Von KYC zur One-Click-Identity: Wie die EUDI-Wallet Payments verändern könnte
Identitätsnachweis und Authentifizierung im Payment in einem integrierten Wallet-Flow? Die auf Initiative der Europäischen Union für Anfang 2027 geplante Einführung der EUDI-Wallet könnte dies leisten. Für Banken, PSPs, Händler und Plattformen stellt sich die Frage, wie KYB/KYC, SCA, Checkout und Fraud-Management sich verändern, wenn verifizierte Identitätsdaten walletbasiert und grenzüberschreitend für Endkunden und Unternehmen verfügbar werden.
Von der eIDAS-Verordnung zur EUDI-Wallet
Ein zentrales Element der 2024 novellierten eIDAS-Verordnung ist die Einführung einer europäischen digitalen Identität (EUDI) für die elektronische Identifizierung von Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmen und Verwaltung. Die EUDI soll in der gesamten EU mittels einer digitalen Brieftasche, der EUDI-Wallet, per Smartphone und ähnlichen Geräten den Zugang zu digitalen Diensten vereinfachen und eine sichere Authentifizierung bei ihrer Nutzung ermöglichen.
Die EUDI-Wallet ist als EU-weit geltender harmonisierter Rechts- und Technikrahmen für digitale Identitäten und Datenaustausch konzipiert, in der Identifizierungsdokumente, qualifizierte Attributnachweise, Zertifikate, elektronische Signaturen und anderen Daten verschlüsselt gespeichert werden können. Die Ausgestaltung der EUDI-Wallet obliegt unter festgelegten Vorgaben den einzelnen Mitgliedsstaaten der EU. Besonders hohe Anforderungen liegen bei Datenschutz und Sicherheit der Wallet, um die Vertraulichkeit und Integrität der persönlichen Daten zu gewährleisten. Das Besondere dabei: Die EU-weite, grenzüberschreitende Nutzung ist rechtlich vorgeschrieben.
Damit hat die Einführung der EUDI-Wallet das Potenzial, als grundlegende Infrastruktur für digitale Interaktionen das Payment-Umfeld deutlich zu verändern. In diesem Blogbeitrag möchten wir die EUDI-Wallet zunächst regulatorisch einordnen, um dann ihre strategische Relevanz für das Payment-Ökosystem zu erläutern.
Regulatorische Relevanz für das Payment-Ökosystem
Mit eIDAS 2.0 ist ein klarer Rechtsrahmen für die EUDI-Wallet vorgegeben. Im Payment-Kontext ist dieser Rechtsrahmen vor allem für Onboarding/KYC/KYB, starke Authentifizierung und Attributnachweise relevant. Regulierte Sektoren wie Gesundheit, Transport/Mobilität, Energie, Banken und Finanzen, Postdienste, Bildung, digitale Infrastruktur und Trinkwasser sind verpflichtet, EUDI-Wallets in ihre Prozesse einzubinden. Auch sehr große Plattformen und Marktplätze wie Amazon, Apple oder Google müssen als wichtige Zugangspunkte für digitalen Handel und Finanzdienste die EUDI-Wallet in ihre Angebote integrieren. Dabei sind Vorgaben einzuhalten: Service-Provider und andere „relaying parties“ müssen sich registrieren und ihren Datenbedarf offenlegen. Sie dürfen neben der Identität, wenn erforderlich, außerdem Attributnachweise, qualifizierte Signaturen oder Siegel nutzen.
Durch den gemeinsamen europäischen Rahmen und gemeinsame technische Spezifikationen entsteht mit der EUDI-Wallet erstmals eine EU-weite Infrastruktur für alle Marktteilnehmer – mit einem europaweit verbindlichen Standard für digitale Identität. In Kombination mit dem Regelwerk der PSD2 im Zahlungsverkehr und den dort definierten Anforderungen für eine sichere Authentifizierung sind mit der Einführung der EUDI-Wallet wichtige Voraussetzungen für eine breite Marktdurchdringung besonders im Payment-Umfeld geschaffen.
Die Stärken der EUDI-Wallet
Die geplante EUDI-Wallet beinhaltet deutlich mehr Features und einen umfassenderen Leistungsumfang als vorherige eID-Ansätze. Durch die direkte Verbindung von Identität, Attributen und Berechtigungen lassen sich standardisierte Lösungen an verschiedenen Punkten der Customer Journey in den Transaktions- und Authentifizierungsprozess einbinden. Dies vereinfacht zum Beispiel in Embedded-Finance- und Plattformmodellen die komplexe Customer Journey.
One-Click-Payments, wie sie in Shop-Konten oder mittels gespeicherter Karten bei PayPal, Apple Pay oder Google Pay bereits üblich sind, lassen sich mit der EUDI-Wallet für Anbieter und Nutzer sicherer gestalten – zum Beispiel, indem die gespeicherte Zahlungsart automatisch mit einer Wallet-basierten Authentifizierung oder einem Attributnachweis wie zum Beispiel dem Alter des Käufers (relevant beim Kauf von regulierten Gütern wie Alkohol oder Tabak) kombiniert wird.
Im Bankenumfeld ermöglicht die EUDI-Wallet vollständig digitalisierte und automatisierte Onboarding- und Authentifizierungsprozesse sowie grenzüberschreitend sichere digitale Zahlungen. Und im durch KI automatisierten Agentic Commerce ist die EUDI-Wallet potenziell ein sinnvolles Werkzeug um zu prüfen, für wen ein Agent handelt, was er darf und ob eine Transaktion tatsächlich autorisiert ist.
Ein weiterer Nutzen der EUDI-Wallet ist in der besseren Vermeidung von Fraud und Chargebacks zu sehen. Bei Betrug durch Identitätsmissbrauch, synthetische Identitäten, schwache Registrierungen, unzureichende Alters- oder Attributprüfung oder Account-Missbrauch ist eine kryptografisch verifizierte Identität, wie sie die EUDI-Wallet beinhaltet, ebenso zielführend wie zur Vermeidung von Chargebacks durch unautorisierte Nutzung oder falsche Identitäten.
Darüber hinaus sind durch die Einführung der EUDI-Wallet im Payment-Ökosystem neue Geschäftsmodelle rund um Verifikation und Attribut-Orchestrierung zu erwarten. In Deutschland wird es beispielsweise Anbietern möglich sein, als zertifizierte Alternative zur staatlichen Referenzwallet weitere UX-optimierte Wallet-Lösungen auf den Markt zu bringen.
Erfolgschancen der EUDI-Wallet: Eine Einschätzung
Die rechtliche Verbindlichkeit gibt der EUDI-Wallet einen enormen Startvorteil – der aber nicht automatisch für einen Erfolg sorgt. Aus Sicht von OSTHAVEN kann die EUDI-Wallet sich nur dann als zentrale Infrastruktur für digitale Identität in Europa etablieren, wenn es gelingt, sie im Markt durchzusetzen. Einen zentralen Hebel für Skalierung und Nutzerakzeptanz der EUDI-Wallet liegt daher vor allem in der Integration in reale, hochfrequente Anwendungsfälle im Payment-Umfeld und attraktive Use-Cases.
Hierzu bedarf es der Akzeptanz durch die Nutzerinnen und Nutzer. Die bereits genannten regulierten Sektoren sind zwar verpflichtet, die EUDI-Wallet ergänzend zu bereits erprobten Lösungen in ihre Prozesse einzubinden – eine Nutzungspflicht für Endkunden besteht jedoch nicht. Sie können nur durch spürbar bequemere und schnellere Prozesse überzeugt werden: One-Click-Payments und Instant Onboarding machen Zahlungsprozesse aus User-Sicht bequemer. Dafür ist ein einheitlicher Standard enorm hilfreich. Gelingt es nicht, die Anwender von den Vorteilen zu überzeugen, besteht das Risiko, dass die EUDI-Wallet trotz ihrer regulatorischen Verankerung ein Nischenprodukt bleibt.
Umgekehrt dürfte eine breite nutzerseitige Akzeptanz dazu führen, dass weitere Marktteilnehmer auf den Zug aufspringen: Unternehmen und Plattformen, die nicht verpflichtet sind, die EUDI-Wallet als Angebot in ihren Payment Stack aufzunehmen, können aber prüfen, ob und für welche Prozesse es sinnvoll ist, gezielt Informationen aus der EUDI-Wallet zu integrieren, um die Bedürfnisse von Kunden besser erfüllen zu können. Insbesondere Händler könnten, so unsere Einschätzung, einiges gewinnen, da sie von verbesserten Konversionsraten, reduzierten Abbruchquoten und geringerem Fraud profitieren.
Zugleich stellt sich die Frage, welche neuen Wettbewerbsdynamiken die EUDI-Wallet auslösen könnte. Aus Sicht von OSTHAVEN würden Banken und PSPs von Effizienzgewinnen profitieren, weil Abläufe weiter automatisiert und verschlankt werden könnten. Diese Automatisierung birgt jedoch zugleich die Gefahr, dass die Kundenschnittstellen sich verändern, also Banken und PSPs als eigentliche Anbieter in der Wahrnehmung weniger sichtbar und damit möglicherweise austauschbarer werden.
Wallet-Anbieter und Technologieplattformen wiederum werden verstärkt um das Frontend konkurrieren, um in Konkurrenz oder als Ergänzung zur staatlichen EUDI-Wallet zertifizierte Wallet-Angebote auf den Markt zu bringen.
Die Potenziale für B2B- und vertretungsbezogene Prozesse sind schwieriger einzuschätzen. Da die Mitgliedstaaten auch für Unternehmen mindestens eine Wallet bereitstellen müssen, könnte dies in Verbindung mit Signaturen und Vertretungsnachweisen B2B-Bestellungen, Finanzdienstleistungen, Versicherungen und Vertragsprozesse verändern. Im November 2025 hat die Europäische Kommission als Ergänzung des EUDI-Frameworks einen offiziellen Vorschlag für eine Verordnung zur Einrichtung einer European Business Wallet unterbreitet, die auf dem bestehenden EUDI-Ökosystem aufbauen soll. Es ist noch offen, ob, wann und mit welchen Änderungen dieser Vorschlag Teil des EU-Rechts wird.
Ein wichtiger Punkt ist angesichts sich verändernder politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen ebenfalls im Blick zu behalten: Die EUDI-Wallet kann, auch wenn sie kein Zahlungsmittel ist, im Payment ein Gegengewicht zur Abhängigkeit von nicht-europäischen Lösungen hinsichtlich sicherer Identitätslösungen schaffen. Sie ist somit neben Wero und digitalem Euro ein weiterer Schritt hin zu einem wettbewerbsfähigen europäischen Zahlungsmarkt.