, deren Prozessoren, den PSPs, den Netzbetreibern und den 3DS2 Dienstleistern – war also gezwungen, sich technisch auf diese Erweiterungen fristgerecht einzustellen.

Ach ja, und dann gab es ja noch einen nicht ganz unwichtigen Teilnehmer auf der Akzeptanzseite, nämlich den Händler oder Akzeptanznehmer. Und an dieser Stelle haben wir die Schwachstelle der SCA Definition erkannt. Man kann nun nicht sagen, dass die Händler in Ihrer ureigenen Rolle eine pauschale Schwachstelle darstellen, sondern muss vielmehr festhalten, dass die SCA per Definition dieses letzte Glied der Akzeptanzwelt nicht ausreichend bei der Umsetzungs-Mandatierung berücksichtigt hat. Grund dafür ist wieder einmal die nicht abschließend und konsequent zu Ende gedachte „Befehlskette“ der Zahlungsaufsicht. Natürlich kann die Aufsicht (BaFin/EBA) nur die Beaufsichtigten (Zahlungsdienstleister) reglementieren. Aber dann blind darauf zu vertrauen, dass diese Beaufsichtigten aufgrund der diesen auferlegten Mandate den Markt in Eigenregie revolutionieren und die ihnen abverlangten Peinigungen an die „dahinterliegenden Straftäter“ weiterreichen werden, war wohl etwas zu kurz gedacht. Der Markt wird althergebracht nach dem „Henne – Ei – Prinzip“ regiert. Und diesem folgend war es den Akzeptanzgebern fast unmöglich, die Händler von den heilbringenden Wohltaten der SCA zum Einsatz derselben zu bewegen.

Ungeachtet der Querelen der SCA schrieb das Covid-19 Virus seine Erfolgsgeschichte fort und das in zunehmendem Tempo.

Die Schwächen in der SCA Umsetzung auf der Akzeptanzseite

Auf der Akzeptanznehmer-Seite trennte sich in Bezug auf die vorzunehmenden SCA Anpassungen zu Mitte des Jahres die Spreu vom Weizen. So hatten diejenigen Händler, welche über ein Direktverkaufs-Modell („Direct Sales“) ihre Ware an den Mann brachten, recht schnell zumindest einen Masterplan errechnet, der sie zum Ende das Jahres befähigen sollte, die SCA gemäß den gültigen Anforderungen umsetzen zu können.

Viel schlechter traf es diejenigen Marktsegmente, die ihre Ware über indirekte Verkaufswege veräußerten. Bedingt durch die chronologische Trennung von Bestellreservierung und Zahlungseinzug waren mitunter in den sukzessiv aufeinanderfolgenden Teilprozessen der Zahlungsdurchführung unterschiedliche technische Dienstleister – ja z.T. auch vertraglich über mehrere Akzeptanzstellen verteilte Dienstleister – mit dem Prozessing der Einzelaufgaben betraut. Das machte eine SCA konforme Abwicklung bisweilen unmöglich.

Ganz besonders betroffen war die Reise- und Autovermietungsbranche (T&H für „Travel and Hospitality“), bei welchen oftmals Reservierungen weit vor der Inanspruchnahme – und damit dem Zahlungseinzug – der jeweiligen Dienstleistungen erfolgten. Die oftmals über Online-Reiseagenturen (OTA für „Online Travel Agency“) gebuchten Reisepakete wurden von unterschiedlichen Leistungsträgern (Hotel, Fluglinie, Mietwagen, etc.) zu einem viel späteren Zeitpunkt eingezogen. Und für dieses Vorgehen nutzten schon vor SCA diese OTAs virtuelle Kreditkarten als Einmal-Zahlungsmittel. Mit diesem Instrument konnten die OTAs den Zahlungspflichtigen direkt an sich binden, ohne dass der Zahlungsvorgang zwischen Leistungserbringer und Karteninhaber direkt abgewickelt wurde. Da man aber aufgrund der SCA Definition wusste, dass virtuelle Karten von der SCA Pflicht ausgenommen sind, wurde somit die Nutzung von virtuellen Karten seitens der OTAs umso mehr als probates Mittel zum Zweck genutzt. Diese Renaissance der virtuellen Kreditkarten war sicherlich nicht im Sinne der Leistungsträger, da man damit die Bindung an den Karteninhaber nur noch mehr vom Leistungsträger entfremdete – zumal ja auch die OTAs diesen Service nicht ohne entsprechenden Obulus an den Leistungsträger erbrachten.

Mit den SCA Anforderungen wurde aber auch die Forderung nach einem interaktiven Datenaustausch zwischen den beteiligten Dienstleistern lauter (Nutzung des sog.  MIT-Frameworks [1]). Diese Forderung wiederum bedingte umfassende Anpassungen in IT-Systemen und Kommunikationsprotokollen der entsprechenden Dienstleister. Wie gesagt, bedurfte die Schaffung dieses Frameworks unterschiedlichster Anpassungen bei unterschiedlichsten Dienstleistern, was realistisch betrachtet – eine Umsetzung zum Jahreswechsel 2020/2021 unmöglich machte.

Die Kreditkartenorganisationen haben aber diesen Missstand gerade noch rechtzeitig erkannt und aufgrund der Multiplexität dieses Dienstleisteruniversums eine Möglichkeit geschaffen, die betroffenen Transaktionen ohne Nutzung von virtuellen Karten und ohne Nutzung von MIT-Frameworks durch eine entsprechende MOTO-Kennzeichnung der Transaktionen herbeizuführen. Auch das bedurfte natürlich Anpassungen im Akzeptanz-Ökosystem, war aber deutlich einfacher zu realisieren, da man diese „Um-Kennzeichnung“ zentral auf den Maschinen der Akzeptanzgeber implementieren konnte.

 

MIT-Framework als mächtiges SCA Instrument

Das zuvor beschriebene MIT Framework ist sicherlich die Ultima Ratio in der Umsetzung der SCA Anforderungen – insbesondere dann, wenn der Geschäftsvorfall über indirekte Vertriebsorganisationen, wie z.B. OTAs, realisiert wird. Allerdings sind per Definition einige Bedingungen an die Nutzung so eines Frameworks gebunden, die über die gesamte Dienstleistungskette zu beachten sind. Gleichermaßen ist aber auch zu beachten, dass die bei diesen unterschiedlichen Leistungsträgern zum Einsatz kommenden Akzeptanzwege (ECOM, MOTO, POS, etc.) mitunter in ein und demselben MIT-Vorgang Anwendung finden können.

Und genau an dieser Stelle kommt ebenfalls ein der Zahlungswelt nicht neu erscheinender alter Gefährte auf das Diskussionspodium zurück: die Schaffung einer „Omnichannel Lösung“. Der Gedanke, mit Omnichannel-Produkten Zahlungen, welche z.B. über ein ECOM Portal autorisiert wurden, später aber beim Leistungserbringer über ein POS-Device zum Einzug zu bringen und das dann idealerweise auch noch SCA konform – also z.B. unter Zuhilfenahme eines MIT-Frameworks, ist somit die logische Konsequenz aus der Suche nach einer Dienstleister- und Plattformübergreifenden Lösung eines gesamtheitlichen MIT-Framworks.

Prädestiniert für die Realisierung einer solchen Lösung wären Netzbetreiber (die ja i.d.R. auch ECOM- und MOTO-Lösungen anbieten) oder aber PSPs, da beide Parteien heute schon Teile dieser Omnichannel-Lösung auf ihren Plattformen verarbeiten. Es bleibt abzuwarten, wer hier in 2021 den Staffelstab als erster aufnimmt.

In 2019 und 2020 haben wir bereits zwei renommierte PSPs in Deutschland gesehen (Computop und Unzer), die ihre ECOM/MOTO Plattformen um das Präsenzgeschäft erweiterten. Sicherlich ist dieser Schritt in erster Linie vor dem Gedanken der Erweiterung des Leistungsportfolios und der dazugehörigen Marktsegmente zu sehen. Allerdings bietet er auch die perfekte Absprungbasis für die Realisierung einer Omnichannel-Lösung. Die Netzbetreiber sollten also jetzt gewarnt sein, ihre Plattformen in Richtung Omnichannel zu erweitern. Nur so können deren Plattformen alle Geschäftsvorfälle mittel- bis langfristig SCA-konform abwickeln. Dazu kommt die steigende Anzahl an ECOM Transaktionen, die nicht zuletzt bedingt durch die Covid-19 Pandemie ausgelösten Veränderungen im Kaufverhalten der Bürger zum Umdenken bei den Netzbetreibern auffordert. Es bleibt also abzuwarten, wer hier in 2021 den Staffelstab als erster aufnimmt.

 

Fazit ist: Covid-19 und SCA in Kooperation haben den Zahlungsverkehr in Richtung der digitalen Zahlungsvorgänge verlagert (das inkludiert auch die Reduzierung des Bargeldgeschäftes) und verlangen ebenfalls Plattformübergreifende Lösungen im Sinne des Omnichannel-Ansatzes. Auch, wenn also die SCA augenscheinlich in vollem Umfang in Kraft getreten ist [2], so wird sie dennoch die Entwicklung im Zahlungsverkehr auch in 2021 maßgeblich mitbestimmen.

 

 

 

[1] MIT steht für „Merchant Initiated Transaction“. Dieser Transaktionstyp ist von der SCA befreit und kann dann angewandt werden, wenn ein Händler Zahlungen ohne Anwesenheit des Karteninhabers einziehen will. Die Nutzung eines MIT-Frameworks in Verbindung mit „indirect sales“-Vorgängen ist eine präferierte Vorgehensweise der Kreditkartenorganisationen für die T&H Branche, bedingt aber Anpassungen in den Systemen aller betroffenen Dienstleister dieser Prozessing-Kette und bedingt gleichermaßen die SCA konforme Kommunikation dieser betroffenen Dienstleister untereinander mit zusätzlichen SCA Werten.

[2] „in vollem Umfang“ inkludiert hier die EWG weiten „Ramp Up“ Pläne der nationalen Aufsichten, welche teils in monatlichen Schritten bis Ende März 2021 die 100%-ige Anwendung der SCA vorsieht

AHA+K Abstand, Hygiene, Alltagsmaske und kontaktlos zahlen

 Kontaktlos und bargeldlos bezahlen? Ein Szenario: Es ist Samstag und ich fahre mit meinem Auto in die Stadt. Parke auf dem kleinen Markt an der Kirche. Steige aus, schiebe meine Kreditkarte in den Schlitz des Parkautomaten und wähle in 50 Cent Schritten die gewünschte Parkzeit. Meine nächste Station ist der Obststand auf dem Wochenmarkt. Ich nehme die kleine Tüte mit den Bananen und Kiwis entgegen, tippe die 10-Stellige Nummer, die der Händler auf einem Papierschild ausgedruckt in der Auslage stehen hat, in eine Bezahl-App auf meinem Handy und überweise ihm den Betrag mit einem kurzen Swipe. Kurz bevor ich wieder ins Auto steige, möchte ich noch kurz im Supermarkt vorbeischauen. Als ich an der Kasse stehe und angesichts des kleinen Betrages ein paar Münzen hervorkrame, deutet der Kassierer mürrisch auf das Schild an der Tür: “Wir akzeptieren kein Bargeld”. Also zücke ich wieder mein Handy, entsperre es mit einem Blick auf das Display und halte das Gerät dann an das Terminal. Ich frage mich, ob ich das Kleingeld in meiner Tasche eigentlich noch jemals wieder los werde.

 Vom „Krieg“ gegen das Bargeld

Diese Geschichte kommt Ihnen komisch vor? Das liegt vielleicht daran, dass das Besagte nicht in Deutschland stattgefunden hat, sondern in Schweden. Hier lebt man bereits überwiegend bargeldlos. Und das nicht erst seit gestern. Hier ist der “war on cash”, wie es der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BDGW) Harald Olschock völlig uneigennützig formuliert, bereits in vollem Gange.

Um nicht zu sagen, inzwischen soweit fortgeschritten, dass nur noch ein paar wenige Aufständische beharrlich ihr Recht auf die Nutzung von Bargeld verteidigen.

Bargeldloser Zahlungsverkehr: Zahlen zur Nutzung in Deutschland

In Deutschland hingegen glich das Vordringen der Kämpfer für einen bargeldlosen Zahlungsverkehr in den letzten Jahren eher einem zermürbenden Stellungskampf, um im Bild zu bleiben. Insbesondere bei der Nutzung von kontaktlosen Zahlungsarten, die weithin als Brückentechnologien zur vollständigen digitalen Zahlungsinfrastruktur gesehen werden. Noch 2016 gaben 54% der Deutschen an, noch nie kontaktlos bezahlt zu haben und dies auch in Zukunft nicht in Erwägung zu ziehen. Nur 10% der Bevölkerung hatten zu diesem Zeitpunkt bereits kontaktlos gezahlt und davon nur der kleinste Teil regelmäßig. 2019, also 3 Jahre später, sah die Situation bereits anders aus. 55% hatten letztes Jahr bereits kontaktlos gezahlt. Die Hälfte davon nutzte die Kontaktlosfunktion ihrer girocard, der Kreditkarte oder ihres Smartphones, dabei mindestens einmal wöchentlich.

Ein weiteres Opfer von Corona – das Bargeld?

Nun ist dieses Jahr ein anderes als alle vorangegangenen Jahre und das in vielerlei Hinsicht. Nicht nur fühlt es sich inzwischen merkwürdig an, ohne Maske das Haus zu verlassen, obwohl wir noch vor einigen Monaten halb amüsiert, halb verständnislos den Kopf schüttelten, wenn uns mal wieder eine asiatische Reisegruppe in allerlei farbenfrohen Mundschutz gekleidet über den Weg lief, sondern Corona (bzw. COVID-19) hat auch das Verhalten an der Kasse grundlegend geändert. Noch 2018 gehörte man einer seltenen Spezies an, wenn man seine Karte nur kurz an das Terminal im Supermarkt hielt. Der erstaunten Blicke seiner Mitschlangesteher war man sich endgültig sicher, wenn man nach der Frage “Bar oder mit Karte” nur kurz das Handy herauszog und mit dem, inzwischen durch die Deutsche Bank sogar medial zu einiger Aufmerksamkeit gekommenen „Ba-bing“ seine Einkaufstaschen schnappte und einfach verschwand, ohne auch nur einmal die Geldbörse geöffnet zu haben.

Corona als Treiber für kontaktloses Bezahlen

Die Pandemie sei nun dafür verantwortlich, dass die Zahlen für das bargeldlose und insbesondere kontaktlose Bezahlen seit 2019 noch einmal beträchtlich gestiegen seien. Das sagen beide Parteien. Die Verfechter des Bargeldes und diejenigen, die es am liebsten endlich loshaben wollen würden. Dabei beklagen erstere allerdings, dass die Warnung vor der Ansteckungsgefahr mit Bargeld nur Panikmache sei und Ängste bei Kunden und Verkaufspersonal schüren würde. Letztere dagegen freuen sich, dass es nun scheinbar den letzten notwendigen Impuls gegeben hat, den Weg in eine längst verschlafene Zukunft des digitalen Zahlungsverkehrs in Deutschland endlich frei zu machen.

Beim kontaktlosen Zahlen stehen Zweckmäßigkeit und Geschwindigkeit im Vordergrund

Nun scheint es so zu sein, dass das größte Ansteckungsrisiko wohl tatsächlich nicht auf den Austausch von Bargeld zurückzuführen ist, sondern auf begutachtetes und wieder zurückgelegtes Obst. Aber dies muss von den entsprechenden Experten an anderer Stelle abschließend geklärt werden. Es ist aber auch so, dass mitnichten die Angst vor einer Ansteckungsgefahr die Menschen vermehrt zu den Karten bzw. Smartphones greifen lässt.

Aktuelle TOP 3 Gründe für die Nutzung von bargeldlosem Bezahlen

Dies hat zumindest eine Umfrage von Statista in Zusammenarbeit mit gdata ergeben. Auf die Frage danach, warum sie lieber bargeldlos bezahlen, nannten nur 20,3% der Teilnehmer die Angst vor einer Ansteckung als Grund dafür. Und damit landet diese Aussage nur auf dem dritten Platz. Auf den ersten beiden Plätzen liegen hingegen die Gründe, dass man bspw. das Smartphone immer zur Hand hat, Bargeld nicht immer (32,5%), bzw. dass die Zeitersparnis an der Kasse im Vergleich zum Bargeld eine Rolle spielt (31,7%).

Bargeld – nicht mehr des Deutschen liebstes Kind?

Fakt ist, die Liebe zu ihrem Bargeld hat bei den Deutschen seit Ausbruch der Corona-Krise besonders stark gelitten und die Menschen werden sogar mutiger was die “neuen” Technologien betrifft. Inzwischen haben 75% bereits kontaktlos (also auch bargeldlos) gezahlt und ca. 64% machen dies sogar regelmäßig, haben die Forscher von Forsa im Auftrag von Visa herausgefunden. Dabei zahlen die meisten, nämlich 56% der Befragten, am liebsten mit Karte, was einem Anstieg um 3% zum Vorjahr entspricht. Nur noch 32% sagen, dass Bargeld ihr bevorzugtes Zahlungsmittel ist. Signifikant ist aber der Anstieg bei Smartphones. Hier gaben 12% der Teilnehmer an, dass dies inzwischen ihre liebste Form des Bezahlens ist. Das entspricht einer Verdoppelung zum Vorjahr.

Noch wesentlich interessanter ist allerdings, dass sich offensichtlich auch die grundlegende Einstellung zum Bargeld zu verändern scheint und zwar fast gleichmäßig über alle Altersgruppen hinweg. So hat der Digitalverband Bitkom herausgefunden, dass sich der überwiegende Großteil der Menschen in Deutschland mehr Möglichkeiten zum kontaktlosen Bezahlen wünscht. Bei der Gruppe der 16- bis 29-Jährigen sind das weniger überraschend ganze 76%. Aber selbst bei den 65-Jährigen und älter sind es noch 62%. Und hört man den Teilnehmern weiter zu, versucht der Großteil der Befragten die Zahlung mit Bargeld sogar so oft es geht zu vermeiden. Hier sind es in der jüngeren Gruppe, unter den 16- bis 29-Jährigen, bereits 84%. Aber sensationell ist, dass sogar 68% der ältesten Mitbürger, 65 Jahre und darüber, die gleiche Meinung vertreten.

Denkt denn keiner dabei an den Datenschutz? Um Gottes Willen, der Datenschutz!

Damit scheint eines der am häufigsten genannten Argumente für die Bargeldnutzung an Bedeutung zu verlieren. Nämlich, dass ältere Menschen vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden könnten, wenn Bargeld abgeschafft werden würde. Weitere Argumente bemühen regelmäßig die angeblich fehlende Ausgabenkontrolle und die generelle Sicherheit des Zahlvorganges. Außerdem darf in Deutschland natürlich die Angst vor dem mangelnden Datenschutz nicht fehlen. Martialisch klingende Aussagen, wie die vom “war on cash” des oben bereits angesprochenen BDGW und die diffuse Angst vom gläsernen Menschen, verbinden darüber hinaus raffiniert des Deutschen ureigenen Schuldkomplex mit der grundlegenden Skepsis gegenüber der technologischen Zukunft.

Kinderfotos auf Facebook? Kein Problem. Digital bezahlen? Niemals!

Dass ein Großteil der Menschen inzwischen, ohne weiter darüber nachzudenken, jedes noch so private Detail in sozialen Netzwerken veröffentlich, scheint dabei geflissentlich übersehen zu werden. So, wie es einem eben gerade passt. Auch diskutieren nicht wenige Parteien gerade über die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre. Unter dem Deckmantel der Mündigkeit kommt die für einige sehr praktische Neigung, sich Ideologien ungeprüft zu verschreiben gerade Recht, um neue Wählergruppen zu erschließen. Aber wenn es um den Kauf der nächsten Air Max geht, trauen wir unseren Jugendlichen nicht zu, den Einfluss dieser Transaktion auf ihren Kontostand nachvollziehen und nachhaltig einordnen zu können, solange sie kein Bargeld benutzen.

Dabei bietet inzwischen jede halbwegs vernünftige Banking-App eine entsprechende Übersicht. Sogar bis hin zu Analysetools, die uns unser Ausgabeverhalten bis ins Detail überwachen und planen lassen und sogar helfen, übermäßige Ausgaben zu vermeiden, bspw. mit bestimmten zweckgebundenen Unterkonten oder Ausgabengrenzen. Und natürlich sind technologische Lösungen immer einem gewissen Risiko unterworfen, missbraucht zu werden. Aber wir wagen zu bezweifeln, dass sich der geneigte Bürger die vielfältigen Möglichkeiten, einen Geldautomaten zu manipulieren, bei jeder Bargeldabhebung mit PIN bewusst ins Gedächtnis ruft und daraufhin den, insbesondere in Zeiten des umfangreichen Filialsterbens, gegebenenfalls recht langen Weg zur nächsten Bankniederlassung antritt.

Die Gründe gegen kontaktlose Kartenzahlungen sind die Gründe für das Zahlen mit dem Smartphone

Ganz im Gegenteil. Eigentlich müsste man den Übergang zur digitalen Zahlungsinfrastruktur noch beschleunigen, wenn man an Sicherheit und Datenschutz interessiert ist. Tatsächlich können Karten nämlich ausgelesen werden. Auch wenn mit der Near Field Technology (NFC), die die Basis des kontaktlosen Zahlvorganges darstellt, maximal 4 cm überbrückt werden können. Man müsste also schon sehr nah an die Karte herankommen, um sie auslesen zu können. Aber selbst wenn das gelingen sollte, kann man mit den gestohlenen Daten für maximal 50€ (vor der Corona-Krise 25€) einmalig oder bis zu insgesamt 150€ bei nicht mehr als 5 aufeinanderfolgenden Transaktionen einkaufen gehen, bevor wieder eine PIN verlangt wird. Wollte man aber wirklich konsequent sein, würde man die Bürger weniger vor den Risiken der kontaktlosen Kartenzahlung warnen, als sie möglichst schnell versuchen, für die Zahlung mit dem Smartphone zu begeistern.

Durch die Tokenisierung, wie bei Apple Pay oder Google Pay üblich, werden hier nämlich gar keine persönlichen Informationen oder Zahlungsdaten mehr übertragen. Außerdem ist die Hürde, das Smartphone missbräuchlich zu verwenden sehr viel höher als bei girocards oder internationalen Debit-/ Kreditkarten. Nicht nur müsste man den Schutz des Smartphones überwinden, auch die Bezahl-App selber müsste ausgetrickst werden. Und mit den neuesten Geräten würde das bedeuten, man bräuchte schon das Gesicht oder zumindest einen Daumen des Opfers. Wir hoffen in unserem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen, dass das zumindest für die Meisten unter uns einen ausreichenden Hinderungsgrund im Hinblick auf den potentiell geringen Profit darstellt.

Kein Bankkonto ist auch keine Lösung

Ein Punkt, der jedoch durchaus nicht von der Hand zu weisen ist, ist der Verlust der Anonymität durch kontaktloses Geldausgeben. Banken und Dienstleister erhalten bei rein digitalen Transaktionen ständig Informationen, wer, wann, wo für wieviel eingekauft hat. Nach meinen Erfahrungen hat das allerdings im günstigsten Fall die Auswirkungen, dass mehr für mich persönlich optimierte Dienstleistungen angeboten werden und im schlimmsten Fall, dass ich mit zusätzlicher Werbung zugespammt werde, die mich, angesichts der annahmegemäß sehr effizienten Auswertung meiner Daten und der damit zusammenhängenden potentiellen Überzeugungskraft, womöglich zum zusätzlichen Geldausgeben verleitet.

Wer nun darauf hinweisen will, dass es bei dieser Form des Datenschutzes ja gar nicht so sehr um den ökonomischen Aspekt der beteiligten Dienstleister und Banken geht, sondern eher um das strafrechtliche Interesse der Behörden, der hat sicherlich noch nicht erlebt, welche Auswirkungen die verspätete Zahlung der Kfz-Steuer oder die ausreichend lange Verzögerung der Überweisung des sog. Rundfunkbeitrages bereits ohne digitale Zahlungsmethoden haben kann. Würde man sich dem entziehen wollen, dann dürfte man noch nicht einmal ein Konto eröffnen. Und wir lehnen uns sicherlich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn wir behaupten, dass der Teil der Bevölkerung, der das konsequent durchzieht, eher nicht zum Kreis unserer Leser gehört.

Entwicklungsland Deutschland – auch bei der digitalen Zahlungsinfrastruktur

Trotzdem werden die Mahner ohne Frage nicht müde werden, die Risiken des bargeldlosen Zahlungsverkehrs zu betonen und weiterhin der Auffassung sein, dass Bargeld noch das wichtigste Zahlungsmittel in Deutschland ist, und auch bleiben wird (O-Ton – wer hätt‘s geahnt – BDGW). Währenddessen hat Schweden das Ziel ausgegeben bis 2030 vollständig auf bargeldloses Zahlen umgestellt zu haben. Und selbst für Deutschland prognostizieren unsere Kollegen der Unternehmensberatung Oliver Wyman, dass spätestens 2025 die umsatzbasierte Bargeldnutzung gerade noch bei 32% liegen wird. Und im selben Zeitraum sollen sich diejenigen Nutzer, die mit dem Smartphone am POS zahlen werden – und damit kontaktlos – laut Statista mehr als verdreifachen (von heute ca. 6 Mio. Nutzer auf ca. 19,7 Mio. Nutzer).

Dazu wird in Zukunft sicherlich die krisenbedingte Erhöhung des Betrages, der ohne PIN kontaktlos mit der girocard gezahlt werden kann (von 25€ auf 50€), beitragen. Wir schätzen aber, dass insbesondere die weitere Verbreitung von Zahlungsterminals mit Kontaktlosfunktion und das sich ändernde Bewusstsein der Kunden zur Zahlung von Klein- und Kleinstbeträgen im Lebensmitteleinzelhandel, zusammen mit der Deckelung der Händlerentgelte durch die MIF-Verordnung, zunehmend positiv auf die Nutzung unbarer Zahlungsmethoden auswirken wird.

Das Bäckerhandwerk als Wegweiser in die digitale Zukunft

Noch heute wird, je kleiner der zu zahlende Betrag ist, eher auf Bargeld zurückgegriffen. So finden laut Finanztest 70% der Bargeldtransaktionen im Lebensmitteleinzelhandel statt. Zum Vergleich, bei Möbelhäusern sind es 3,1%, bei Garten- und Baumärkten 3,2% und bei Bekleidungs- oder Schuhgeschäften nur 4,6%. Die Deutschen sind also noch nicht bereit, ihre Brötchen Sonntagmorgen beim Bäcker mit der Karte oder dem Smartphone zu zahlen. Und dementsprechend ist auch die Bereitschaft der Händler, die entsprechenden Möglichkeiten für kontaktloses Bezahlen überhaupt erst anzubieten.

Insofern ist es, wenigstens für die Verfechter des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, eine gute Nachricht, dass zumindest der Zentralverband des Bäckerhandwerks inzwischen eine Broschüre aufgelegt hat, deren Ziel es ist, seinen Mitgliedern und deren Kunden die Vorteile “dieser neuen” Technologie nahezubringen.

Mobile Payment: zwischen Commodity und Partikularinteressen

Vor einigen Tagen wurde bekannt gegeben, dass Samsung Pay, der mobile Bezahldienst des gleichnamigen südkoreanischen Technologieherstellers Ende Oktober in Deutschland starten wird. Hierfür ist Samsung eine Partnerschaft mit der FinTech-Bank Solaris und Visa eingegangen und kann auf diesem Weg die hiesigen Banken und Sparkassen umgehen. Hierdurch wird für Besitzer eines Samsung Smartphones – ausgenommen die Reihe Galaxy J und Galaxy M oder Smartwatch – die Möglichkeit geboten, neben dem bereits etablierten Checkout im E-Commerce, ebenfalls am physischen Point-of-Sale (POS) zu bezahlen. Darüber hinaus wird hierdurch neben Apple Pay und Google Pay ein weiterer Bezahldienst mit einem Potential von ca. 20 Millionen Endkunden gelauncht, welcher Folgen für das Geschäftsmodell sowie die weiterhin auf sich wartende Digitalisierung der girocard der deutschen Kreditwirtshaft haben kann.

Dies wird durch die Tatsache unterstrichen, dass die großen internationalen Anbieter (GAFAs) den Drahtseilakt der Verschmelzung einer optimalen Nutzererfahrung (UX) und unterschiedlichen Vertriebskanälen mit Bravour zu meistern scheinen, während Bemühungen nationaler Interessenverbände mehr dem zaghaften Trainingslauf über dem Fallnetz ähneln. Um die erwähnte Harmonisierung sowie Lösungen im Mobile Payment besser einschätzen zu können, ist eine Einordnung dieser sinnvoll. Aus diesem Grund ist zunächst die Frage zu beantworten, „Was ist Mobile Payment“ bzw. „Wie wird Mobile Payment definiert“?

Was ist denn nun Mobile Payment?
Um es vorab zu sagen, es gibt nicht die eine einheitliche und allumfassende Definition für das Mobile Payment. Wie bereits der Name impliziert, handelt es sich bei dem Begriff Mobile Payment um Zahlungen, welche über mobile Endgeräte eines Verbrauchers durchgeführt werden und bei denen weder Bargeld noch physische Debit- oder Kreditkarten involviert sind. Obschon bei granularer Einordnung Unmengen an Kategorien erstellt werden können, haben wir uns der Einfachheit halber auf zwei Oberkategorien verständigt. Diese heißen Proximity Payments am POS und Remote Payments im E- und M-Commerce und repräsentieren alle gängigen Anwendungsfälle, welche auf einem mobilen Endgerät durchgeführt werden. Dabei sprechen wir von einem „Omni-Channel-Zahlungsmittel“, da diese sowohl im stationären Handel (Proximity Payment) und mobil bzw. online (Remote Payment) eingesetzt werden können. Als Synonym wird Mobile Payment auch gern als „Wallet Payment“ verwendet, da diese E-Wallets entsprechende Zahlungsdaten digital speichern, jedochauch zusätzliche Anwendungen wie Loyalty, Couponing, digitale Tickets oder Bordkarten enthalten können.

Proximity oder Wallet Payment ist vielen besonders durch Apple Pay, Google Pay, PayPal Wallet und demnächst Samsung Pay ein Begriff. Bei dieser Art der Bezahlung wird (normalerweise) eine Debit- oder Kreditkarte digitalisiert, um diese auf einem Mobiltelefon für Bezahlprozesse zu nutzen. Durch den Kontakt zwischen Terminal und Mobiltelefon wird die Zahlung mit der digitalisierten Geldbörse angestoßen. Google setzt hierbei seit der Einführung mit Android 4.4 auf die „Host Card Emulation“ (HCE) Technologie. Selbiges gilt für die weniger benutzerfreundliche, jedoch für den Händler preiswertere Adaption von Mobile Payment, der digitalen girocard, wie sie die Sparkassen in der Bezahl-App „Mobiles Bezahlen“ anbieten. Apple hingegen steuert die NFC Schnittstelle mit einer eigenen Software an . Die erforderlichen Daten werden vom Secure Element zusammengefasst und verschlüsselt.

Nachdem die digitale Karte in die Wallet geladen wurde, kann die digitale Geldbörse wie eine Kreditkarte sowohl am physischen POS als auch im E- und M-Commerce genutzt werden. Hierfür ist neben der Installation auf dem Konsumentengerät lediglich die Händlerakzeptanz sowie ein kontaktlosfähiges Terminal notwendig. Besonders der nutzerfreundliche Bezahlprozess per Touch oder Face ID hat den Diensten bei Ihrer Verbreitung in Deutschland geholfen.

Mobiles Bezahlen mit dem Smartphone: Diverse Ausprägungen und Anbieter
Werden Waren und Dienstleistungen per Mobilgerät im E- und M-Commerce bezahlt, so spricht man von Remote Payments, da in diesem Fall das Internet den Vertriebskanal darstellt. Dabei können sowohl Mobile Wallets wie Apple Pay, Google Pay oder Samsung Pay genutzt werden oder spezielle Apps im Rahmen von In-App- oder App-to-App-Zahlungen. Der Begriff App Payment beschreibt die Bereitstellung von Bezahlmethoden in Form von Apps auf dem Smartphone. Dies können Applikationen sein, welche ausschließlich die Funktionalität des angebotenen Dienstes abbilden oder Dienste, welche mit Applikationen von Drittanbietern verbunden werden, um diesen eine Bezahlfunktionalität zu ermöglichen. Ein populäres Beispiel in diesem Kontext ist PayPal, welches sowohl eigenständig als auch im Checkout unterschiedlicher Onlineanbieter eingesetzt wird.

Anhand der Anzahl unterschiedlicher Ausprägungen sowie der Masse verschiedener nationaler und internationaler Anbieter und Dienstleister wird deutlich, dass mobiles Bezahlen nicht erst seit der Einführung von Apple Pay existiert. Besonders aus diesem Grund stellt sich unweigerlich die Frage, warum es so lange dauerte, bis eine einigermaßen kritische Masse Nutzen von dieser Technologie machte. Die Antwort lässt sich mit einem Begriff zusammenfassen: Partikularinteressen.

Partikularinteresse als Innovationsbremse
Ursprünglich wurde Mobile Payment durch die deutschen Mobilfunkanbieter getrieben. Durch die Einführung von Premium-SMS, waren diese in der Lage, Services wie beispielsweise das Jamba Sparabo, welches so manchen Mobilfunkvertrag in den dreistelligen Betragsbereich hob, abzurechnen. Basierend auf dieser Logik wurde versucht, auch normale Bezahlprozesse am POS abzubilden. Um dies zu realisieren, mussten Mobilfunkanbieter mit einem regulierten E-Geld Institut sowie einem Kreditkarten-Scheme als Technologiepartner kooperieren. Beispielsweise nutzten Vodafone sowie E-Plus die E-Geld Lizenz des heute insolventen Zahlungsabwicklers Wirecard sowie payWave (Visa Card) bzw. PayPass (Master Card) zur technischen Abwicklung.

Wenn Interesse an der Nutzung der Wallet Bestand, wurde dem Kunden eine neue SIM-Karte (NFC-SIM) zugestellt. Auf dieser Befand sich das Secure Element, welches noch heute zur Sicherung der sensiblen Kreditkartendaten genutzt wird. Darüber hinaus konnten lediglich Mobiltelefone verwendet werden, welche durch den Telekommunikationsanbieter abgenommen und freigegeben wurden. Abgerechnet wurde über die monatliche Mobiltelefonrechnung. Unglücklicherweise wurde das Produkt nicht von den Konsumenten angenommen was zur Einstellung diverser Initiativen führte. Dies kann sowohl an der Eigenpositionierung der Telkos in der Wertschöpfungskette des Bezahlprozesses, der niedrigen Anzahl an NFC-fähigen Terminals mangels Non-Contactless Fees der Schemes, oder der fragwürdigen Auswahl angebotener Mobiltelefone gelegen haben. Erst nach der Portierung des Secure Elements auf das Endgerät sowie der Einführung der Bezahldienste durch die Hersteller inklusive dessen Marketingbudgets, gewann mobiles Bezahlen an steigender Aufmerksamkeit. Dies in Kombination mit den von Beginn kundenzentrierten Prozessabläufen, simplifizierter Nutzung sowie der korrekten Interpretation des Begriffs kanalübergreifend, wurde mobiles Bezahlen in vielen Ländern eingeführt.

Bezahlen mit dem Handy in Deutschland? Ein Blick auf das Nutzerverhalten
Nur Deutschland ließ sich Zeit. Möglicher Grund hierfür kann das häufig beschriebene Phänomen der bargeldliebenden Gesellschaft sein, jedoch auch das Eigeninteresse der deutschen Banken, den von Apple geforderten Anteil an der Interchange oder Händlerentgelten lieber auf den eigenen Ertragskonten zu verbuchen. Dies ging so lange gut, bis sich die erste deutsche Bank als Vorreiter positionierte und mit dem Start von Apple Pay in den Kampf um den Konsumenten zog.

In der Zwischenzeit zeigt sich, dass sich die Nutzung des mobilen Internets durch alle Generationen in Deutschland zieht. Eine Studie der Postbank, die vor Corona erhoben wurde, spiegelt wieder, dass die Smartphones alle anderen mobilen Geräte abgehängt haben und ein ständiger Begleiter der Menschen hierzulande sind. Knapp 80 Prozent der Bürger gehen mit ihrem Handy ins Netz, Laptops liegen bei 71 Prozent und zu Desktop-PCs und Tablets greifen 58 bzw. 47 Prozent, wenn diese ins Internet möchten. Die jüngeren Kundensegmente waren schon vor der COVID19-Pandemie fast permanent online und dabei meistens mit dem Smartphone unterwegs. Dabei dürfte der Lockdown wegen Corona und die anhaltenden Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung diesen Trend noch verstärkt haben. Dieses Nutzerverhalten hat auch Auswirkungen auf das Mobile Payment und laut der aktuellen Bitkom-Studie geben ein Drittel der Bundesbürger an, Mobile Payment per Smartphone oder Smartwatch mindestens einmal verwendet zu haben. In der Umfrage aus dem Jahr 2016 waren dies lediglich acht Prozent.

Aufholjagd oder bereits abgehangen?
Aus der Entwicklung des mobilen Bezahlens in Deutschland wird sichtbar, dass der Gewinn des Kunden sowie dessen Interaktion mit einem angebotenen Dienst überlebenswichtig ist. Das dies auch die deutschen Banken verstanden haben, wird bei dem verzweifelten Versuch der Positionierung des Girokontos als Kundenkernprodukt deutlich. Nachdem mögliche Implikationen der PSD2 lange Zeit inkorrekt interpretiert wurden, bleibt jedoch unbeantwortet, ob dies noch realistisch ist. Erst als bereits andere Anbieter den durch bankeneigene Produkte dominierten Markt für sich eroberten, ließ die Selbstsicherheit der vermeintlichen Platzhirsche nach und eine klare Sicht auf die tatsächlichen Zustände wurde möglich. Ähnlich könnte es nach der Einführung von Samsung Pay mit dem deutschen Payment Markt aussehen.

Während die deutsche Kreditwirtschaft mit der Harmonisierung unterschiedlicher Interessenverbände und deren jeweiligen Bezahlmethoden zur Erreichung eins multikanalfähigen Produktes beschäftigt ist und #DK in letzter Instanz vom Phönix zum Papiertiger mutieren kann, werden 20 Millionen Verbraucher mit einer in Zukunft vorinstallierten App durch Samsung versorgt. Diese bietet neben dem kundenfreundlichen Onboarding über IBAN und qualifizierter elektronischer Unterschrift, der kanalübergreifenden Bezahlung von Waren und Dienstleistungen mit einer digitalen VISA Card und der Ausgabenübersicht in Form eines KPI Dashboards ebenfalls die Möglichkeit, Unterkonten anzulegen und Finanzierungen abzuschließen. Auf diese Art hat der durch die Solarisbank abgebildete Bezahldienst das Potential, alle relevanten Interaktionen für den Kunden zu übernehmen und die Kundeninteraktion mit dem Hauptkonto auf den monatlichen Lastschrifteinzug der Ausgleichszahlung zu reduzieren.

So verlieren klassische deutsche Banken Kunden, welche sich nach kurzer Bestätigung eines Akzeptanzvertrages im Neukundenportfolio der Solaris Bank AG wiederfinden. Und all das gibt es für einen bankenfreundlichen Revenue Share auf Basis der regulierten Interchange von 20 Basispunkten. Samsung hat verstanden, dass Konsumenten nur schwer von einem Service abweichen, wenn sie sich an die Annehmlichkeiten gewöhnt haben. Abzuwarten bleibt, ob dies auch von den aktuell in Umsetzung befindlichen Konkurrenzprojekten als Kundenanforderung und Fakt akzeptiert wird.

European Payment Initiative

Einheitliches Zahlungssystem für Europa, aller guten Dinge sind 3…oder 4?!

In den letzten zwei Dekaden haben sich bereits mehrfach namhafte europäische Unternehmen und Institutionen zusammengefunden, um die Entwicklung eines einheitlichen Zahlungssystems für die Eurozone voranzutreiben. Unter Namen wie Monnet, EAPS oder PayFair wollten insbesondere Banken und Zahlungsdienstleister ihre Kräfte bündeln, um die lokal sehr heterogene Zahlarteninfrastruktur mit innovativen Konzepten universell verfügbar und zukunftsfähig zu machen. Nachdem alle Initiativen gleichermaßen scheiterten, wird nun offenbar unter der Führung der EZB und der Europäischen Kommission, mit der European Payment Initiative (EPI), ein neuer Anlauf unternommen. Angesichts diverser Kommentare und Mitteilungen aus dem Kreis der Initiatoren, scheint dabei eines fest zu stehen – nicht innovative Zahlungssysteme sollen jetzt die Wettbewerbsfähigkeit in der Zukunft sichern, sondern ein aufgebohrtes SEPA-System Europa vor solchen schützen. Obwohl Ende 2019 bereits eine Entscheidung erwartet worden war, wie es mit der Initiative weitergehen soll, war es zwischenzeitlich erstaunlich ruhig geworden um das Thema europäisches Zahlungssystem. Anfang April ist nun aber ein Fragenkatalog der Europäischen Kommission aufgetaucht. Sie bittet darin interessierte Parteien, Fragen zur zukünftigen „retail payments strategy“ der EU zu beantworten. Da das Thema also kurzfristig wieder aktuell werden könnte, lohnt sich eine Analyse, ob eine solche Initiative, nach unserem bisherigen Verständnis, erfolgsversprechend sein dürfte.

Ein Pan-European Payment System? War da nicht schon einmal was?

Man könnte meinen, und täglich grüßt das Murmeltier, wenn man die nicht mehr ganz so jüngsten Mitteilungen liest, die eine neue Initiative zu einem einheitlichen europäischen Zahlungssystem melden. Wie hieß es bereits anno 2010? Vertreter von 24 Banken und europäischen Institutionen treffen sich in Madrid, um das sog. „Monnet Projekt“ ins Leben zu rufen. Es sollte dazu ausgelegt sein, ein neues „pan-European card scheme“ zu schaffen. Das Projekt wurde damals bereits 2 Jahre zuvor durch deutsche und französische Großbanken mit einer Machbarkeitsstudie ins Leben gerufen. Diese kam zu dem – durchaus begrüßenswerten – Schluss, dass eine länderübergreifende Payment Initiative zur Vereinheitlichung des fragmentierten europäischen Zahlungsmarktes und daher zur Entwicklung innovativer und nachhaltiger Konzepte beitragen würde. Im Grunde ging es hierbei aber schlicht darum, den etablierten Platzhirschen MasterCard, Visa und den einschlägigen FinTechs aus USA keine weiteren Marktanteile bei Zahlungen abgeben zu müssen und die europäische Datenhoheit zurückzuerobern. Bereits 2012 war allerdings die Luft raus und das Projekt wurde abgeblasen. Angeblich auf Grund unklarer Verhältnisse in Bezug auf die Regulierung kartenbezogener Interbankenentgelte.

2020: Zahlungssysteme zwischen Dominanz der Kreditkarten und neuen digitalen Währungen

Nun sind 10 Jahre vergangen. Die internationalen Kreditkartenfirmen haben in Europa weiter an Dominanz gewonnen – bereits 2016 erfolgten laut der EZB 67,5% der Zahlungen mittels in der EU ausgegebener Karten über die Systeme von MasterCard und Visa. Mehr oder weniger innovative Zahlverfahren sind über den großen Teich zu uns herübergeschwappt und neben privaten Konsortien wie Facebook, arbeiten bereits mehrere Länder an zukunftsweisenden Konzepten zu digitalen Währungen.

Und was kann man dieser Tage in den Nachrichten lesen? 20 europäische, insbesondere deutsche und französische, Banken haben sich zu einer Initiative zusammengeschlossen, deren Ziel es sein soll, ein „pan-European payment system“, auf Basis des SEPA Instant Settlement-Mechanismus, zu entwickeln. Was auffällt, es sind fast die gleichen Institutionen vertreten wie 2010, aber anstatt eines „card schemes“ bei Zahlungen soll jetzt ein einheitliches „payment system“ erschaffen werden. Allerdings, und das sei vorweggenommen, ist die Namensänderung kein Ausdruck einer wünschenswerten Erweiterung des Ergebnisraumes. Es ist eher die bedauernswerte Erkenntnis, dass man den Zeitpunkt verpasst hat, an dem man Feuer hätte noch mit Feuer bekämpfen können (sprich, die Dominanz der Kartenriesen noch mit einem eigenen innovativen Kartenangebot hätte brechen können).

Die EU und die große Furcht vor Innovationen

Mit der pan-European Payment System Initiative (kurz EPI, bzw. vormals unter dem Arbeitstitel PEPSI bekannt, bis sich anscheinend ein US-amerikanischer Brausehersteller ein wenig über diese Abkürzung mokierte) wollen, so scheint es, die hiesigen Banken einen erneuten, von der Industrie initiierten und geführten Anlauf in Richtung einer eigenständigen europäischen Zahlungslösung unternehmen. Tatsächlich aber legen diverse Quellen nahe, dass nicht die Banken hier die treibende Kraft sind, sondern die EZB für den neuerlichen Vorstoß verantwortlich zeichnet und auch diesmal die Furcht vor übermächtigen Kreditkartenanbietern und FinTechs von Übersee die entscheidende Rolle spielt. So warnte bspw. das ehemalige Vorstandsmitglied der EZB Benoît Coeuré in einem Kommentar zu EPI, dass „die europäischen Behörden insbesondere die amerikanischen Zahlungsanbieter als signifikante Bedrohung für die finanzielle Stabilität in der Eurozone“ sehen. Und der Vizepräsident der Europäischen Kommission Valdis Dombrovskis bekräftigte, dass „die Fähigkeit der Europäischen Union zur Entwicklung wegbereitender Innovationen in bestimmten strategischen Technologien über den Grad der Souveränität unseres Kontinents entscheiden wird“. Und der Zahlungsverkehr zähle als solch eine Technologie. Da von den beteiligten Banken bis heute keine Stellungnahme zu erhalten war, verstärkt sich der Verdacht, dass, ähnlich wie 2010, die aktuelle Initiative rund um die Zahlungssysteme kein technologisches, sondern ein politisch getriebenes Unterfangen zu sein scheint.

Im Gegensatz dazu scheint bspw. die von der Deutschen Kreditwirtschaft gestartete Initiative mit dem Arbeitstitel #DK das richtige Ziel zu verfolgen. Hier sollen die Payment-Assets am POS (girocard, bluecode) sowie im M- und E-Commerce (Paydirekt, giropay, bluecode, Kwitt) in ein konsolidiertes System integriert und unter eine einheitliche Corporate Governance gestellt werden. Inwiefern man sich dem Thema sachlich und im besten Interesse des Marktes bzw. der Kunden nähern wird, bleibt abzuwarten. Da aber davon auszugehen ist, dass die Akteure bei EPI und #DK dieselben sind, wird es spannend sein, zu sehen, welche Abhängigkeiten und Implikationen sich zwischen diesen beiden Projekten ergeben werden und man diese sinnvoll nutzt oder sich wieder einmal verzettelt.

Internationale Zahlungssysteme – und die Abhängigkeit Europas

Eine der ersten Fragen, die sich hier natürlich stellt, ist die, ob die Furcht vor dem Verlust der Souveränität gerechtfertigt ist. Und da gibt es durchaus Punkte, die nicht von der Hand zu weisen sind. So kann man im Moment beobachten, dass die USA vermehrt Sanktionsmaßnahmen als legitimes politisches Mittel betrachten. Und dieser Trend beeinflusst zunehmend auch europäische Marktteilnehmer. Im Iran-Konflikt führten technologische Abhängigkeiten dazu, dass Firmen von Airbus bis Siemens ihren Handel mit der islamischen Republik schlicht einstellen mussten, da die Abwicklung der Zahlungsströme über das in Belgien ansässige Nachrichtennetzwerk SWIFT läuft und der Aufsichtsrat u.a. aus Vertretern amerikanischer Großbanken besteht. In Russland führten ähnliche Konflikte bereits zur Entwicklung des nationalen Zahlungssystems MIR, nachdem MasterCard und Visa bei der Annexion der Krim kurzzeitig ihre Dienstleistungen für russische Banken einstellten. Aber auch ganz generell gibt es natürlich Bedenken, wenn Zahlungsströme über Netzwerke außerhalb der Eurozone abgewickelt werden. So haben europäische Institutionen keinerlei Autorität über internationale Anbieter und nur eine beschränkte Aufsicht. Viel schwerwiegender könnte allerdings das Thema Sicherheit ins Gewicht fallen, da ein gemeinsamer Währungsraum natürlich sehr viel verwundbarer für Angriffe und Störungen von außen ist.

Wie abhängig ist Europa beim Thema Zahlungssystem aber eigentlich von den internationalen Akteuren? Immerhin operieren ja auch hierzulande einheimische Kreditkarten- und Zahlartenanbieter, die nicht auf die Infrastruktur transatlantischer Unternehmen angewiesen sind. Schaut man sich bspw. den Kartenumsatz in den sieben größten Volkswirtschaften Europas an, dann wird deutlich, dass lokale Kartensysteme, wie die girocard in Deutschland oder Carte Bancaire in Frankreich, dominieren. Diese verfügen trotz der koexistierenden MasterCard- und Visa-Systeme in diesen Ländern über einen erheblichen größeren Marktanteil. Darüber hinaus gibt es im Bereich der SEPA Überweisung oder der Lastschrift faktisch keinerlei Wettbewerb und auch regionale, alternative Zahlarten, wie bspw. Klarna, Sofort oder Trustly gewinnen als Alternative zur Kreditkarte immer mehr an Bedeutung bei Kunden und Händlern. Gibt es also gar keinen Grund zur Panik?

Nun, wie oben bereits angesprochen, ist auch bei nicht kartenbasierten Zahlarten nicht auszuschließen, dass ein gewisser transatlantischer Einfluss vorhanden ist. So wird die Interbankenkommunikation bei SEPA Transaktionen unter anderem über SWIFT abgewickelt. Darüber hinaus ist dieser Dienstleister unter amerikanischer Aufsicht auch eine der offiziellen Zertifizierungsbehörden für den globalen Nachrichtenstandard ISO 20022. Dieser gilt als neuer Standard für alle Überweisungen über das TARGET System. Darauf sind auch die Real Time-Settlement Systeme der EZB (TIPS) und der EBA (RT1) ausgerichtet. Somit sind weder herkömmliche noch zukünftige Transaktionen im SEPA-Netzwerk vollständig unter europäischer Kontrolle.

Und auch wenn die lokalen Kartensysteme in den jeweiligen Ländern dominieren, so führt die mangelnde Interoperabilität der regionalen Infrastrukturen dazu, dass bereits der überwiegende Großteil an grenzübergreifenden Kartenzahlungen Co-Branded, also über das MasterCard- oder Visa-System, abgewickelt wird. Ganz zu schweigen davon, dass in den übrigen europäischen Ländern, ohne eigenes Kartennetzwerk, schon heute die internationalen Schemes bei Zahlungen führend sind.

Digitale Zahlartenlösungen werden Europa nicht retten

Jetzt könnte man dagegenhalten, dass die Entwicklung im Zahlungsverkehr ja vermehrt in Richtung digitaler Lösungen und zulasten von Kartenzahlungen geht. Aber davon abgesehen, dass auch hier die führenden Anbieter sogenannte Fin- oder Bigtechs aus den USA sind, basieren auch diese Methoden überwiegend auf der dahinterliegenden Karteninfrastruktur. So ist bei der Wallet Lösung von PayPal neben dem Konto meist eine Master- oder Visacard hinterlegt und auch bei ApplePay ist noch solange eine Kreditkarte notwendig, bis die Sparkassen es endlich geschafft haben, ihre girocard digital verfügbar zu machen.

Wesentlich entscheidender ist aber, dass bei digitalen Zahlarten das Frontend vom Backend entkoppelt wird. Heißt, der für jeden Zahlungsanbieter wichtige Zugang zum Kunden wird von der eigentlichen Leistung des Prozessierens getrennt. Der Kartenherausgeber wird zu einem reinen technischen Dienstleister degradiert, ohne Zugriff auf die so wichtigen Kundendaten. Nur der originäre Anbieter der Zahlungslösung verfügt dann noch über Informationen bezüglich Art der Transaktion, Wert und individuellen Vorlieben der Kunden. Und der sitzt bekanntermaßen eher in Amerika als in Deutschland, Dänemark oder Frankreich. Beziehungsweise inzwischen sogar vermehrt in Asien, wo mit der Tencent all-in-one Chat-Lösung WeChat, mit eingebauter Zahlfunktion, und AliPay bereits die nächsten großen Wettbewerber für die Marktführerschaft im internationalen Zahlungsverkehr in den Startlöchern stehen.

Bezahlen: eine Frage der Einfachheit und Kosteneffizienz, nicht der Nationalität

Angst ist und war allerdings nie ein guter Ratgeber, obwohl es in der aktuellen Corona-Krise scheint, als ob die Entscheidungsträger ausschließlich davon getrieben werden. Das gilt insbesondere, wenn es um technische Innovationen geht. In einer Welt des globalen Handels ist es doch wirklich fraglich, welchen Wert die Marktteilnehmer einer Initiative beimessen werden, deren erklärtes Ziel die Stärkung nationaler Identität ist. Verstehen Sie uns nicht falsch. Eine Harmonisierung des fragmentierten Zahlungsmarktes wäre durchaus zu begrüßen. Die Menge an nationalen Zahlungssystemen und Zahlarten ist unübersichtlich und ineffizient. Aber wie alle gesellschaftlichen und ökonomischen Maßnahmen, müssen sich auch Initiativen im Zahlungsmarkt an ihrer Zielerreichung messen lassen. Dabei bemisst sich die Akzeptanz neuer Formen des Bezahlens grundsätzlich aber eher an Einfachheit und Kosteneffizienz, nicht an dem Grad der größtmöglichen Abschottung.

Moderne Probleme erfordern moderne Lösungen, nur nicht in der EU?

Während auf globaler Ebene das Verlassen eingetretener Pfade als notwendige Voraussetzung für Innovation gesehen wird, suchen die europäischen Institutionen mit EPI ihr Heil im altbewährten SEPA Retail System. In der Ausprägung des SCT Inst.-Verfahrens immerhin mit der Möglichkeit, Überweisungen und Lastschriften „instant“, also unmittelbar, verbuchen und mit Inkrafttreten der PSD2 das Konzept auch auf Nicht-Banken übertragen zu können (Stichwort: Open Banking). Aber wo liegt der Mehrwert für Endkunden und die Händler? Wenn ich als Kunde einmal meine Kreditkarte bei PayPal hinterlegt habe, wieso sollte ich zu einem SEPA-basierten Angebot wechseln? Dort kann ich heute schon „instant“ Geld überweisen und brauche bis auf eine E-Mail-Adresse keine zusätzlichen Informationen beim Bezahlen anzugeben. Die PayPal Transaktion kostet mich keinen Cent und bei Bedarf ist mein Einkauf sogar über den Käuferschutz abgesichert. Bei der Überweisung über das SEPA instant Settlement-System gibt es hingegen keine Möglichkeit, mich gegen Betrug abzusichern. Ist das Geld einmal verbucht, kann ich es nicht mehr zurückholen.

Für Händler hingegen würden sich durchaus Vorteile ergeben. Eine unmittelbare Gutschrift auf dem Firmenkonto ist für sie sehr vorteilhaft. Insbesondere in Verbindung mit der Tatsache, dass der Kunde nach dem Bezahlen das Geld nicht wieder zurückbuchen kann. Auch ist bereits zu beobachten, dass Händler erfolgreich die komplizierten und teuren Kostenstrukturen der Kreditkartenanbieter zugunsten von Anbietern mit account-to-account (A2A) Lösungen umgehen (bspw. in der Luftfahrtbranche mit IATA als PISP). Aber ultimativ ist der Endkunde noch immer der entscheidende Faktor dabei, welche Zahlarten sich am Markt durchsetzen und bis jetzt haben wir noch keine Lösung am Markt oder Horizont identifizieren können, die z.B. in Bezug auf Einfachheit und Geschwindigkeit mit einer Kontaktloszahlung am POS mithalten kann, um die „Party an der Kasse“ zu vermeiden. Daher ist es zumindest mutig, anzunehmen, dass Händler alternativen, lokal begrenzten Zahlarten den Vorzug aufgrund protektionistischer Erwägungen der Europäischen Kommission geben werden.

Instant Zahlungssysteme als besondere Herausforderung für Banken

Und selbst für die Banken sind die Auswirkungen alles andere als eindeutig. Mit SCT Inst. rücken sie wieder mehr in den Mittelpunkt der Transaktion. Sie können ihren Kunden ein Zahlverfahren anbieten, das nicht nur im stationären Handel, sondern auch im E-Commerce attraktiv ist. Aber das SCT Inst.-Verfahren stellt sie auch vor wesentlich größere Herausforderungen. So sind im Regelwerk zwar die Geschwindigkeit der Nachrichtenübertragung, der maximale Betrag einer Transaktion und die Erreichbarkeit geregelt, aber nicht die Clearing- und Settlement-Mechanismen (CSM). So fällt die Bereitstellung des Überweisungsbetrages auf dem Empfängerkonto mit dem tatsächlichen Eingang des Geldes regelmäßig auseinander. Je nach Transaktionsvolumen stellt ein zeitversetztes und garantiebasiertes Settlement aber erhebliche Anforderungen an das Liquiditätsmanagement der Bank. Das bedeutet, dass Banken erst eigene Ansätze entwickeln müssen, um den Kunden attraktive Instant Payment Lösungen anbieten zu können, ohne zu große eigene Risiken einzugehen.

EPI: Die Initiative, nach der niemand gefragt hat?

Bei den unterschiedlichen Bedürfnissen und Herausforderungen stellt sich nun letztlich die Frage, sind die individuellen Interessen in der Gruppe der Initiatoren wenigstens angemessen repräsentiert. Unter dem Aspekt, dass EPI keine technologische, sondern eine politische Initiative zu sein scheint, ist es wahrscheinlich nachvollziehbar, dass in keinem der Berichte, die bis jetzt zum Thema zu lesen waren, die Namen MasterCard oder Visa als Partnerunternehmen auftauchen. Nachvollziehbar sicherlich insoweit, dass man sich ja gerade gegen die Marktmacht der genannten Firmen zur Wehr setzen möchte. Aber im Sinne der Schaffung eines neuen europäischen Zahlungssystems eher wenig verständlich. Man sollte doch meinen, dass insbesondere die deutschen Banken aus ihren Fehlern bei Paydirekt gelernt haben. Hier ist die Umsetzung einer durchaus guten Idee, an dem Versäumnis der Initiatoren gescheitert, wirklich alle relevanten Marktteilnehmer von Anfang an in die Produktentwicklung mit einzubeziehen. Doch weder werden die Schlüsselunternehmen des erfolgreichen „Vier-Parteien-Systems“ aus Banken, Acquirern, Karteninhabern und Händlern einbezogen, noch scheint eine Beteiligung von namhaften europäischen Payment-Dienstleistern geplant zu sein. Dabei sind es doch gerade Unternehmen wie Adyen, Worldline oder Nets, die ultimativ den Zugang zu den Händlern gewährleisten.

Aber wie eingangs schon beschrieben, kann man den Banken diesmal wohl keinen Vorwurf machen. Offensichtlich sind es ja die Europäische Kommission und die EZB, die, in gemeinschaftlicher kognitiver Dissonanz vereint, schreien: „jetzt erst recht“, während der Rest der Welt bereits tatsächlich an innovativen Konzepten feilt. Vielleicht sollte man einfach mal auf die Institutionen hören, die man ja eigentlich vertreten soll. Als Beispiel sei hier der Zusammenschluss von über 200 Banken und FinTechs in Deutschland unter dem Dach des Bankenverbands genannt. Bereits 2019 äußerten sich die Mitglieder explizit, dass sie „programmable digital money“ als Innovation mit dem größten Potential sehen, zur entscheidenden Schlüsselkomponente bei dem nächsten Schritt der digitalen Evolution zu werden. Und zwar insbesondere in Bezug auf Kosteneffizienz, Einfachheit und (Achtung: Europäische Kommission) Wettbewerbsfähigkeit. Denn im Zeitalter des „Internet of Things“ und mit 5G in den Startlöchern, wird die, auf Europa beschränkte, schnelle Übermittlung von XML-Nachrichten wohl langfristig eher keinen Wettbewerbsvorteil mehr darstellen. Dann reden wir über Zahlvorgänge, die heute noch gar keine Rolle spielen, bspw. wenn in Zukunft ein autonomes E-Auto an eine Ladesäule fährt und die getankte Menge mittels Krypto- oder Digitalwährung direkt bezahlt. Eine Bank wird dann nicht mehr zwangsläufig notwendig sein. Das Geld wird vom Wallet des Zahlers, auf Basis einer entsprechend digitalen Übertragungstechnologie, direkt in das Wallet des Empfängers gebucht.

Regulatorische Rahmenbedingungen: Das A und O für ein innovatives Wettbewerbsumfeld der Zahlungssysteme

„Dafür ist es aber notwendig, dass die entsprechenden regulatorischen Rahmenbedingungen geschaffen werden“, sagt Gilbert Fridgen, Gründer und Leiter des Fraunhofer Blockchain-Labors. Und genauso äußern sich die Unternehmen des Bankenverbands. Geht es nach ihnen, dann sollten die Gesetzgeber und Regulatoren die notwendige Basis für digitale Innovationen schaffen und die privaten Institutionen würden ihren Teil zur Entwicklung eines nachhaltigen und innovativen Währungssystems schon beitragen. Inwieweit die Banken tatsächlich bereit sind, weiter an ihrem eigenen Ast zu sägen, bleibt dabei abzuwarten. Aber insbesondere in Bezug auf technische Innovationen ist die Schaffung eines regulatorisch begünstigten Wettbewerbsumfeldes für Zahlungssysteme wohl eher zielführend, als das Zementieren wenig zukunftsorientierter Marktstrukturen, wegen des angeblichen Verlustes nationaler Souveränität.

„Zukunft des Handels: ein Ende des Payment Wettbewerbs?“

Payment ist kein Selbstzweck

Payment ist ein Wachstumsmarkt und es entstehen auch im Jahr 2020 beinahe täglich spannende Startups, neue Bezahlmethoden und interessante Partnerschaften. Es werden exorbitante Summen von Private Equity Firmen und anderen Marktteilnehmern für Paymentfirmen gezahlt, immer in der Hoffnung auf das noch größere Wachstum und die Gewinne in der Zukunft. Dabei sollte man jedoch nie vergessen, dass Payment kein Selbstzweck ist. Niemand braucht Payment um des Payments willen. Payment wird gebraucht, um Handel zu ermöglichen. Der Tausch von Waren und Dienstleistungen gegen Geldwerte ist der ureigene Zweck, warum es Payment Services gibt. Es hilft den vielen Firmen und Menschen, ihre Waren und Dienstleistungen an andere Menschen und Marktteilnehmer verkaufen zu können. Dass die Kunden und Verbraucher es toll finden, wenn dies möglichst einfach und reibungslos geht, ist klar. Vermutlich hätte aber auch niemand etwas dagegen, wenn man auf den lästigen Prozessschritt „Bezahlen“ gänzlich verzichten könnte. Insbesondere vor dem aktuellen Hintergrund des Corona Virus und der Übertragbarkeit von Viren über Bargeld oder Bezahlterminals, verweisen viele Händler darauf, die Vorzüge des bargeldlosen und idealerweise sogar kontaktlosen Bezahlens zu nutzen. Das führt uns zu einer steilen These: der heilige Gral des Payments wäre es, sich selbst abzuschaffen – das Payment überflüssig zu machen. Naja, vielleicht nicht überflüssig, aber eben noch stärker in den Hintergrund zu treten und nahtlos in die Prozesse zu integrieren. Das heißt komplett geräuschlos. Ohne Interaktion.

Das Anstehen an der Kasse wird wegoptimiert

Schon seit geraumer Zeit haben die großen Supermarktketten EDEKA und REWE in Deutschland Services wie Self-Scanning für den Checkout als Piloten eingeführt, im Ausland schon viel früher. Die eigentliche Arbeit soll möglichst an den Endkunden ausgelagert werden, Kassierer werden dabei zunehmend überflüssig bzw. auf eine überwachende Funktion reduziert. Leider bleibt immer noch ein letzter Prozessschritt über – der Kunde muss noch bezahlen. Auch das Zahlen würde man dem Kunden gerne abnehmen und so entwickeln sich aktuell Konzepte wie Amazon Go. Saturn experimentiert ebenfalls mit dieser Art an unkomplizierter und nahtloser Kaufabwicklung, auch Real pilotiert solche Tests. Alle haben gemeinsam, dass sie auf die ein oder andere Art versuchen den Prozess des „Ware aufs Band legen und Bezahlen“ vollständig zu automatisieren bzw. abzuschaffen. In manchen Fällen muss der Kunde hier eine App nutzen, um dann selber die Waren zu scannen und am Schluss in der App oder an einem Bezahlterminal zu bezahlen. Im Idealfall geht der Kunde einfach mit der Ware in der Hand aus dem Laden, dabei erkennt Smart Technology den Kunden und die Ware und rechnet den Einkauf vollautomatisch ab, wie zum Beispiel bei Amazon Go. Der Kunde erhält seinen Bon oder eine Rechnung einfach in der App oder per Email zugeschickt, sobald er aus dem Laden gegangen ist. Diesen aus Kundensicht sehr einfachen Bezahlprozess kennt man schon vom Uber-Produkt. Alles, was der Kunde vielleicht noch merkt, ist die Abbuchung auf dem Konto oder er sieht den Eintrag auf der Kreditkartenabrechnung. Hierfür hat sich der Kunde im Regelfall vorher irgendwo registriert, z.B. in einer App, seine gewünschte Zahlart hinterlegt und die Zahlung einmalig autorisiert. Das besondere an diesen Prozessen ist, dass sie sich auffällig stark denen aus dem eCommerce angleichen. Der große Unterschied zum Bezahlen am POS ist, dass der Kunde nicht mehr bei jedem Kauf entscheidet, wie er bezahlt, sondern dies nur einmal festlegt und entsprechend für wiederkehrende Zahlungen in der Zukunft einmalig autorisiert. Entsprechend ist diese hinterlegte Zahlart für immer oder bei Kreditkarten bis zum Ablauf der Gültigkeit festgelegt. Der Wettbewerb der Zahlarten ist beendet, die Zahlungsmethode vordefiniert und fest eingespeichert. Amazon als der relevante Player im eCommerce überträgt seine Kompetenz aus der Online-Welt mehr und mehr auch in die Offline-Welt. Nach dem Kauf von Whole Foods, experimentiert Amazon mit Amazon Go nun mit eigenen physischen Stores und hat bereits angekündigt, diese Technologie auch anderen Händler anzubieten.

Aus IOT werden schnell Maschine-zu-Maschine-Payments

Immer mehr Geräte im Alltag sind im Jahr 2020 vernetzt, werden smart und zunehmend selbstständig. Gemeint sind inzwischen weit verbreitete Geräte wie Google Home oder Amazon Alexa, aber auch des Deutschen liebstes Spielzeug, das Automobil. Bis das Auto selbstständig die Bezahlung an der Tankstelle auslösen kann, wird nicht mehr viel Zeit vergehen. Erste Initiativen wie Shell SmartPay oder BPme gehen bereits in diese Richtung. Bezahlen, ohne den eigentlichen Bezahlprozess durchzuführen, geht auch bereits im Voice Commerce mit Amazon Alexa. Bei der Bestellung per Sprache wird das Einkaufserlebnis im Extremfall auf wenige Worte wie „Alexa, bestell neues Toilettenpapier!“ reduziert. In Zeiten von Corona, wo das Toilettenpapier zum Statussymbol mutiert, vielleicht gar nicht so schlecht. Keine langwierige Artikelauswahl mehr mit Preisvergleichen und Lesen von Bewertungen. Die Entscheidung über die Auswahl des Zahlmittels? Die ist einmal bei der Einrichtung erfolgt und wird nie wieder beachtet. Die Zahlung wird einfach ausgeführt. Auch an dieser Stelle gibt es dann keinen Wettbewerb der Zahlarten mehr.

Verschmelzung von POS und eCommerce führt zur Vereinheitlichung der Bezahlwege

Ein weiterer wichtiger Trend im Handel ist Omni-Channel. Als großes Buzzword von der Paymentindustrie durchs Dorf getrieben, schafft es dieser Trend so langsam in die Realität. Kunden erwarten und fordern ein einheitliches Einkaufserlebnis und das Auflösen der Grenzen zwischen stationärem Handel und Online-Handel. Für Kunden diverser Händler ist es inzwischen selbstverständlich die im Internet oder mobil gekaufte Ware im nächsten Laden umzutauschen und anders herum. Ist ein gewünschter Artikel im Laden nicht verfügbar, kann dieser problemlos nach Hause geliefert werden. Der Kunde erwartet ein durchgängiges Erlebnis, die hinterlegte Versandadresse sollte dem stationären Laden genauso bekannt sein wie dem Online-Shop. Ebenso verhält es sich mit den Zahlarten. Nahtlose Übergänge, Rückzahlungen und Bezahloptionen. Alles eine Selbstverständlichkeit aus Kundensicht. Für Unternehmen, Händler und Payment-Dienstleister bedeutet dies großzügige Umbaumaßnahmen, Vereinheitlichung der Legacy IT-Infrastrukturen, Anpassung der ERP-Systeme und -Prozesse sowie vor allem für Dienstleister natürlich, dass sie ein Angebot und eine Lösung aus einer Hand anbieten müssen. Der Händler braucht für sein Business alles, was der Kunde verlangt. Alle großen Payment-Anbieter haben sich inzwischen mehr oder weniger gut darauf eingestellt und ihre Systeme, Services und Lösungen optimiert. Hier zeigt sich, dass sich die beiden Welten nicht nur angleichen, sondern es gar überlappende, durchgängige und interaktive Warenwirtschaftsprozesse geben kann. Klar, dass dies auch zur Vereinheitlichung der Bezahlalternativen führen wird und dies bereits auch so wahrgenommen wird.

Die Zukunft des Payments ist der Hintergrund

Sein hart verdientes Geld abzugeben, macht selten Spaß. Quälend langsame Prozesse, mühsame Eingaben von Sicherheitsfeatures und das Merken all der 3DS Passwörter… so wirklich will das kein Mensch. Und ein Händler will eigentlich nur Umsatz machen, d.h. Conversion. Die Einzigen, die Umständlichkeit toll zu finden scheinen, sind die Regulatoren, die mit der PSD2 gerade die Latte noch ein wenig höher gehängt haben und dem Verbraucher das Bezahlen ein wenig schwerer machen werden. Umso mehr wird der Wunsch bei den Kunden reifen, diesen unerfreulichen Prozess aus dem Sichtfeld in den Hintergrund zu verbannen. Bezahlen mit einem kurzen Blick aufs Handy (FaceID & ApplePay oder Google Pay), einem kurzen Button-Click (PayPal OneTouch) oder einfach gemütlich aus dem Laden spazieren (Amazon Go) – der eigentliche Bezahlvorgang rückt in den Hintergrund, wird am besten beinahe unsichtbar. Diejenigen, die sich bei diesem großen Trend an erster Stelle platzieren können und die der Kunde als präferierte Bezahlmethode einspeichert, werden die Gewinner der nächsten großen Epoche des Payments werden. Je weniger der Kunde aktiv tun muss, um sich an dem Bezahlvorgang zu beteiligen, desto besser werden es die Kunden im Kontext eines mehrwertstiftenden Einkaufserlebnisses finden. Und dann wird sich lange nichts mehr ändern. Warum sollte der Kunde seine Zahlart wechseln, wenn alles still und leise im Hintergrund funktioniert? Welchen Anreiz hätte er denn? Ich meine… vermutlich keinen oder der Payment-Anbieter muss sich die Präferenz teuer erkaufen…

Etwas einfach erscheinen zu lassen, ist meist die größte Herausforderung

Das Unternehmen Apple investiert Millionen, wenn nicht gar Milliarden in die Entwicklung und das Design seiner Produkte. Es ist kein Zufall, dass iPhones derart leicht zu bedienen sind und ein sehr schlichtes Design haben. Wer schon mal versucht, hat ein Bild zu malen oder eine Webseite zu designen, der weiß, dass es wahnsinnig schwer ist, Dinge ganz elegant und schick aussehen zu lassen oder einen Endkundenprozess so zu gestalten, dass er sich ganz natürlich anfühlt. Dasselbe gilt, wenn man versucht das Payment in den Hintergrund rücken und alles ganz leicht erscheinen zu lassen. In der Tiefe ist Payment wahnsinnig fragmentiert und kompliziert. Es gibt eine Vielzahl an Protokollen, Regelungen und beteiligten Marktteilnehmern. Allein die neuerlichen Regelungen zur Strong Customer Authentication mit der Payment Service Directive 2 und dem damit einhergehenden neuen Standard 3DS 2.0 sind schwindelerregend kompliziert. Schaut man auf Deutschland ist insbesondere die sehr dezentrale und inhomogene POS Infrastruktur eine große Herausforderung. Hier den notwendigen Grad an Standardisierung und Harmonisierung zu erreichen, der notwendig sein wird, um für den Endkunden die Welt des Payments quasi unsichtbar zu machen, wird große Herausforderungen für Payment Service Provider, Netzbetreiber, Acquirer, Händler, Schemes und Regulatoren gleichermaßen bedeuten.

Wie herausfordernd Standardisierung sein kann, wenn man sie im internationalen Kontext herbeiführen will, das lässt sich in den letzten Jahren eindrucksvoll bei dem Versuch beobachten, einen einheitlichen Stecker-Standard zum Laden von Mobiltelefonen einzuführen. Seit Jahren versucht die EU dies voranzutreiben und die Hersteller, allen voran Apple, werden immer kreativer die Regelungen der EU zu umgehen. Vor ähnlichen Herausforderungen wird die Payment Welt stehen. Niemand der Anbieter in der Wertschöpfungskette wird ein großes Interesse daran haben, sich selbst überflüssig zu machen und sich in der Unsichtbarkeit verstecken zu lassen. Das Wettrennen der Payment Anbieter zum „Alles-Könner-Omni-Channel-Alles-aus-einer-Hand-Payment-Anbieter“ wird auch 2020 weiter gehen, denn jeder will genau das seinen Kunden anbieten können. Alles aus einer Hand, nahtlos integriert, weitestgehend im Hintergrund und dabei als Unternehmen doch noch selber gutes Geld verdienen.

Wir dürfen sehr gespannt sein, welcher Payment Anbieter es schaffen wird, all diese Herausforderungen seines Business bestmöglich aufzulösen. Klar ist, die Abgrenzung zwischen Online und Offline verschwimmt immer mehr und Vertreter beider Milieus versuchen dieses nahtlos abzudecken…

„Fiskalisierung: Neue Kassen für Händler in Deutschland?“

Zum 01.01.2020 tritt in Deutschland die Fiskalisierung in Kraft.

Diese Maßnahme verfolgt das primäre Ziel, die Generierung von Schwarzgeld durch Dokumentation eines jeden entstandenen Geschäftsvorfalls einzudämmen. In einem Schreiben des Bundesministeriums für Finanzen vom 06.11.2019 wurde dem entgegenstehend bekanntgegeben, Händlern eine weitere Schonfrist bis zum 30.09.2020 einzuräumen. Diese beschreibt, dass Händler ohne eine technische Sicherheitseinrichtung bis zum Ablauf der Frist keine Strafen zu befürchten haben. Trotz dieser Übergangsfrist wirft die Fiskalisierung bei Händlern mehr Fragen als Antworten auf. Insbesondere wie die besagte Umstellung stattfinden soll, welche Regeln gelten und was bei Nichteinhaltung geschieht, ist nicht vollends geklärt. Aus diesem Grund thematisiert folgender Blogbeitrag zunächst die hartnäckigsten Mythen und beschäftigt sich im Nachgang tiefgehend mit dem Thema Fiskalisierung.

Die Registrierkassenpflicht kommt nach Deutschland!

Die Fiskalisierung und die damit einhergehende Kassensicherungsverordnung (KassenSichV) ist nicht gleichzusetzen mit einer Registrierkassenpflicht. Diese gibt es in Deutschland nicht und ist derzeit nicht geplant, da die Umsetzung aus Sicht des Gesetzgebers aus Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten unverhältnismäßig und mit hohem Verwaltungsaufwand verbunden ist. Dies gilt insbesondere bei Wochenmärkten, Gemeinde-/ Vereinsfesten oder Hofläden und Straßenverkäufern sowie für Personen, die ihre Dienstleistungen nicht an festen Orten anbieten. Ausnahmen wären zudem nicht rechtssicher abgrenzbar. Somit können die Spektren von einer offenen Ladenkasse über die mechanische Registrierkasse bis hin zur EDV-Registrierkasse gehen.

Ich muss mir eine neue Kasse kaufen!

Realität: Ist die Kasse nach dem 25.11.2010 (§ 30 Abs. 3 zu Art. 97 EGAO) gekauft worden, GoBD konform und bauartbedingt nicht aufrüstbar, gilt eine Übergangszeit bis 01.01.2023. Sollte die Kasse aufrüstbar sein, hat eine entsprechende Aufrüstung durch den Kassensystemhersteller zu erfolgen.

Geprüftes Kassensystem: Registrierkassen müssen ab dem 01.01.2020 zertifiziert sein!

Nein, lediglich die technische Sicherheitseinrichtung / Software muss zertifiziert werden. Diese Einrichtung besteht aus einem Sicherheitsmodul, welches die Kasseneingaben mit Beginn eines Aufzeichnungsvorgangs zur Verhinderung von nachträglicher Manipulation protokolliert, einem Speichermedium, welches die Einzelaufzeichnungen für die Dauer der gesetzlichen Aufbewahrungspflicht speichert sowie einer einheitlichen, digitalen Schnittstelle, zur Gewährleistung der reibungslosen Datenübertragung für Prüfungszwecke. Wie bereits eingangs erwähnt, wird vorerst trotz des Inkrafttretens der KassenSichV keine Ahndung bei Verstoß der Umsetzung stattfinden.

Die KassenSichV tritt am 01.01.2020 in Kraft?

Ja, offiziell wird die KassenSichV am 1. Januar 2020 in Kraft treten. Aus dem Schreiben des Bundesministeriums für Finanzen vom 06.11.2019 geht jedoch hervor, dass Aufzeichnungssysteme im Sinne des §146 AO die keine technische Sicherheitseinrichtung besitzen, bis zum 30.09.2020 nicht beanstandet werden. Dies bedeutet ebenfalls, dass die im August 2019 veröffentlichte digitale Schnittstelle der Finanzverwaltung für Kassensysteme (DSFinV-K) keine Anwendung findet.

Was genau ist eine Fiskalisierung? Bin ich GDPdU und GoBD konform und was hat der Paragraph §146 AO (Abgabenordnung) damit zu tun? Muss ich mir eine neue Kasse/ Tablet kaufen oder ab Januar gar mein hippes Kassensystem im schlanken Design gegen einen der Klötze von anno dazumal eintauschen?

Computer und die damit zusammenhängenden Möglichkeiten gehören heutzutage zum Alltag. Dies gilt auch für die elektronische Verarbeitung von Daten. So wurden im Laufe des letzten Jahrhunderts Systeme zur Buchführung im Handel von ihrer ursprünglichen, papierhaften Variante auf elektronische Systeme zur Buchführung umgestellt. Unglücklicherweise wurden diese elektronischen Buchführungssysteme häufig missbraucht, um eine nachweisfreie Manipulation von Umsatzdaten und die damit zusammenhängende Hinterziehung von Steuern und Sozialabgaben zu ermöglichen. Um diese Hinterziehung einzugrenzen, fanden in den 1980er Jahren erste Datenträger zur Speicherung von Umsatzdaten Verwendung. Der daraus resultierende Vorgang, der die Speicherung von Umsatzdaten und damit die Staatskasse zum Ziel hatte, wurde als Fiskalisierung bekannt.

Knapp 40 Jahre nachdem die ersten Fiskalspeicher eingesetzt wurden, soll nun eine flächendeckende Verordnung, die sog. KassenSichV für die elektronische Registrierkassenlandschaft erarbeitet und durchgesetzt werden. Die Fiskalisierung von elektronischen Registrierkassen mit ihren Anforderungen dient ausschließlich der Bekämpfung von Händlern, welche Gelder steuerfrei verarbeiten und somit einen Wettbewerbsvorteil gegenüber denen erhalten, die ihre Umsätze ordnungsgemäß angeben. Diese Thematik hat besondere Relevanz, da aktuelle Kassensysteme Hintertüren besitzen, welche von Anwendern ausgenutzt werden können. Multiway, ein Kassensystemhersteller für Asia-Restaurants, der es anscheinend ermöglichte, gebuchte Artikel zu stornieren, um Steuern zu hinterziehen, sorgte mit dieser Funktion Anfang 2019 für Aufsehen. Der Wille zur Hinterziehung geht in einigen Fällen soweit, dass Kunden lediglich eine neue Registrierkasse erwerben, wenn diese die nachweisfreie Löschung von Umsätzen zulässt. Somit hat eine staatliche Regulierung – welche bei konsequenter Einhaltung der Regularien durch die Kassensystemhersteller nicht notwendig gewesen wäre – neben der Reduzierung von möglichen Schwarzgeldern – auch eine Aufhebung des finanziellen Vorteils von hinterziehenden Händlern zur Folge.

Um einen besseren Einblick in die bevorstehende Fiskalisierung der deutschen Registrierkassenlandschaft und ihre Anforderungen zu erhalten, müssen einige Begrifflichkeiten wie GoBD, Kassensicherungsverordnung oder §146 AO geklärt werden.

GDPdU und GoBD?

Die GDPdU oder „Grundsätze zum Datenzugriff und zur Prüfbarkeit digitaler Unterlagen“, die zum 01.01.2002 in Kraft getreten ist, hat als Verwaltungsvorschrift erstmalig den Steuerpflichtigen durch eine enthaltene Mitwirkungspflicht zur Verantwortung gezogen. Hierdurch mussten Unternehmer alle steuerrechtlichen Daten für 10 Jahre archivieren und den Steuerbehörden während einer Prüfung bei Bedarf zur Verfügung stellen. Am 01.01.2015 wurde die GDPdU von der GoBD abgelöst. Die GoBD oder „Grundsätze zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern, Aufzeichnungen und Unterlagen in elektronischer Form sowie zum Datenzugriff”, beinhaltet als Verwaltungsvorschrift, dass eine Unveränderbarkeit der Daten gegeben sein muss. Darüber hinaus gehört die Einzelaufzeichnungspflicht sowie die Möglichkeit des Datenexportes in einem vordefinierten Format zu den allgemeinen Grundsätzen der GoBD. Die einfache Speicherung der kumulierten Schichtumsätze in Form der sog. Z-Berichte, also den Tagesabschlussberichten an den Kassen, ist nicht ausreichend. Die Einhaltung der Richtlinie zum Schutz vor Manipulation muss hierbei durch die Kassenhersteller garantiert werden. Die tatsächliche Kontrolle liegt jedoch bei den zuständigen Finanzämtern. In diesem Kontext relevant, weder die GDPdU noch die GoBD haben die durchsetzbare Wirkung einer Verordnung, da lediglich die Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung (GoB) in der Abgabenordnung geregelt sind. Bedingt durch die Tatsache, dass seitens des Finanzministeriums keine eindeutige Aussage getroffen wurde, welche Kriterien eine elektronische Registrierkasse einhalten muss, um konform zu sein, bietet somit die GoBD nicht zwangsweise eine Rechtssicherheit.

Neue Standards durch Kassensicherungsverordnung (KassenSichV)?

Im Gegensatz zu GDPdU und GoBD ist die KassenSichV eine Verordnung des Finanzministeriums, die neue Standards zur Verhinderung von Manipulationen an Registrierkassen verbindlich vorschreibt. Die KassenSichV vom 26.9.2017 basiert auf dem Gesetz zum Schutz vor Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen vom 16.12.2016. Ab dem 01.01.2020 müssen in Deutschland Registrierkassen, deren Bauart es technisch zulässt, mit einer sogenannten technischen Sicherheitseinrichtung (TSE) ausgestattet sein. Die Sicherheitseinrichtung speichert die Transaktionen der Kasse auf ihrem internen Speicher und liefert einen Code zurück an die Kasse. Dieser Code ist auf jeden Verkaufsbeleg zu drucken. Die Daten müssen in einem für das Finanzamt exportierbaren Protokoll gespeichert werden. Kassen, die zwischen nach dem 25.10.2010 und vor dem 31.12.2019 gekauft werden und nicht aufrüstbar sind, können bis zum 31.12.2022 erneuert werden.

Obschon nun die Begrifflichkeiten geklärt sind, bleibt die Frage der gesetzlichen Durchsetzung sowie der Konsequenzen für Händler bei Nichteinhaltung. Die Regelungen zur Nachschau der Transaktionsdaten sagen aus, dass ein Kassenprüfer unangekündigt während der üblichen Geschäftszeiten das Geschäft betreten und die Benutzung der Kasse (keine Ausweispflicht; Stichwort Testkauf) beobachten darf. Darüber hinaus dürfen die Prüfer bei der Geschäftsleitung (oder einem befähigten Vertreter) einen Kassensturz (Ausweispflicht) verlangen. Dies gilt neben Geschäftsräumen auch für Verkaufswagen, z.B. Food Trucks. Sollten die geprüften Aufzeichnungen nicht ausreichen, kann auf Anordnung eine Außenprüfung folgen. Wer nach dieser Masse an Informationen als Fazit zieht „Alles gut und schön, aber was passiert, wenn ich so weiter mache wie gehabt und im schlimmsten Falle ein Bußgeld zahle“, der sei an dieser Stelle gewarnt. Bei Einsatz nicht konformer Kassensysteme (inklusive Sicherungseinrichtung) kann der Händler mit einer Geldbuße von bis zu 25.000 Euro bestraft werden.

Das Ziel der KassenSichV ist die nachträgliche Manipulation von Umsatzdaten festzustellen und zu verhindern. Hierbei erfolgt die Prüfung über den Journalexport sowie Auswertungs-, Programmier- und Stammdatenänderungsdaten, welche durch eine Software der Finanzämter geprüft wird. Die dafür notwendige, technische Sicherheitseinrichtung besteht aus einem Sicherheitsmodul, einem Speichermedium und einer digitalen Schnittstelle, welche das Auslesen des Exports ermöglicht. Zukünftig werden Belege von konformen Systemen eine fortlaufende Signatur inklusive eindeutiger Informationen des vorherigen Belegs aufweisen. Diese Signatur wird verschlüsselt in einem Sicherheitsmodul gespeichert und kann somit nicht verändert werden. Reißt die Kette der Signaturen ab kann schnell herausgefunden werden, an welcher Stelle eine Manipulation stattgefunden hat. Besagtes Modul muss konsequent erreichbar sein, da nicht nur während der Signaturerstellung, sondern auch bei Eingabe der Artikel Kommunikation zwischen der Kasse und dem Sicherheitsmodul stattfindet. Bedingt durch diese ständige Erreichbarkeit ist eine deutliche Implikation, dass Cloud-basierte Kassen ab dem 01.01.2020 nicht mehr offline fähig sein dürfen, sofern hierdurch die Kommunikation zum Modul abbricht. Aus diesem Grund sollte der Kontakt zum Kassensystemhersteller gesucht werden, da dieser die Lösung bzw. Software für sein System zur Verfügung stellen muss.

Fazit: Ist die Umsetzung via neuer Kassensysteme wirklich die Lösung?

Mit der kurzen Zusammenfassung der nicht ganz neuen Idee der deutschen Fiskalisierung und die Beantwortung der wichtigsten Fragen, bleibt die Frage nach dem Fazit. Es ist unbestritten, dass Deutschland ein Bargeld-affines Land ist. Ebenso wenig umstritten ist, dass nicht jeder Euro ordnungsgemäß beim Fiskus dokumentiert wird. Offen bleibt jedoch die Frage, ob die Umsetzung via neuer Kassensysteme wirklich die Lösung für das Problem der Steuerhinterziehung ist, oder nicht gar andere schafft. Welche Implikationen hat die Papierhafte Belegausgabe in einer immer stärker ökologisch denkenden Gesellschaft? Ist es zeitgemäß einen geschlossenen Standard in einer Open Source arbeitenden Gesellschaft zu etablieren? Wird das in Form von Bargeld hinterzogene Steuergeld durch die definierten Ausnahmen wirklich reduziert?

Die Beantwortung dieser Fragen steht aktuell noch aus. Sicher ist lediglich, dass das ab Januar 2020 inkrafttretende Gesetz wirkungslos bleiben wird, sollten Standards nicht unmissverständlich definiert und durch angemessenen Aufbau an prüfendem Personal kontrolliert werden.