Intelligenter Fortschritt oder technologische Spielerei?
Unser heutiger Lebensalltag ist geprägt von der Allgegenwertigkeit globaler Informationen. Ein wesentlicher Beitrag zu diesem Evolutionsschritt ist sicherlich die Einführung, Nutzung und fortlaufende Optimierung von Smart-Devices und den dazugehörigen smarten Applikationen. Auch im Zahlungsverkehr ist diese Bewegung seit Jahren auf dem Vormarsch und vor allem im Bereich der sog. „alternativen Zahlungsmethoden“ ein wesentlicher Processing-Bestandteil.
Wenn bundespolitische Institutionen sich heute bemühen, mit „smarten Applikationen“ das Reich der Digitalisierung zu erobern (Beispiele sind u. a. die i-Kfz-App, die digitale ID-Card, NINA), ist das ein eindeutiges Anzeichen dafür, dass das Thema „Smartifizierung“ längst alle unsere Lebensbereiche erreicht hat.
Was heißt eigentlich „smart“ in unserem Leben?
Der Begriff „smart“ mag nicht immer ganz klar umrissen sein und mitunter ein individuelles Verständnis des Lesers mit sich bringen.
In seiner ursprünglichsten Wortbedeutung im Englischen stand es für schmerzhaft, stechend oder beißend. Von dieser Semantik ist aber nicht viel übriggeblieben. Unser heutiges Verständnis von „smart“ ist eher mit den Adjektiven intelligent, digital vernetzt, intuitiv und vielleicht auch „mit einem Hauch von Eleganz ummantelt“ beschreibbar.
Und genau diese „neuzeitliche“ Interpretation des Begriffes sorgte für die Bezeichnung einer ganzen Generation von Kommunikations-Peripherie (Hard- wie auch Software), die eben auch maßgeblich zur smarten Payment-Abwicklung genutzt wird.
Der Weg zur smarten Gesellschaft
In den 1990ern waren die Mobiltelefone der „letzte heiße Sch…“ einer sich digital internationalisierenden Weltbevölkerung. Und mit dieser sich neu entwickelnden Vernetzung kam der Wunsch und auch die Notwendigkeit auf, dieses Wissen immer und überall greifbar zu haben. Und so entstanden Anfang der 2000er mit den Blackberrys die ersten wirklichen Smart-Devices, welche jederzeit auch mobil Informationen aus dem World Wide Web („WWW“) bereitstellen konnten.
Ganz im Sinne dieser sich neu herauskristallisierenden Anforderungen entwickelte der Visionär Steve Jobs seinerzeit ein ganzheitliches Konzept aus „smarten Devices“ und „smarten Applikationen“. Er hat es wie kein anderer verstanden, die „smarten“ Eigenschaften seiner Soft- und Hardware-Produkte mit den Anforderungen der Gesellschaft zu verheiraten und daraus ein gesamtheitliches Konzept inklusive passendem Marketing zu generieren.
In unserer heutigen „smarten“ Online-Welt haben viele stationäre wie auch Online-Dienstleister ihre eigenen smarten Apps, die deren Dienstleistungen anpreisen und sogar verkaufen möchten. Diese erwähnte Zahlungsfunktion ist allerdings von App zu App sehr unterschiedlich ausgeprägt – und genau dieses Phänomen wollen wir unter dem Aspekt des „smarten Processings“ einmal etwas genauer analysieren.
Smartes Payment
Das „smarte Payment“ – so wie der Begriff landläufig in unserer Gesellschaft genutzt wird – definiert sich heutzutage in erster Linie am Frontend, sprich der Endkunden-Schnittstelle. Ganz analog zur o. a. Semantik verstehen wir unter einem „smarten Payment“ meist die Möglichkeit, mit Hilfe unserer Smart Devices (Handy, Tablet, Watch etc.) Zahlungen auslösen und verwalten zu können.
Ob eine Zahlung aus Endkundensicht nun aber auch wirklich „smart“ ausgeführt werden kann, liegt zum einen an der Intuitivität der genutzten Payment-App und andererseits an dem Feature-Set selbiger.
Der Grad der Intuitivität beflügelt den Zugang zum Endkunden und sorgt zumindest für einen Hype bei den Registrierungen der Endkunden in besagter Payment App (und somit beim Dienstleister). Das Feature Set entscheidet dann über den Erfolg bei den Click-Zahlen der Transaktionen in der App. Umkleidet man diese beiden Aspekte dann noch mit einem Hauch von „Eleganz“ (also einer augenfreundlichen Visualisierung in der App), kommt man der etymologischen neuzeitlichen Bedeutung von „smart“ schon sehr nahe.
Heute existieren am Markt unzählige unterschiedliche Wallet-Apps, über welche ein Endbenutzer seine unterschiedlichen Zahlungs-Medien digital verwalten und auch Zahlungen auslösen kann. Bei uns in Deutschland haben nur wenige Banken den Zugang externer Payment-Apps in ihre smarten Online-Banking-Apps zugelassen. Im Wesentlichen sind hier die Sparkassen zu nennen, die mittels ApplePay eine Online-Zahlung der girocard noch Mitte 2020 einführten. Erst mit Wero haben sich die an Wero teilnehmenden Banken in Deutschland für eine Integration dieser Zahlart in ihre Online-Apps geöffnet. Bei den Payment-Wallets, die nicht den Banken angehören, sind es am Ende immer meistens nur Apple bzw. Google, über welche die willigen digitalen Zahler ihre Zahlungen mehrheitlich ausführen. Und dann gibt es da natürlich noch die smart-Apps der jeweiligen Scheme-Betreiber (PayPal, Wero, Bizum, Bluecode etc.).
Alle diese Applikationen werden als smarte Apps auf den Smart-Devices ausgeführt und erfüllen weitestgehend die in der Wortbedeutung von „smart“ erwähnten Eigenschaften. Aus Endkunden-Sicht sind also die meisten dieser Payment-Apps als „smart“ zu bezeichnen.
Das „smarte“ Backend Processing
Mit dem Auslösen einer Zahlung in der Payment-App – wie wir alle wissen – ist die Zahlung aber nicht am Ende, sondern lediglich initiiert. Die eigentliche „Magie“ der Zahlung folgt in einer mitunter nicht immer ganzheitlich transparenten digitalen Welt im Hintergrund mit unterschiedlichsten Processing-Teilnehmern. Und hier lohnt es sich einmal, die Lupe etwas zielgenauer einzusetzen, um zu prüfen, wie „smart“ die Zahlung denn wirklich abläuft.
Eine Zahlung, die über eine „smarte“ App ausgelöst wird, verläuft klassischerweise in drei Schritten:
- Authentifizierung des Zahlenden
- Autorisierung des Zahlungsbetrages
- Belastung des Zahlungsbetrages.
Die Prozesse 1 und 2 werden über die App in Interaktion mit dem Zahlenden ausgelöst. Schritt 3 kann ebenfalls aus der App heraus im Beisein des Zahlenden ausgelöst werden („Cardholder Initiated Transaction“), kann aber auch im Nachhinein durch den Händler ohne Anwesenheit des Zahlenden (sog. „Merchant Initiated Transaction“) ausgelöst werden. Der Händler entscheidet, welche Variante zum Einsatz kommt.
Schon die Authentifizierung kann ausschlaggebend sein, wie „smart“ eine Zahlung durchgeführt werden kann. Seit der PSD2 und dem mit ihr eingeführten Zwei-Faktor-Mandat existieren die unterschiedlichsten technischen Möglichkeiten, einen Zahlenden zu authentifizieren. In den Apps dieser Tage – seien diese durch den Händler selbst betrieben (REWE-App, Lidl-App, Edeka-App etc.) oder aber durch einen Wallet-Betreiber (Apple, Google, Paypal, Wero etc.) – wird dieser zweite Faktor meist über ein biometrisches Abgleichverfahren (Fingerprint, Face ID etc.) durch das Smart Device durchgeführt. Im Falle von durch Händler betriebenen Apps kann das sogar über sog. „1-Click-Verfahren“ vereinfacht werden, indem die Authentifizierung nur einmalig erfolgt und dann am Zahlverfahren in der Händler App fest verankert wird.
Man sieht also schnell, die „smarte“ Logik einer Authentifizierung kann verschiedene Ausprägungen und somit auch verschiedene Convenience-Level innehaben. Somit ergeben sich logischerweise auch unterschiedlich wahrgenommene „smarte“ Verfahren, die um die Gunst des Zahlungswilligen buhlen.
Auch die Verarbeitung der Autorisierung kann durchaus an Komplexität mithalten. Während die einfachste Form der Autorisierungsverarbeitung einfach die Verfügbarkeit des Gesamtbetrages einer Zahlung beim Issuer garantiert, können in einer erweiterten Form auch Teilautorisierungen einen Gesamtbetrag formen, die einzeln zu unterschiedlichen Zeitpunkten eingelöst werden können. Eine dritte Form sind die sog. PREAUTHs, (z.B. am Tankautomaten), bei welchen eine Maximalsumme autorisiert wird und im Nachhinein je nach Bedarf ein Teilbetrag eingezogen wird. Alle beschriebenen Verfahren lösen beim Issuer ganz unterschiedliche Prüfungen/Prozesse aus, die wiederum unterschiedliche Komplexitäts-Grade beinhalten.
Die unterschiedlichen Varianten der Zahlungsbelastungen, die durch Händler oder direkt aus der App ausgelöst werden, sind weitestgehend durch die zuvor beschriebenen Anwendungsfälle abgedeckt. Und dennoch stecken auch hier noch wiederum weitere Varianten der Datenübermittlung zwischen Acquirer und Issuer, welche wiederum die Komplexität erhöhen können. Dazu kommt dann noch, dass gerade bei über Smart-Devices ausgelösten Zahlungsvorgänge sog. SDKs zum Einsatz kommen, die je nach PSP/Netzbetreiber in ihrer technischen Umsetzung variieren können. Diese SDKs („Software Development Kit“) stellen Händlern besondere Schnittstellen (APIs) zur Verfügung, mit welchen zur Zahlung zusätzliche Device-Informationen (z. B. Geräte-Hersteller, Geräte-Modell, genutztes biometrisches Verfahren bei der 2FA, OS-Version) an den Issuer übertragen werden, damit dieser diese Daten bei seiner Risiko-Profilaxe der eingereichten Zahlung mitberücksichtigen kann.
In der Regel gilt bei all diesen Betrachtungen die folgende Faustregel:
Je höher die Komplexität in den Schnittstellen der Zahlungsabwicklung, desto mehr Optionen können dem Zahlenden angeboten werden – und umso breiter ist somit das angebotene Feature-Set – und umso „smarter“ gestaltet sich die benutzte Payment-App respektive die dazugehörige Processing-Strecke.
Wie smart sind wir also wirklich bei der Zahlungsabwicklung?
Es zeigt sich aus den o. a. Überlegungen, wie inhomogen die ganzheitliche Verarbeitung eines Zahlungsvorganges (inklusive der mit ihm verbundenen Prozesse) durch die unterschiedlichen an der Zahlung beteiligten Prozessoren und Zahlverfahren sein kann.
Zurückgreifend auf die eingehend betrachtete Etymologie des Wortes „smart“ kann man sicherlich festhalten, dass alle Prozesse – egal durch welche Partei ausgeführt – digital und miteinander vernetzt erbracht werden. Wenn es dann aber in Richtung Intuitivität geht, mag das noch am Frontend, also im Bereich der App-Nutzung, gegeben sein. Aber die Prozesse im Backoffice können diesem Kriterium nicht gerecht werden, da sie weniger intuitiv als vielmehr pragmatisch dem Ziel einer effizienten Backend-Verarbeitung dienend konzipiert wurden.
Und dann war da ja auch noch dieser „Hauch von Eleganz“. Auch dieses Kriterium hat im Front-End sicherlich Gewicht, kann es letztlich sogar einen Endkunden von der Nutzung einer App abhalten oder ihn umgekehrt begeistern. Im Bereich des Backoffice würde man dieses Kriterium vielleicht im Bereich des Händler-Reportings erwarten. Leider ist aber heutzutage – laut Aussage vieler Händler – genau das ein wirkliches Manko bei den meisten PSPs/Netzbetreibern. Kurz gesagt: Eleganz im Backoffice gibt es eher nicht.
Ein gesamtheitlich als „smart“ prozessiertes Zahlverfahren dürfte es also realistisch betrachtet heute nicht geben. Mit dieser Einschätzung ist zwar die Digitalisierung der verschieden existierenden Zahlarten nicht in Frage gestellt, deren „Smartifizierung“ aber leider noch lange nicht erreicht.
Wie werden Zahlungen clever & smart?
Die nächste Evolutionsstufe nach Einführung der smarten Lebensweise könnte eine „clevere & smarte“ Lebensweise sein. Sprich, unsere smarten Handhelds und Applikationen/Prozesse lernen, sich intelligent zu verhalten.
In Bezug auf unsere Payment-Thematik könnte man folgende Aspekte bei der Definition eines solchen Vorhabens berücksichtigen:
- Die „smarte“ Abwicklung in der App ist heute schon gesetzt und darf natürlich zukünftig höchstens verbessert werden. Eine Anreicherung von Payment-Features in bestehenden Apps ist oft sinnvoll oder sogar notwendig, um der Vergleichbarkeit der Konkurrenz standzuhalten.
Und natürlich ist bei genau dieser Weiterentwicklung die Unterstützung durch Methoden der künstlichen Intelligenz ein wesentlicher Booster. Keine Sorge, das heißt nicht, dass wir alle zukünftig unser eigenes kleines Atomkraftwerk auf dem Bollerwagen hinter uns herziehen müssen, um den Energiedurst der KI in der Payment App zu stillen, aber vielleicht hilft die KI, mit Prozessen rund um „Agentic Commerce“ oder auch bei selektiver Optimierung von aktuellen Loyalty/Marketing-Kampagnen den Payment Prozess zu vereinfachen. - Ein Echtzeit-Reporting seitens der PSPs/Netzbetreiber gegenüber dem Händler inklusive aller Transaktionsdaten (inklusive Settlement- und Invoicing-Daten) wäre wünschenswert. Dieses Reporting sollte mindestens die Aspekte „Intuitivität“ und „Eleganz“ bei der Konzeption berücksichtigen.
- Ein Echtzeit-Reporting seitens der ausführenden Schemes gegenüber dem Acquirer/Netzbetreiber inklusive aller Transaktionsdaten (inklusive Settlement- und Invoicing-Daten) wäre wünschenswert
- Übertragung der Settlement-Beträge zwischen allen Beteiligten in Echtzeit (SEPA-Instant) mit einhergehender Echtzeitverarbeitung aller Eingangsbeträge und sich direkt anschließender Weiterverfügung.
- Vereinheitlichung von Settlement-Verfahren (Brutto vs. Netto) über alle Zahlverfahren eines PSPs/Acquirers/Netzbetreibers wäre aus Händler-Sicht eine große Errungenschaft.
Am Ende geht es darum, Zahlungen vom Start (Authentifizierung des Endkunden) bis zum Ende (Abrechnung mit dem Händler) möglichst einfach bedienbar, nachvollziehbar auf Transaktionsebene, und zeitnah durch alle Instanzen abzuwickeln.
Wenn das auch noch unabhängig von der verwendeten Bezahlmethode gelingen kann, dann macht sich ein echter Mehrwert für die Händler erkennbar, der diesem Dienstleister sicherlich die ihm gebührenden Pluspunkte beim Händler verschafft.
Gerade die neuen „smarten“ Bezahlverfahren buhlen ja um die Gunst des Händlers. Und wie schon anfangs erwähnt ist der Türöffner (smartes Frontend) notwendig, aber nicht hinreichend für den Erfolg der Bezahlmethode. Diese benötigt die Akzeptanzseite, um mittels ausreichender Skalierung genügend Traktion auf das System zu bekommen. Eine „end to end smartifizierte Bezahlmethode“ kann helfen, genau diese oftmals große Lücke auf der Akzeptanzseite zu schließen.
Fazit
Die jetzt erkannten Schwachstellen auf dem Weg zur vollständig smarten Verarbeitung einer Zahlung sind bei unterschiedlichen Prozessoren verortet, die wiederum ganz unterschiedliche Interessen für ihren eigenen Erfolg in den Vordergrund stellen.
Das das Zahlinstrument bereitstellende Scheme (sofern man das auch für die alternativen Bezahlmethoden als Instanz gelten lassen kann) muss aber eigentlich von Beginn an bei der Konzeption all diese Interessen gegeneinander abwägen und – wenn möglich – zum Benefit aller mit dem Zielbild eines smarten ganzheitlichen Bezahlvorganges sein Produkt und dessen Prozesse ausgestalten. Das war aus verschiedensten Gründen in der Vergangenheit leider nicht immer der Fall.
Lassen wir uns also positiv überraschen, welche Innovationen in den kommenden Jahren den Weg zur vollständig cleveren & smarten Bezahlmethode pflastern werden.